#Interview “Investitionen in einem frühen Stadium sind immer ein riskantes Geschäft”

"Wir wollen von den Unternehmen, in die wir investieren, als zuverlässiger Partner wahrgenommen werden. Anstatt uns zu überlegen, wie wir uns von anderen abgrenzen können, konzentrieren wir uns darauf, wie wir besser arbeiten können", sagt Alexander Pavlov von RTP Global.
“Investitionen in einem frühen Stadium sind immer ein riskantes Geschäft”

Der russische Kapitalgeber RTP Global legte gerade einen neuen Early-Stage Fonds auf. Der neue Geldtopf, der dritte von RTP Global, ist 650 Millionen US-Dollar schwer. Der Venture Capital-Geber will das Geld in Startups in Europa, Nordamerika, Indien und Südostasien investieren. In Deutschland investierte RTP Global zuletzt in CoachHub, Tier, Homefully und Vaha. “Seit wir 2011 erstmals in Delivery Hero investierten, ist Deutschland einer der wichtigsten Märkte für uns. Mit dem neuen Fonds werden wir unsere Investitionen in Deutschland nun verdoppeln”, sagt Alexander Pavlov, Partner und Investment Advisor, bei RTP Global. IM VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht der RTP Global-Partner außerdem über

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Unser Gründer begann bereits 2001 in den Technologiebereich zu investieren. Davor war er Informatiker, dann Professor, schließlich Unternehmer. Investieren war für ihn ein natürlicher Weg zu etwas völlig Neuem. Hat man einmal damit angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Denn mit großartigen Unternehmern zusammenzuarbeiten, ist unglaublich anregend.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-Capital-Geber geworden?
Jeder hat da seinen individuellen Weg. Wie bereits erwähnt, ist unser Gründer zum Investor geworden, nachdem er zuvor Vollzeitunternehmer war. Ich persönlich habe direkt nach meinem Studium vor elf Jahren als Analyst bei RTP Global – damals noch ruNet – angefangen.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
Technologieunternehmen schaffen einen enormen Wert und verändern tatsächlich die Welt, indem sie zum Beispiel den Zugang zu Informationen demokratisieren und Transaktionskosten senken. So waren Ende 2019 die fünf größten Unternehmen der Welt Technologiekonzerne. Natürlich kostet der Aufbau solcher Unternehmen viel Geld und Mühe, aber wenn man sich die möglichen Ergebnisse ansieht, ist klar, warum heute immer mehr Investitionen in diesen Bereich fließen.

Was sollte jeder Gründer über Euch – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr Euch von anderen Investoren ab?
Wir wollen vor allem von den Unternehmen, in die wir investieren, als zuverlässiger Partner wahrgenommen werden. Anstatt uns zu überlegen, wie wir uns von anderen abgrenzen können, konzentrieren wir uns darauf, wie wir besser und effizienter arbeiten können. Wir bieten unseren Portfoliounternehmen ein einzigartiges Angebot. Wir investieren über Kontinente hinweg, aber in jedem Gebiet als Team. Dadurch verfügen wir über ein tiefgründiges Verständnis des Marktes und der Entwicklungen von Geschäftsmodellen weltweit. So können wir unseren Portfolio-Unternehmen einzigartige Geschäftseinblicke und Vernetzungsmöglichkeiten auf der ganzen Welt bieten.  Wir sind stolz auf die Plattform, die wir im Laufe der Jahre aufgebaut haben und die einige der interessantesten Märkte der Welt abdeckt. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Marktdynamik aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen.

Welche Unterstützung bietet Ihr – neben Geld?
Wir richten uns da ganz nach den Bedürfnissen der Unternehmen. Anbieten können wir einen Wissensaustausch, die Vernetzung von Unternehmen in verschiedenen Märkten und den Zugang zu Marktkenntnissen weltweit. Wir sehen zum Beispiel immer häufiger, dass sich EU-Unternehmen mit Vorbildern aus Asien beschäftigen.

