#Interview

“Mich begleiten häufig Themen auch noch im Traum weiter”

Gründeralltag - gibt es das überhaupt? "Es ist wichtig, eine Vision zu haben und dennoch flexibel zu bleiben. Manchmal ergeben sich Möglichkeiten die man sich vorher nicht vorstellen konnte", gibt Frida Lüth, Gründerin von Iris & Fred, anderen Gründer:innen mit auf den Weg.
“Mich begleiten häufig Themen auch noch im Traum weiter”
Freitag, 5. April 2024VonTeam

Wie starten ganz normale Gründerinnen und Gründer so in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag? Wie schalten junge Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Arbeit mal so richtig ab und was hätten die aufstrebenden Firmenlenker gerne gewusst, bevor sie ihr Startup gegründet haben? Wir haben genau diese Sachen abgefragt. Dieses Mal antworten Ulrike Vollmoeller und Frida Lüth die Gründerinnen von Iris & Fred. Das Berliner Startup bietet adaptive Mode für Menschen mit eingeschränkter Mobilität.

Wie startest Du in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag?
Lüth: Bei mir startet kaum ein Tag, ohne dass ich mir kurz Zeit für mich nehme. Ob durch Sport, Meditation oder einfach kurz nichts tun und in mich reinhören. Wenn ich mir diese Zeit am Morgen nicht nehme, fällt es mir sehr viel schwerer präsent und gelassen durch den Tag zu kommen. Das hilft mir, eins nach dem anderen zu machen und nicht alles auf einmal machen zu wollen.
Vollmoeller: Da Frida in unserem Office in Berlin arbeitet und ich in der Regel in Hamburg, sitzen wir jeweils allein am Schreibtisch. Mindestens zweimal in der Woche telefonieren wir miteinander und jeder weiß, was der andere an wichtigen Themen “auf dem Zettel” hat. Bezüglich der Arbeitszeiten sind wir zwar flexibel – die Abendstunden und Wochenenden sind in der Regel aber tabu.

Wie schaltest Du nach der Arbeit ab?
Lüth: Gerade in den kritischen Phasen ist das manchmal kaum möglich. Mich begleiten häufig Themen auch noch im Traum weiter. Aber generell helfen mir normalerweise Sport, Freunde oder ab und zu ein Wochenende außerhalb. Was Wunder hilft, sind außerdem meine zwei kleinen Nichten. Die fordern so viel Aufmerksamkeit, dass kein Kopf für Anderes bleibt.

Was über das Gründer:innen-Dasein hättest Du gerne vor der Gründung gewusst?
Vollmoeller: Ich dachte, das Schwierigste ist, das Produkt erst einmal marktreif zu entwickeln. Allerdings hätte ich mir nicht vorstellen können, dass die ersten Wochen
nach Launch so schwierig sein werden. Insbesondere bei unseren Produkten, die den Menschen nicht geläufig sind und bei einer Zielgruppe, die sich wenig im Internet aufhält, ist es noch sehr viel schwieriger als bereits gedacht, eine generelle Awareness zu erlangen.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstest?
Vollmoeller: Ich habe über Monate eine geeignete Partnerin gesucht, die Textilerfahrung hat, aber nicht unbedingt in die glitzernde Modewelt abtauchen wollte. Mit Frida hatte ich dann die perfekte Ergänzung gefunden. Sie hatte mit Ruby Limes bereits ein Unternehmen gegründet, das sich erfolgreich im Bereich der funktionalen Mode positioniert hat.

Was waren die größten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
Vollmoeller: Ich glaube einen wirklich kapitalen Fehler haben wir aus heutiger Sicht noch nicht begangen – aber natürlich viele kleine. Eine krasse Fehleinschätzung war, dass ich dachte, mir Social Media, SEO/SEA mal schnell selbst beizubringen. Das hat natürlich nicht so gut funktioniert. Eine Freundin sagte mir dann aber: “Wenn dein Auto kaputt ist, bringst du es doch auch in die Werkstatt.” Das hat überzeugt, in einigen Bereichen von Anfang an in Experten zu investieren.

Wie findet man die passenden Mitarbeiter:innen für sein Startup?
Vollmoeller: Aktuell haben wir noch keine Mitarbeiter aber einige Freelancer am Start. Wir versuchen dabei meist über unser Netzwerk an eine Empfehlung zu kommen. Dann schauen wir uns die Person immer zu zweit an. Bauch und Kopf müssen da bei uns beiden stimmen.

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer:innen?
Lüth: Ich denke, dass es wichtig ist, eine klare Vision zu haben und dennoch flexibel zu bleiben. Manchmal ergeben sich Wege und Möglichkeiten die man sich vorher nicht vorstellen oder vorhersehen konnte. Das ist ein Prozess, der wahnsinnig viel Spaß macht, in dem man viel über sich lernt, aber auch vielen Ängsten begegnet. Darauf muss man Lust haben und sich mit der damit einhergehenden Unsicherheit anfreunden.

Ohne welches externe Tool würde Dein Startup quasi nicht mehr existieren?
Lüth: Auf Shopify können wir eigentlich nicht mehr verzichten. Das ist tatsächlich ein Shop- System, welches man ohne große Programmierkenntnisse einfach bedienen und händeln kann. Gerade am Anfang spart das immense Kosten und ermöglicht es auch ohne Webdesigner kurzfristige Anpassungen und Änderungen umzusetzen oder verschiedene Tools und Strategien kostengünstig auszuprobieren.

Wie sorgt Ihr bei Eurem Team für gute Stimmung?
Lüth: Wir freuen uns jedes Mal, uns persönlich in unserem Office in Berlin zu treffen, und ein paar Tage gemeinsam zu arbeiten – also das zu haben, was für andere Startups Normalität ist. Danach gehen wir immer sehr motiviert auseinander. Generell pflegen wir eine sehr offene Kommunikation und es gibt nicht die Erwartungshaltung ständig gut gelaunt und im Flow sein zu müssen. Sollte eine von uns mal einen Hänger haben, reden wir darüber und die Partnerin reagiert jeweils sehr verständnisvoll und aufbauend. Das schafft einen sicheren Raum, Vertrauen und auch viel Platz für Spaß bei der Arbeit.

Was war Dein bisher wildestes Startup-Erlebnis?
Lüth: Die wildeste Situation für uns bisher war wahrscheinlich, als wir unsere Kollektion in einem Pflegeheim vorstellen wollten. Abgesprochen und von uns geplant war ein Stand mit Informationen. Als wir dort ankamen, waren überall große Plakate aufgehängt, die eine Modenschau angekündigt haben. Da waren Kreativität und
unser Improvisationstalent gefordert.

Tipp: Wie sieht ein Startup-Arbeitsalltag aus? Noch mehr Interviews gibt es in unserem Themenschwerpunkt Gründeralltag.

Foto (oben): Iris & Fred