#Interview

Vom „Unternehmensgehirn“ zur KI-Plattform

Mehr als 400 Unternehmen setzen bereits auf amber. Das Aachener Startup will Unternehmenswissen für Menschen und KI nutzbar machen. Gründer Bastian Maiworm spricht über Wachstum, den Mittelstand und den Kampf um den besten Kontext.
Vom „Unternehmensgehirn“ zur KI-Plattform
Montag, 26. Oktober 2026VonAlexander

Das Aachener KI-Startup amber, 2020 von Bastian Maiworm, Philipp Reißel und Igli Manaj gegründet, möchte kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen, ihr „Unternehmenswissen zentral verfügbar zu machen“.

NRW.Venture, der VC-Fonds der NRW.Bank und Altinvestor Ventech investierten kürzlich 7 Millionen Euro in das Startup. Zuvor flossen bereits 2,1 Millionen Euro in das Unternehmen, das früher als amberSearch bzw. amberoad unterwegs war.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht amber-Gründer Bastian Maiworm einmal ausführlich über den Stand der Dinge in seinem Unternehmen.

Wie würdest Du Deiner Großmutter amber erklären?
In Unternehmen liegen wichtige Informationen häufig an ganz unterschiedlichen Orten – in E-Mails, Dokumenten, Wikis oder Abteilungssystemen. Genau hier setzt amber an: Wir helfen Unternehmen, das Wissen, das sie über Jahre aufgebaut haben, schnell und einfach zugänglich zu machen – für Mitarbeitende ebenso wie für KI-Agenten. Dafür verknüpft amber Informationen, Zusammenhänge und Zuständigkeiten in einer Art „Unternehmensgehirn, dem amber Data Layer“. Es versteht nicht nur einzelne Dokumente, sondern auch, wie Informationen, Abteilungen und Personen innerhalb eines Unternehmens zusammenhängen. Vereinfacht gesagt: amber hilft Mittelständischen Unternehmen dabei, ihr eigenes Wissen zu finden, zu verstehen und als KI-Plattform dieses Wissen für Mitarbeitende und KI-Agenten sinnvoll zu nutzen. Dabei ist Sicherheit immer eines der Kernkonzepte: Den das Wissen sollte nicht nur im Unternehmen bleiben sondern eben auch in Europa. 

War dies von Anfang an Euer Konzept?
Die Grundidee war von Anfang an dieselbe: Unternehmenswissen sollte so zugänglich sein, dass Mitarbeitende Fragen schnell und verlässlich beantwortet bekommen – idealerweise genauso gut wie von einem erfahrenen Experten. Ursprünglich war amber allerdings noch keine umfassende KI-Plattform, sondern startete als sogenannte Enterprise Search. Der Ausgangspunkt war ein konkretes Problem bei der RAG AG: Historisches Wissen aus vielen Jahrzehnten Bergbau war zwar vorhanden, aber nur schwer zugänglich. Mitarbeitende mussten teilweise ehemalige Kolleginnen und Kollegen kontaktieren, um bestimmte Informationen zu finden. Daraus entstand 2021 die Idee, eine Suchlösung für Unternehmenswissen zu entwickeln. Das „Unternehmensgehirn“ gab es also von Anfang an – zunächst haben wir es vor allem für die KI-Suche genutzt. Mit der Weiterentwicklung großer Sprachmodelle wurde es dann endlich möglich, diese technologische Basis noch tiefer in den Arbeitsalltag zu integrieren. Aus der Suche wurde schrittweise eine umfassende Plattform für Suche, Assistenz und Automatisierung. Der Kern ist dabei gleich geblieben: amber soll Unternehmenswissen nicht nur auffindbar machen, sondern auch in den richtigen Kontext setzen und nutzbar machen. Genau dieses Verständnis ist heute entscheidend. Es geht nicht mehr allein darum, welches KI-Modell die beste Antwort formuliert, sondern darum, ob die KI das jeweilige Unternehmen, seine Prozesse und sein Wissen wirklich versteht.

Wie hat sich amber seit der Gründung entwickelt?
Heute besteht unser Team aus über 60 Mitarbeitenden – und wir wachsen weiter. Mittlerweile setzen mehr als 400 Unternehmen auf amber. Das zeigt uns, dass sich die Perspektive vieler Unternehmen verändert: Es reicht nicht aus, einfach mehrere KI-Modelle miteinander zu verbinden oder Unternehmensinformationen oberflächlich zu durchsuchen. Der entscheidende Mehrwert entsteht dort, wo Informationen im richtigen Kontext verstanden werden und daraus konkrete Unterstützung im Arbeitsalltag entsteht. Unternehmen wollen nicht nur Antworten erhalten. Sie wollen Wissen schneller nutzen, bessere Entscheidungen treffen und wiederkehrende Aufgaben effizienter erledigen. Genau diese Entwicklung bildet sich auch bei amber ab: von der KI-Suche hin zu einer umfassenden Business-KI-Plattform, die Unternehmenswissen vernetzt und für Menschen wie für KI-Agenten nutzbar macht. Mittlerweile haben wir über 100k aktive Nutzer auf der Plattform. 