Wie organisiert Ihr den Austausch mit Euren Portfolio-Firmen, welche Tools nutzt Ihr?
Wir arbeiten als Gesamtteam und treffen uns wöchentlich, um über unsere Portfoliounternehmen zu sprechen. Das macht es uns einfach, schnell und effizient auf unsere Netzwerkpartner zuzugreifen und auf spezifische Unternehmensbedürfnisse einzugehen.

Was ist wichtiger: Das Team oder die Idee?
Ich würde sagen, die Idee ist schon ein wichtiger Unterscheidungsfaktor. Aber es ist immer eine Kombination aus Team, Idee, Timing, Markt und Ausführung. Unser Ansatz ist aber eher teamorientiert, wobei wir auch immer Markt und Timing berücksichtigen.

Wie sieht das ideale Gründerteam aus bzw. gibt es überhaupt das ideale Gründerteam?
Dafür gibt es kein Patentrezept. Wir haben sowohl in Unternehmen investiert, die von unerfahrenen Hochschulabsolventen gegründet wurden, die letztendlich erfolgreiche Unternehmen aufgebaut haben. Genauso haben wir in Gründer investiert, die vorher bereits erfolgreiche Unternehmen aufgebaut hatten und trotzdem gescheitert sind. Es ist ein komplexer Prozess, die richtige Chemie zwischen Gründern und Investoren herzustellen.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Startup investiert: Bauchgefühl, Daten, Beides oder was ganz anderes?
Wir versuchen das Team von Grund auf zu verstehen: Wie sehen die Motive der Teammitglieder aus, welche Anreize funktionieren bei ihnen, welche Erfahrungen bringen sie mit. Zusätzlich versuchen wir natürlich, den Markt und das Produkt genau zu verstehen. Ein Teil des Entscheidungsprozesses sieht vor, dass die Gründer eine Präsentation vor der gesamten Belegschaft halten, um von allen Feedback zu bekommen und die unterschiedlichen Perspektiven der Mitarbeiter mit einzubeziehen.

Nicht jedes Startup läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
Investitionen in einem frühen Stadium sind immer ein riskantes Geschäft, denn letztlich scheitern viele Unternehmen – das ist nichts Neues. Wir sehen unsere Aufgabe darin, eng mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten, um eine realistische Einschätzung des Status quo und des Zukunftspotenzials zu erarbeiten und uns gemeinsam auf die richtige Lösung zu einigen.

Wie wichtig und bindend ist ein Businessplan?
Das hängt stark von der Phase des Unternehmens ab. Aber wenn wir über die Frühphase sprechen, ist der Businessplan eines Unternehmens entscheidend. Denn er hilft sowohl den Gründern als auch den Investoren, sich auf gemeinsame Ziele für das Unternehmen zu einigen und gibt Aufschluss darüber, wie sich die Dinge entwickeln.

Wie spricht man als Gründer am besten einen Investor an?
Wir lieben Intros von Personen, die wir selbst kennen oder mit denen wir schon zusammengearbeitet haben. Mitgründer, Frühanleger oder Angels sind der beste und vertrauenswürdigste Weg, um neue Unternehmen kennenzulernen.

Was sollten Gründer vor Investoren niemals sagen oder machen?
Am wichtigsten ist es, ehrlich zu sein und sich nicht zu verstellen.

Gebt Ihr uns einen Einblick in Euer Anti-Portfolio – bei welchen, jetzt erfolgreichen, Firmen seid Ihr leider nicht eingestiegen?
Wir haben unzählige spannende Unternehmen ziehen lassen als wir die Gelegenheit zum Investment hatten. Aber wir wollen uns auf unsere Erfolge konzentrieren und dafür sorgen, dass noch mehr davon kommen. Es ist kein Weltuntergang, wenn man mal etwas verpasst hat. Man sollte sich auf die Geschäfte konzentrieren, hinter denen man zu 100 % steht, und den entsprechenden Gründern helfen, erfolgreiche Unternehmen aufzubauen.

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Foto (oben): RTP Global

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.