#Interview
„Am Ende zählt, was steht“
Die Baubranche arbeitet mit gewaltigen Datenmengen – und noch immer mit vielen unstrukturierten Dokumenten und voneinander getrennten Systemen. Genau dort setzt Kuro an. Das Berliner Startup Kuro Technology, 2024 von Jonas Minkler und Lea Scherer gegründet, entwickelt eine KI-Plattform, die Ausschreibungsunterlagen analysiert, Widersprüche erkennt und vorhandenes Wissen für neue Bauprojekte nutzbar macht.
Der Fokus liegt zunächst auf Generalunternehmern und der Angebotskalkulation. Denn gerade bei großen Bauprojekten können übersehene Details schnell teuer werden. Kuro möchte diesen Prozess nicht nur beschleunigen, sondern vor allem Risiken frühzeitig sichtbar machen.
Inzwischen beschäftigt das Unternehmen 16 Mitarbeitende. Nach eigenen Angaben setzen bereits sechs der 20 größten Generalunternehmer im DACH-Raum auf die Software, darunter Goldbeck, Hochtief, Köster und Implenia. Monatlich verarbeitet Kuro mehr als eine Million Seiten Ausschreibungsunterlagen.
Der Münchner Investor UVC Partners, Foundamental, Realyze Ventures und helloworld investierten kürzlich 10 Millionen Euro in Kuro Technology.
Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Gründerin Lea Scherer über den schwierigen Einstieg in die Baubranche, Vertrauen als entscheidenden Faktor und die ambitionierten Wachstumspläne des jungen Unternehmens.
Wie würdest Du Deiner Großmutter Kuro erklären?
Wenn eine Schule oder ein Krankenhaus gebaut wird, bekommt die Baufirma vorher einen Berg Papier: tausende Seiten Pläne und Beschreibungen von vielen verschiedenen Firmen. Diese widersprechen sich in sehr vielen Details – vom Dachaufbau bis zur Kostenübernahme für die Wasserversorgung – und trotzdem muss die Baufirma in sehr kurzer Zeit einen Fixpreis nennen. Wer dabei etwas übersieht, zahlt am Ende selbst. Und bei jedem neuen Projekt fängt das Unternehmen wieder bei null an, weil das Wissen aus dem letzten in irgendeinem Ordner liegt. Unsere Software liest diesen Berg an Informationen in Stunden statt Wochen, findet Widersprüche und merkt sich, was die Firma schon einmal gelernt hat, sodass Risiken erst gar keine werden und die Schulen und Flughäfen rechtzeitig fertig werden.
Wie ist die Idee zu Kuro entstanden?
Vor Kuro haben Jonas und ich zwei Bau-Software-Unternehmen als erste Mitarbeiter und Teil des Führungsteams mit aufgebaut. Jonas Capmo, Baumanagement-Software aus München. Ich alcemy, KI-Steuerungssystem für die Zement- und Betonherstellung. Die Branche kannten wir also von zwei Seiten. Und von beiden Seiten sahen wir dasselbe: Jedes Bauprojekt ist anders, jedes startet nahe bei null, und der Datenaustausch zwischen den Beteiligten ist kaputt. 90 Prozent der Projektdaten liegen unstrukturiert vor, verteilt über mehr als 150 Systeme, die nicht miteinander sprechen. Wir haben systematisch geprüft, wer darunter am meisten leidet. Das Ergebnis war eindeutig: der Generalunternehmer. Er koordiniert Bauherren, Planer und Subunternehmer und bekommt von allen Seiten Unterlagen, die sich widersprechen. Und er trägt das Risiko: Die meisten Projekte laufen bei rund drei Prozent Marge, ein einziger Ausreißer kann den Jahresgewinn kosten. Am härtesten trifft ihn das in der Angebotskalkulation – unter Zeitdruck, mit vollem Preisrisiko. Deshalb haben wir dort angefangen. Alle Prozesse danach bauen auf der Kalkulation auf. Von dort wächst Kuro in weitere Backoffice-Bereiche wie Vertrieb und Einkauf.
Wie hat sich Kuro seit der Gründung entwickelt?
