#Gastbeitrag

Was ein Millionen-Invest für mich als Startup-Opi wirklich bedeutet

Wir haben uns ganz bewusst gegen langsames organisches Wachstum und für den Turbo entschieden. Für mich als “alten Ostwestfalen” sind die Millionensummen der Startup-Welt oft nicht mehr greifbar. Ein Gastbeitrag von Torsten R. Bendlin.
Was ein Millionen-Invest für mich als Startup-Opi wirklich bedeutet
Montag, 24. Mai 2021Vonds-Team

Ende letzten Jahres vermeldeten wir mit Valuedesk die bis dato größte Schlagzeile unserer Firmengeschichte: Der auf B2B-Startups spezialisierte Investor UVC Partners, sowie bekannte Business Angels beteiligten sich mit 3,25 Millionen Euro. Ich bin glücklich, dass unsere Idee belohnt wurde. Ein Investment ist für jede*n Gründer*in eine große Chance, aber auch eine große Herausforderung. Bei der Gründung von Valuedesk war ich Ende 40, alleinerziehender Vater und auf dem Höhepunkt meiner klassischen Industriekarriere angekommen. Statt meine Weg in der Industrie weiter fortzuführen, gründete ich Valuedesk und bin heute damit konfrontiert, mehrere Millionen an Risikokapital zu haben. Daher will ich Euch mitnehmen und erklären, wie wir dazu gekommen sind und was das viele Geld in mir ausgelöst hat.

Laut der Investment-Plattform Companisto dauert es im Durchschnitt fünf bis acht Jahre, bis ein Startup Gewinn ausschüttet, verkauft oder übernommen wird. Junge Gründer*innen haben aufgrund ihres Alters rein theoretisch mindestens fünf bis sechs Mal die Möglichkeit, das zu schaffen. Ich war bei meiner bisher einzigen Gründung 47 Jahre alt. Als “Startup-Opi” gab es für mich zu diesem Zeitpunkt realistisch gesehen nur eine, maximal zwei Chancen auf eine erfolgreiche Gründung. Genau diese Chance wollte ich nutzen, weil ich von meiner Idee überzeugt bin: Ich hatte den Masterplan zur Selbsthilfe für Unternehmen. Ich wusste, dass ich die Optimierungspotentiale der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter*innen mit Hilfe eines Tools identifizieren konnte, um sie dann mit maximaler Transparenz umzusetzen.

Ich befand mich mit Ende 40 in einer vollkommen anderen Lebensphase als die meisten Gründer*innen. Meine klassische Industrie-Karriere hatte ihren Höhepunkt erreicht und ich war alleinerziehender Vater von zwei Töchtern. Ich hatte keinen Software-Background und mich bis dato noch nie mit dem Startup-Thema befasst. Das waren nicht gerade optimale Voraussetzungen, um ein Technologie-Unternehmen zu gründen. Also brauchte ich ein Team. Mir war klar, was potentielle Co-Founder*innen und die ersten Mitarbeiter*innen kompensieren müssen.

Meine Suche nach neuen Blickwinkeln

Anfangs bin ich sehr verkopft an die Sache herangegangen. Ich konnte zwar auf meine Erfahrungen zurückzugreifen, aber es fiel mir schwer, neue Blickwinkel einzunehmen. Gleichzeitig habe ich versucht, jede Eventualität zu durchdenken. Irgendwann habe ich mich mit meiner Vision auf die Suche nach Partner*innen begeben und bin bei der Founders Foundation in Bielefeld fündig geworden. Meine Co-Founder waren so begeistert von der Idee, dass sie mich mitgezogen haben. Aufgrund unserer Erfahrungen denken, hören und sehen wir unterschiedlich. Das macht uns zu einem starken Team. Insbesondere in der ersten Corona-Welle hat es sich ausgezahlt, dass ich andere Signale als jüngere Menschen wahrnehme. So haben wir unmittelbar konkrete Maßnahmen umgesetzt, um gar nicht erst in eine finanzielle Problemsituation hineinzulaufen. Das hat im Team für Vertrauen gesorgt.

Investment = Neue Unternehmenskultur!

Im Laufe des letzten Jahres haben wir die Wachstumschancen für Valuedesk erkannt. Großes Wachstum geht nur mit Kapital und auch wir sind mittlerweile exitgetrieben. Sonst hätten wir den Deal mit UVC nicht geschlossen. Wir haben uns ganz bewusst gegen langsames organisches Wachstum und für den Turbo entschieden. Für mich als “alten Ostwestfalen” sind die Millionensummen der Startup-Welt oft nicht mehr greifbar. Ich bin anders sozialisiert und lebe nach anderen Maßstäben. Mit dem Investment ging für mich ein Kulturwandel einher. Ich wusste, wie ich mit Geld umgehen muss. In meiner letzten Firma habe ich knapp 500 Millionen Euro verantwortet, aber ich musste risikobereiter werden. Risikokapital braucht einfach eine höhere Risikobereitschaft. Wir vollziehen mit unserem Startup ein Wachstum in 20-facher Geschwindigkeit gegenüber einem klassischen Industrieunternehmen. Wir haben für Valuedesk einen genialen Investorenkreis gewonnen, der an unser Potential glaubt. Für diese Chance bin ich UVC dankbar. Daniel Holz, einer unserer Investoren, hat über uns gesagt: „Die Lösung sollte nicht nur in Deutschland, sondern auch international eingesetzt werden. Das Team von Valuedesk hat in den letzten mehr als drei Jahren bewiesen, dass es eine leistungsstarke Softwarelösung entwickeln und am Markt etablieren kann.”

“Startup-Opi” als Vorbild?

Da war ich mir sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Menschen, die an uns glauben. Ich will mir und uns unternehmerische Träume verwirklichen und Ziele erreichen, die andere für unmöglich halten. Irgendwann kam einer der jungen Kollegen zu mir und sagte: „Torsten, du denkst immer schon an den übernächsten Schritt. Die Arbeit mit dir zeigt mir, dass man alles erreichen kann – egal wie alt.“ So ein Lob ist für mich das Größte. Ich bin stolz, von jungen Menschen als Vorbild wahrgenommen zu werden. Dann sind auch Gleichaltrige auf mich zugekommen und haben mir auf die Schulter geklopft: “Ich hätte mich nie getraut, die eigene Komfortzone zu verlassen. Du hast mir gezeigt, dass sowas funktioniert.”

Über den Autor
Torsten R. Bendlin ist Gründer des Bielefelder Startups Valuedesk. Der 51-jährige hat mit Anfang 42 seinen Master of Business Administration gemacht und fünf Jahre später gegründet. Mit Valuedesk will er nachhaltig positive Finanzeffekte für Unternehmen realisieren. Dabei setzt er auf die Potentiale der Mitarbeiter*innen seiner Kund*innen. Vor seiner Gründung arbeitete er sich vom einfachen Angestellten bis zu einer Führungsposition in einem großen Industrieunternehmen hoch. Bendlin nutzt seinen Bildungsdrang und seinen Gestaltungswillen als Antrieb, um sowohl sich als auch seine Kund*innen immer wieder zu hinterfragen und voranzubringen.

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Foto (oben): Shutterstock