#Interview

“Der Stein ist erst ins Rollen gekommen”

Wie lief es 2023 bei der Bloomwell Group? "Die Bundesregierung hat sich beim Cannabis-Gesetz nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Erst holte sie mit dem ersten Eckpunktepapier zum großen Wurf aus, dann dampfte sie das Projekt ein", sagt Gründer Niklas Kouparanis.
“Der Stein ist erst ins Rollen gekommen”
Mittwoch, 3. Januar 2024VonTeam

Unter dem Dach der Bloomwell Group aus Frankfurt am Main, die vom Farmako-Macher Niklas Kouparanis, Anna-Sophia Kouparanis, Samuel Menghistu und Julian Wichmann gegründet wurde, tummeln sich Cannabis-Marken wie Algea Care, Breezy und Ilios-Sante. Artemis Growth Partners, Measure 8 Venture Partners, ein deutsches Family Office und Schauspieler Moritz Bleibtreu (Lammbock) investierten zuletzt “mehrere Millionen” Euro in das Unternehmen.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Bloomwell Group-Gründer Niklas Kouparanis einmal ausführlich über das kürzlich abgelaufene Jahr.

2023 ist gerade rum. Was war das Highlight im vergangenen Jahr bei Euch?
Unser Tochterunternehmen Breezy Brands hat Deutschlands ersten Cannabis-Apotheken-Marktplatz erfolgreich etabliert und im Sommer etliche neue Features gestartet. Patient:innen können in Echtzeit sehen, welche Sorten in welcher der Partnerapotheken verfügbar sind. So etwas mag zwar im eCommerce “State of the Art” sein, bei Online-Einlösen von Rezepten hat man teilweise das Gefühl noch im letzten Jahrzehnt zu sein. Grüne Brise ist deutschlandweit absoluter Pionier, was Usability, Automatisierung und Transparenz angeht. Nicht zu vergessen: Immerhin sprechen wir bei medizinischem Cannabis noch von einem Betäubungsmittel. Und bei Algea Care können Patient:innen unsere Telemedizin-Angebote inzwischen per App nutzen! Dass durch das Cannabis-Gesetz, das Anfang 2024 verabschiedet werden soll, eine Reklassifizierung stattfinden soll, ist sicherlich ein großer weiterer Meilenstein 2023. Gilt medizinisches Cannabis, wie aktuell geplant, ab 1. April 2024 nicht mehr als Betäubungsmittel, werden sich extrem viele Prozesse deutlich vereinfachen. Dann wird beispielsweise das E-Rezept möglich, was das Einlösen des Rezeptes auf Grüne Brise nochmal vereinfacht. Auch sind dann über Algea Care, Europas führender Telemedizin-Plattform für medizinisches Cannabis, persönliche Erstgespräche vor Ort nicht mehr verpflichtend. Zudem dürfte sich die Patient:innenzahl binnen eines Jahres vervielfachen, da medizinisches Cannabis, wenn es nicht mehr als Betäubungsmittel gilt, bei deutlich mehr Symptomen eingesetzt werden kann. Aktuell müssen wir viele Patient:innen leider abweisen. Nicht fehlen darf an dieser Stelle natürlich unsere Investment-Runde mit Moritz Bleibtreu und Artemis Growth Partners, einem sehr renommierten US-VC für Cannabis-Unternehmen. Dieses Vertrauen solcher Investoren war ein absoluter Ritterschlag für uns. Explizit erwähnen möchte ich dabei unsere Mitarbeitenden, ohne die all diese großartigen Leistungen nicht möglich gewesen wären.

Und was lief 2023 bei Euch überhaupt nicht rund?
Die Bundesregierung hat sich beim Cannabis-Gesetz nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Erst holte sie mit dem ersten Eckpunktepapier zum großen Wurf aus – also der Legalisierung der gesamten Wertschöpfungskette –, dann dampfte sie das Projekt auf den privaten Eigenanbau und Cannabis-Clubs sowie die Reklassifizierung ein. Dann sorgte die SPD durch mehrfache Terminverschiebung der finalen Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag für reichlich Verwirrung. Immerhin hat die Fraktion nun bestätigt, dass der Bundestag das CanG Anfang 2024 verabschieden soll. Die Effektivität der Clubs steht aber so oder so noch in den Sternen, die großen Gewinner:innen dürften tatsächlich die Patient:innen sein. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette können Ressourcen eingespart werden, zudem vereinfacht sich für Ärztinnen und Ärzte die Verordnung von medizinischem Cannabis, sobald sie es auf einem gewöhnlichen Rx-Rezept ausstellen können. Die vielen Selbstzahler:innen unter den Cannabis-Patient:innen dürfen daher auf weiter sinkende Preise hoffen. Diese liegen übrigens für günstige Sorten jetzt weit unter den zehn Euro je Gramm, die auf dem illegalen Markt für Cannabis üblich sind. Doch zurück zur Frage: Wir haben uns bereits intensiv auf die Reklassifizierung vorbereitet. Das Hin und Her der SPD verunsichert die Industrie, Investoren und erschwert das Planen. Umso glücklicher bin ich, dass die SPD-Fraktion nun nochmal versichert hat, dass das CanG zeitnah in Kraft treten wird. Für Deutschland endet damit das Zeitalter der Prohibition, ein Paradigmenwechsel wird eingeleitet.