Wir haben im November 2024 gegründet, heute sind wir 16 Leute in Berlin. Fünf der 20 größten Generalunternehmer der DACH-Region bauen auf Kuro, darunter Goldbeck, Hochtief, Köster und Implenia. Bei jedem dieser Kunden ist Kuro an mehrere hundert Anwender ausgerollt. Kuro ist dort kein Pilot mehr, sondern Teil des Tagesgeschäft. Unsere Kunden setzen bspw. bei 100+ Mio. Projekten auf Kuro. Insgesamt verarbeitet die Software mehr als eine Million Seiten Ausschreibungsunterlagen pro Monat.
Zuletzt konntet Ihr Millionen einsammeln. Wie seid Ihr mit Euren Investor:innen in Kontakt gekommen?
UVC kennen wir seit unserer Zeit am CDTM in München. Ingo Potthof hatte bereits in Capmo investiert. Wir kennen ihn als Investor, der den Baumarkt versteht, lange bevor es Kuro gab. Mit Patric Hellermann von Foundamental haben wir schon vor der Runde regelmäßig gesprochen. Er sieht Bau als Projektökonomie, nicht als Softwaremarkt. Das prägt, wie wir über Kuro nachdenken. Realyze kannten wir aus dem Kunden- und Baukontext. Rodrigo von helloworld kam über Empfehlungen aus unserem Netzwerk dazu. Als ehemaliger Point Nine Partner hat er über Jahre Dutzende Unternehmen von Anfang an begleitet.
Blicke bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schiefgegangen?
Wir haben früh eine technische Schlüsselrolle mit jemandem besetzt, der fachlich herausragend war, aber kein Deutsch sprach. In einem Markt, in dem unsere Kunden ihre Ausschreibungen, ihre Prozesse und ihre Probleme auf Deutsch erklären, hatten wir hier einen Fehler im Anforderungsprofil. Wir haben unterschätzt, wie wichtig es in dieser Phase ist, dass jeder in einer Leitungsposition selbst vor dem Kunden sitzt und das Problem aus erster Hand versteht. Coding wird leichter, Problemverständnis ist der Engpass. Wir haben die Entscheidung korrigiert.
Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Zwei Entscheidungen. Erstens der Einstieg: die Kalkulation schlüsselfertiger Bauprojekte. Viele meiden das, weil jedes Projekt anders ist und die Unterlagen zu komplex sind. Das hat uns technisch viel abverlangt und wir haben es zwischendurch selbst infrage gestellt. Aber es sind die wichtigsten Projekte unserer Kunden – dort entsteht das größte Risiko und damit der größte Mehrwert. Zweitens die Art, wie wir mit Kunden arbeiten. Der Bau ist eine Vertrauensindustrie, und Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen, sondern durch machen. Wir haben das Produkt so gebaut, dass jedes Ergebnis nachvollziehbar ist – der Kalkulator sieht, woher eine Aussage kommt. Was sich nicht prüfen lässt, führt zu Vertrauensverlust. Wir sind regelmäßig vor Ort, mit Leuten, die die Sprache der Kunden sprechen und ihre Anforderungen ernst nehmen. Die besten Lösungen entstehen nicht für Kunden, sondern mit ihnen. In dieser Branche liefert man erst und redet dann. Am Ende zählt, was steht.
Wo steht Kuro in einem Jahr?
Heute ist Kuro eine Plattform, die Generalunternehmer vor allem in der Angebotsbearbeitung einsetzen. In einem Jahr ist es das KI-Fundament, auf dem sie ihr gesamtes Backoffice betreiben, vom Vertrieb über den Einkauf bis zum Ausführungsmanagement. Konkret: Durch Kuro laufen dann Projekte mit 50 Milliarden Euro Bauvolumen in Europa. Die Aufgabe ist überall dieselbe: große Mengen widersprüchlicher Unterlagen verstehen, in Entscheidungen übersetzen und aus diesen für das nächste Projekt lernen. Das ist wichtiger, als es klingt: Die Bauleiter und Kalkulatoren, die sich erinnern, gehen in den Ruhestand und damit ihr Wissen. Das Ziel ist deshalb nicht, Angebote schneller zu bearbeiten. Das Ziel ist, dass Generalunternehmer unsere ambitioniertesten Projekte auf die Beine stellen können, ohne dass das Risiko mitwächst. Denn Europa hat entschieden, wieder zu bauen: eine halbe Billion Euro allein in Deutschland, Straßen, Netze, Wohnraum, Energie, Verteidigung. Der größte Bauauftrag der Nachkriegsgeschichte. Das Geld ist da, der Wille ist da. Kuro sorgt dafür, dass das Fundament hält.
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