“Wir setzen auf das Zwischenmenschliche”, imedo-Geschäftsführer Christian Angele im Interview, Teil 2

Gestern erschien Teil 1 unseres Interviews mit imedo-Chef Christian Angele. In Teil 2 geht es unter anderem um die Zukunft des Gesundheitswesens und was es bedeutet, mit einer schweren Krankheit leben zu müssen. […]
“Wir setzen auf das Zwischenmenschliche”, imedo-Geschäftsführer Christian Angele im Interview, Teil 2

Gestern erschien Teil 1 unseres Interviews mit imedo-Chef Christian Angele. In Teil 2 geht es unter anderem um die Zukunft des Gesundheitswesens und was es bedeutet, mit einer schweren Krankheit leben zu müssen.

Wie positionieren Sie sich gegenüber anderen gesundheitsbezogenen Seiten?
Wir sehen uns als eine Kombination aus Selbsthilfegruppe und Expertenrat. Und dadurch positionieren wir uns anders als andere Portale, NetDoktor etwa. Das ist 100 Prozent Expertencontent. Wir fahren auf einer anderen Schiene. Wir haben unsere magische Mischung von 80 Prozent Selbsthilfe und etwa 20 Prozent Expertenmeinung. Darin sehen wir das beste Rezept. Die Leute interessiert die Fachmeinung, aber viel mehr noch das, was drum herum passiert. Letztendlich ist das auch eine finanzielle Frage. Expertencontent ist teuer!

Wie werden diese Expertenmeinungen eingebaut?
Wir haben verschiedene Ideen, wie wir diesen Inhalt verknüpfen werden. Die Leute erhalten beispielsweise Informationen zu einer ganz speziellen Krankheit – etwa wie bei NetDoKtor – und können dann aber anschließend in den Selbsthilfebereich einsteigen. Wir setzen viel mehr auf das Zwischenmenschliche. Daran werden wir in den nächsten Monaten unter Hochdruck weiter arbeiten. Eine Idee war beispielsweise der Chatbereich. Zurzeit können sich dort die User austauschen, aber künftig könnten dort auch Experten im Live-Chat beraten. Wir denken stark in Richtung „Online-Arzt“ und „Health-Management“ – in USA ist man mit diesen Ideen schon sehr viel weiter. In New York beispielsweise gibt es einen Arzt, der nur noch online behandelt.

Denken Sie, dieses Modell könnte auch in Deutschland funktionieren?
Der Gedanke, dass in der Generation nach 1980 zurzeit so etwas wie eine Revolution stattfindet, treibt mich jeden Morgen an, weiter an diesem Ziel zu arbeiten. Ja, ich glaube, das Arztnutzungsverhalten wird sich sehr stark verändern. Die soziale Komponente eines Arztbesuches kann dieser heute doch sowieso nicht mehr leisten. Wie viele Menschen kommen aus der Praxis und haben keine Ahnung davon, was ihnen der Arzt gesagt hat. Deshalb gibt es einen großen Bedarf an schneller und guter Beratung. In diesem Bereich ist viel machbar, denn er ist unglaublich verkrustet.

Wie sind Sie ausgerechnet auf das Thema Gesundheit gekommen. Sie sind jetzt 26 Jahre alt – da denkt man eigentlich noch nicht an Krankheiten.
Ich hatte Hautkrebs. 2002. Die Diagnose war ein Schock! Glücklicherweise wurde der Krebs bei mir früh entdeckt und konnte gut therapiert werden. Erst nach überstandener Behandlung habe ich abschließend meinen Arzt gefragt, wir gefährlich mein Krebs denn nun war und er sagte: „Das hätte auch ganz schlimm enden können.“ Wohl deshalb finde ich viele andere Konzepte im Internet zwar durchaus spannend, z.B. Shoppingplattformen, aber für mich persönlich fehlt der tiefere Sinn dahinter, um darin meine ganze Kraft und meine Zeit zu investieren.


Ja, es gab damals drei Menschen, die beteiligt waren: Ich, der Arzt und meine Mutter. Das Internet war damals ja auch noch nicht so groß. Ich habe mir damals die wichtigsten Fachtermina zusammengesammelt, um die Berichte lesen und den Arzt verstehen zu können. Aber vor allem in der Zeit nach der akuten Erkrankung wäre für mich solch ein Angebot gut und interessant gewesen. Ich muss mir endlich mal die Zeit nehmen, zu diesem Thema bei imedo etwas zu schreiben.

Macht es einen auf Dauer nicht im wahrsten Sinne des Wortes „krank“, all diese Geschichten zu lesen und zu verfolgen?
Ja. Es ist wirklich hart. Manches geht es uns schon sehr nah. Gerade Geschichten von Nutzern, die wir persönlich kennen.

Wenn man sich viel auf Ihrer Seite bewegt, könnte man da das Gefühl gewinnen, dass Ärzte inkompetent sind?
Ich glaube, Ärzte sind in ihrem Fachbereich schon sehr gut. Aber der entscheidende Unterschied zwischen Patient und Arzt ist folgender: Der Arzt ist gesund! Ihm fehlt das Leiden, er kann sich nicht hineinversetzen und fährt Standardmuster. Aber wer krank ist, möchte mehr und umfassende Informationen. Das kann der Arzt heute kaum noch leisten. Dabei wäre meiner Meinung nach manchmal nur eine zusätzlich Frage entscheidend, um den Patienten besser behandeln zu können. Deshalb kann sich imedo so perfekt in dieser Lücke positionieren.

Lässt sich imedo künftig besser vermarkten, wenn Sie sich nun auch für Experten öffnen?
Aus Business-Sicht natürlich. Ein Expertenbereich lässt sich immer besser vermarkten, als ein Forumsbereich. Aber wir haben auch ohne Experten schon Geld verdient, etwa im B2B-Bereich. Beispielsweise haben wir eine Funktion, die an die Medikamenteneinnahme erinnern kann. Darüber bieten wir den Ärzten an, sich einen Premiumeintrag – also ein Profil mit dem Hinweis auf erweiterte Praxisleistungen – anzulegen. Dieser Dienst läuft gerade an. Die Arztdatenbank ist gerade im Aufbau.

Auf imedo können die Ärzte bewertet werden. Wie begegnen Sie dem „Spick-mich-Phänomen“?
Dieses Problem hatten wir bislang noch gar nicht. Aber wir gehen auch sehr vorsichtig vor. Wir haben unter anderem mit der kassenärztlichen Bundesvereinigung gesprochen, die haben ein Qualitätssigel, dass wir bei uns auf der Seite einbinden können. Diese Idee wurde sehr gut angenommen. Ich glaube, diese Gütezeichen sind sehr gut. Davon gibt es ja mehrere. Einen verbindlichen Ärzte-TÜV hingegen noch nicht.

Gutes Stichwort: Möchte imedo ein Ärzte-TÜV werden?
Ein nutzergenerierter; auf jeden Fall!

Zur Person:
Christian Angele, Jahrgang 1981, studierte an den Universitäten von Leipzig und Bayreuth und verbrachte zusätzlich einige Monate in China. Vor der Gründung von imedo im Jahr 2007 mit seinen Geschäftspartner Thomas Kadauke, Christian Lautner, Hendrik Volkmer war Angele als Berater tätig.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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