#Interview

“Je länger man den Job macht, umso weniger macht man irgendwas”

Gründeralltag - gibt es das überhaupt? "Auf dem Weg zur Arbeit blättere ich im Handelsblatt Morning Briefing - sehr ehrlich und leichtverdaulich am Morgen", sagt Sebastian Walter, Gründer von Spyra, zu seinem Start in den Gründertag.
“Je länger man den Job macht, umso weniger macht man irgendwas”
Freitag, 17. Februar 2023VonTeam

Wie starten ganz normale Gründerinnen und Gründer so in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag? Wie schalten junge Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Arbeit mal so richtig ab und was hätten die aufstrebenden Firmenlenker gerne gewusst bevor sie ihr Startup gegründet haben? Wir haben genau diese Sachen abgefragt. Dieses Mal antwortet Sebastian Walter, Gründer von Spyra. Das Münchner Startup entwickelt “die stärkste Wasserpistole der Welt”-

Wie startest Du in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag?
Auf dem Weg zur Arbeit blättere ich im Handelsblatt Morning Briefing – sehr ehrlich und leichtverdaulich am Morgen.

Wie schaltest du nach der Arbeit ab?
Sport. In meinen Augen die einzige Art, sich körperlich und geistig mal wirklich auszuklinken.

Was über das Gründer:innen-Dasein hättest du gerne vor der Gründung gewusst?
Dass sich das Berufsfeld quartalsweise ändert. Manchmal blickt man 12 Monate zurück und hat noch etwas komplett anderes gemacht.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstet?
Wenn man sich auf das Abenteuer einer Gründung einlässt, legt man auf die allgemeine Zustimmung im Freundes- und Bekanntenkreis sehr viel wert. Gerade bei einer derart verrückten Idee wie einer High-Tech Wasserpistole war der Zuspruch zu meinem Vorhaben zunächst recht verhalten. Hier ist es wichtig, an seiner Idee weiterhin festzuhalten und an sich zu glauben. Es lohnt sich! Nun sind alle begeistert von SPYRA und können sich den Sommer gar nicht mehr ohne eine epische Wasserschlacht vorstellen. Eine große Hürde ist also, Indikatoren, Eindrücke und Feedback – besonders in der Frühphase – selber möglichst losgelöst und neutral zu bewerten und diese weder klein zu reden noch zu überhöhen.

Was waren die größten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
Man denkt oft die Themen nicht ganz bis zum Ende, gerade am Anfang. Erste Finanzierungsrunde? Tolle Sache, sind ja nur 15 % der Company. Aber wie viele werden es noch werden? Wie viel Firma wird man dabei verkaufen und an wen? Wen holt man sich rein und für wie lange? Man ist letztlich mit jedem Gesellschafter verheiratet. Das kann eine tolle Beziehung sein, oder aber eben auch nicht. Hier sehe ich viele Teams, die zu schnell und zu voreilig das Ja-Wort gegeben haben. Man sollte bereits zu Beginn alle Szenarien durchspielen.

Wie findet man die passenden Mitarbeiter:innen für sein Startup?
Das ist ein bestimmter Schlag Mensch. Einige wollen Startup, viele aber auch nicht. Am besten man kommuniziert gleich zu Anfang genau, für was man steht und für was nicht. Viele werden aufstehen und was anderes wollen, aber manche werden auch aufmerksam, weil das genau das ist, was sie suchen. Es gibt jede Menge Mitarbeiter, die kein Startup-Leben wollen, aber es steht auch mit Sicherheit jeden Morgen eine Person auf, die genau nach diesem spannenden Mix sucht.

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer:innen?
Je länger man den Job macht, umso weniger macht man eigentlich irgendwas. Stattdessen redet man mit Leuten, meist 10 oder 12 Stunden am Tag. In Person, Telefon, Zoom oder Teams. Man sollte sich wirklich gerne mit Menschen unterhalten und auseinandersetzen. Wenn man kein ehrliches und tiefes Interesse an seinen Mitmenschen hat, wird’s schwer.

Ohne welches externes Tool würde dein Startup quasi nicht mehr existieren?
Puh – where to start? Jedes Startup hat tausende kleinere und größere SaaS-Produkte im Einsatz und bei jedem stellt man sich den Totalausfall vor, sollte es auf einmal nicht mehr funktionieren. Ich glaube, da gibt es einfach zu viele Tools, ohne die sofort Anarchie ausbrechend würde.

Wie sorgt ihr bei eurem Team für gute Stimmung?
Mystery Events mindestens drei Mal im Jahr. Das ist ein Tagesausflug im Team, nur das keiner Bescheid weiß, wohin es geht. Und es ist etwas kreativer als der typische Gang zum Escape-Room oder Kletterwald – es gibt so viele coole Angebote da draußen, man muss wirklich nicht auf den Standard zurückgreifen.

Was war Dein bisher wildestes Startup-Erlebnis?
Meine erste Sourcingreise nach China. Der Taxifahrer in Shenzhen hat mich nicht aus seinem Taxi gelassen. Ich weiß nicht warum. Ich hatte eine vage Ahnung, wohin ich will. Google Maps funktioniert nicht richtig, man springt die ganze Zeit auf der Karte herum. Natürlich spreche ich kein Wort chinesisch. Ich bin ziemlich sicher, dass wir abbiegen müssen, aber der Taxifahrer will nicht. Wir irren endlos durch irgendwelche Straßenzüge und ich male mir aus, dass ich nun gekidnapped oder verschleppt werde. Später stellt sich heraus, dass der Taxifahrer wohl keine Lizenz hatte, ein Stück Mautstraße zu durchfahren, dass mich zu meinem Ziel gebracht hätte. Nicht ganz untypisch für die Mentalität will er aber das Buisness dadurch nicht verlieren und bringt mich einfach irgendwo anders hin. Klare Themaverfehlung in meinen Augen, aber im Nachhinein ganz lustig.

Tipp: Wie sieht ein Startup-Arbeitsalltag aus? Noch mehr Interviews gibt es in unserem Themenschwerpunkt Gründeralltag.

Foto (oben): Spyra