Zuletzt konntet Ihr 7 Millionen einsammeln. Wie seid Ihr mit Euren Investor:innen in Kontakt gekommen?
Bei uns ist vieles über unser Netzwerk entstanden. Ventech war bereits in der Seedrunde investiert, und wir konnten dadurch unsere Wachstumspläne konsequent weiterverfolgen. Für uns war aber nicht nur das Kapital entscheidend. Wichtig war vor allem, Investorinnen und Investoren zu finden, die unsere Entwicklung, unseren Markt und die spezifischen Herausforderungen von Unternehmens-KI verstehen. Wir glauben dass der Kampf um das beste Modell bald vorbei ist und es einen Kampf um den besten Kontext geben wird. Die Qualität der Unternehmensdaten und das Verständnis der jeweiligen Organisation an, sind hierfür entscheidend.  Eine KI kann nur dann wirklich hilfreich sein, wenn sie weiß, welche Informationen relevant sind, wie sie zusammengehören und welche Berechtigungen gelten. Genau in diesem Bereich ist amber sehr gut aufgestellt.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schief gegangen?
Wir haben früh die Vision gehabt unser Produkt direkt bei DAX-Konzernen zu platzieren. Es hat sich dann aber gezeigt das für große Unternehmen die Governance bei KI Produkten damals derart vorsichtig war, das sie niemals ein amber an ihre Produktiven internen Daten lassen würden, wenn man ein kleines aufstrebendes Startup ist. Gerade am Anfang bekamen wir auch oft die Antwort: KI dürfen wir gar nicht einsetzen. Das hat sich erst seit Mitte 2023 um 180 Grad gewandelt. Für uns war das eine wichtige, wenn auch schmerzhafte Lernerfahrung: Ein guter Use Case und zufriedene Nutzer allein garantieren noch keinen nachhaltigen Vertriebserfolg. Wir haben daraus gelernt, dass neben dem konkreten Mehrwert auch die organisatorischen Voraussetzungen entscheidend sind.  Deshalb setzen wir konsequent auf die Befähigung des Mittelstands, der aktuell die multinationalen Unternehmen in der KI Adoption weit hinterhereilt. Hier sehen wir den größten Hebel, da genau diese Unternehmen keine multi-millionen Budgets haben um Markterkundung, Innovationsteams etc. zu machen. Der Mittelstand braucht einfach zu konfigurierende, leistungsfähige Lösungen und genau das liefern wir.  Eine Lösung muss nicht nur funktionieren, sondern in die bestehenden Prozesse, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsstrukturen eines Unternehmens passen. Und es braucht frühzeitig mehrere Unterstützerinnen und Unterstützer im Unternehmen – nicht nur einen einzelnen Fachbereich.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Aus meiner Sicht haben wir vor allem drei Dinge richtig gemacht. Erstens: Wir haben ein echtes Problem gelöst. Unsere Entwicklung ist aus konkreten Situationen in Unternehmen entstanden – nicht aus dem Wunsch, einfach irgendeine neue Technologie auf den Markt zu bringen. Wir haben gesehen, wie schwierig es sein kann, vorhandenes Wissen zu finden und zu nutzen, und genau dort angesetzt. Zweitens: Wir haben früh und konsequent auf Kundenfeedback reagiert. Lange Implementierungszeiten, komplexe Konzernprozesse und viele Gespräche mit mittelständischen Unternehmen haben unsere Produkt- und Vertriebsstrategie nachhaltig geprägt. Wir haben gelernt, dass eine Lösung schnell Mehrwert liefern und sich gleichzeitig in die bestehende Systemlandschaft integrieren lassen muss. Drittens: Wir haben uns technologisch weiterentwickelt, ohne den Kern aus den Augen zu verlieren. Aus der Suche nach Unternehmenswissen ist eine Plattform für Suche, Assistenz und KI-Agenten entstanden. Der zentrale Nutzen ist aber derselbe geblieben: Mitarbeitende sollen schnell auf relevantes, vertrauenswürdiges und nachvollziehbares Unternehmenswissen zugreifen können. Heute gehen wir noch einen Schritt weiter. amber soll nicht nur auf Fragen reagieren, sondern Mitarbeitende zunehmend auch proaktiv unterstützen – etwa indem relevante Informationen, nächste Schritte oder mögliche Probleme frühzeitig erkannt und vorgeschlagen werden.

Wo steht amber in einem Jahr?
In einem Jahr möchte ich amber auch auf europäischen/internationalen Märkten als führende Business-KI-Plattform sehen – mit einem klaren Schwerpunkt auf Unternehmensverständnis, Compliance und konkretem geschäftlichem Nutzen. Wir wollen nicht einfach möglichst viele KI-Funktionen anbieten. Unser Ziel ist, dass Unternehmen ihre bestehende Wissens- und Systemlandschaft sinnvoll mit KI verbinden können: Informationen sollen auffindbar sein, Antworten nachvollziehbar bleiben und wiederkehrende Aufgaben zunehmend durch KI-Agenten unterstützt oder automatisiert werden. Ein wichtiger Entwicklungsschritt wird dabei der Übergang von einer reaktiven zu einer proaktiven KI-Anwendung sein. Heute arbeitet KI in Unternehmen häufig reaktiv: Mitarbeitende stellen eine Frage, suchen nach einem Dokument oder stoßen einen Prozess manuell an. In Zukunft soll amber stärker erkennen, wann Unterstützung gebraucht wird – natürlich immer im Rahmen der geltenden Berechtigungen und mit nachvollziehbaren Quellen. Das kann beispielsweise bedeuten, dass amber auf relevante Informationen hinweist, bevor jemand danach suchen muss, offene Aufgaben in einem Prozess erkennt, auf mögliche Fristen oder Risiken aufmerksam macht oder den nächsten sinnvollen Arbeitsschritt vorbereitet. KI soll also nicht einfach ungefragt Entscheidungen treffen, sondern im richtigen Moment passende Unterstützung anbieten. Unser Anspruch ist deshalb nicht nur, in einem Jahr größer zu sein. Wir wollen vor allem noch stärker zeigen, dass Business-KI im Unternehmensalltag sicher, integriert und messbar hilfreich eingesetzt werden kann – und dass sie sich von einer reinen Antwortmaschine zu einem verlässlichen, proaktiven Arbeitspartner entwickelt.

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Foto (oben): Amber

Alexander

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.