#Gastbeitrag Wir brauchen mehr Nerds!

Begabte Tüftler tun sich leichter, Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und entdecken so oftmals innovative Lösungswege. Larry Page, Bill Gates oder auch Jeff Bezos – Introvertierte gehören zu den erfolgreichsten Unternehmern unserer Zeit.
Wir brauchen mehr Nerds!

Indem wir extrovertierte Gründer meist in den Vordergrund stellen, verschenken wir hierzulande ein riesiges Potential an guten Ideen. Für eine erfolgreiche Unternehmensgründung ist immer das Team entscheidend – und besonders wichtig sind dabei die Stärken unserer introvertierten Gründerpersönlichkeiten.

Laut, risikobereit, der perfekte Netzwerker. Geht es nach vielen (sogenannten) Gründer-Ratgebern, sind erfolgreiche Unternehmer per Definition extrovertiert. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.

Dass es eher introvertierte und eher extrovertierte Menschen gibt, ist in der Persönlichkeitspsychologie schon lange bekannt. Introvertierte Menschen gelten demnach als leise, zurückhaltend und besitzen die Fähigkeit, sich mit großer Konzentration ihren Aufgaben zu widmen (auf Neudeutsch würde man wohl Flow dazu sagen). Extrovertierten Menschen hingegen werden Charaktereigenschaften wie Aufgeschlossenheit, Kontaktfreudigkeit und Durchsetzungsfähigkeit zugeschrieben. Fähigkeiten, die oftmals –und meiner Meinung nach fälschlicherweise – als Voraussetzung für eine erfolgreiche Unternehmensgründung gesehen werden.

Team > Individuum

Wenn ich eine Sache in den letzten Jahrzehnten als Unternehmer und Investor gelernt habe, dann, dass es nicht die Fähigkeiten und Eigenschaften eines einzelnen Gründers sind, die ein Startup erfolgreich machen. Es ist das Team, auf das es ankommt. Und dabei ist es völlig gleichgültig, ob eine bestimmte Person introvertiert oder extrovertiert ist. Ein erfolgreiches Gründerteam besteht immer aus unterschiedlichen Charakteren. Oft sind es die klassischen Nerds, die ein Startup erfolgreich machen. Begabte Tüftler und/oder non-konforme Denker tun sich erfahrungsgemäß leichter, Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und entdecken so oftmals innovative, neue Lösungswege. Larry Page, Bill Gates oder auch Jeff Bezos – Introvertierte gehören nicht umsonst zu den erfolgreichsten Unternehmern unserer Zeit.

Als Venture Capital-Investoren investieren wir immer in das Team, nie alleine in die Idee. Daher stehen bei unserer Finanzierungsentscheidung die einzelnen Team-Charaktere, und wie sie sich gegenseitig ergänzen, immer im Mittelpunkt. Bei den von uns finanzierten Tech-Unternehmen kommt die Gründungs-Idee häufig von introvertierten Techies. Oft fällt es ihnen – entgegen der vorherrschenden Meinung – leicht, ihre Idee mit großem Selbstbewusstsein zu pitchen, wenn es ihre eigens entwickelte Technologe ist und sie mit voller Leidenschaft dahinterstehen.

Von den Stärken Introvertierter profitieren

Dazu passt das Zitat des Begründers der analytischen Psychologie, Carl Jung: „Einen rein Introvertierten oder rein Extrovertierten gibt es nicht.“ Manche Menschen können gewisse Charakterzüge je nach Situation einfach besser ausleben.

Beim Pitch ist es uns als VCs wichtig, dass wir das gesamte Team kennenlernen. Jeden mit seinen Stärken, die er in das Startup einbringen kann – ob introvertiert oder extrovertiert. Und wenn wir die erfolgreichen Tech-Startups aus unserem Portfolio sehen, können wir nur feststellen: Wir brauchen mehr Nerds!

Zum Autor
Kurt Müller ist Gründer und Partner bei Target Partners mit über 30 Jahren Erfahrung in Deutschland und den USA. Der Venture Capital-Investor finanziert Tech-Startups mit B2B-Fokus in der Frühphase.

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Foto (oben): Screenshot / 60 Minutes