Welches Projekt steht bei Euch für 2024 ganz oben auf eurer Agenda?
Wie gesagt. Wir rechnen damit, dass sich die Zahl der Patient:innen binnen zwölf Monaten vervielfachen wird. Das A und O für uns ist daher Skalierbarkeit. Alle drei Portfolio-Unternehmen der Bloomwell Group müssen der rasant steigenden Nachfrage gerecht werden können: Über Algea Care werden deutlich mehr Patient:innen, teils ohne persönliches Erstgespräch, eine Cannabis-Therapie beanspruchen. Via Grüne Brise wird das Volumen der bei den Partner-Apotheken eingelösten Rezepte deutlich steigern – diese Rezepte werden dann direkt per eRezept, nicht mehr als gescanntes Dokument eingereicht. Die digitalen Prozesse dafür sind bereits angepasst. Wir sind “Ready to Launch”. Und unser Großhändler Ilios Santé muss gewährleisten, auch bei deutlich größeren Volumina zuverlässig und sicher medizinisches Cannabis importieren und liefern zu können.

Es herrscht weiter Krisenstimmung in der deutschen Startup-Szene. Mit welchen Erwartungen blickst Du auf 2024?
Um angesichts der anstehenden Reklassifizierung das Wachstum stemmen zu können, brauchen auch wir Kapital. Bis dato hat die deutsche VC-Szene Cannabis etwas stiefmütterlich behandelt. In den USA gibt es bereits auf Cannabis spezialisierte Investoren – auch weil das regulatorische Umfeld sehr anspruchsvoll ist. Ich hoffe, dass in Europa mehr VCs die sich bietende Chance ergreifen, eine komplette Industrie mit aufzubauen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Stein erst ins Rollen gekommen ist. In Deutschland ist seit März 2017 medizinisches Cannabis legal, mit der Reklassifizierung vervielfachen sich nun die Patientinnen und Patienten. Vor allem aber wird es langfristig nicht bei non-profit Clubs und privaten Eigenanbau bleiben. Die Bundesregierung hat das Ende der Prohibition eingeläutet – und an dessen Ende steht die vollumfänglich legalisierte Wertschöpfungskette für Cannabis als Genussmittel – nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen europäischen Ländern. Diesen Markt werden die Unternehmen aufbauen, die heutzutage bereits federführend für medizinischen Cannabis sind.

Was hast Du Dir persönlich für 2024 vorgenommen?
Mich werden auch 2024 die Dinge reizen, die vorher noch keiner angepackt hat. Ihr dürft gespannt sein. Darüber hinaus kann ich versprechen, den regulatorischen Prozess weiter mit Argusaugen zu beobachten und mich öffentlich weiterhin kritisch zu Wort zu melden. Um nur ein Beispiel zu geben: Die Bundesregierung hat das erste Eckpunktepapier, das vorsah, die gesamte Wertschöpfungskette zu legalisieren, verworfen, weil es ihres Erachtens nach nicht mit dem europäischen Recht konform war. Diese Erkenntnis beruhte auf “vertraulichen Gesprächen” mit der Kommission. So eindeutig ist die Sache aber gar nicht. Viele Expert:innnen gehen davon aus, dass Deutschland die Wertschöpfungskette für Cannabis als Genussmittel im Einklang mit Völker- und Europarecht legalisieren könnte. Was einzelne Personen der Kommission denken, ist in diesem Fall zweitrangig, das letzte Wort hätte der EuGH gehabt – Ausgang offen. Selbst Mitglieder der Bundesregierung kritisieren den mangelnden Mut in den eigenen Reihen. Ich werde auch 2024 den Finger in die Wunde legen, wenn erforderlich.

Tipp: Mehr Rück- und Ausblicke findet ihr in unserem Jahresrückblick.

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Foto (oben): Leapsome, Linus Petit