Gastbeitrag Vertrauen ist wichtiger als Charisma

Es gibt einen geläufigen Glauben, dass Charisma etwas sei, dass man entweder besitzt oder nicht. Das ist falsch. Tatsache ist, viele Menschen mit Charisma haben dies nie erlernt, sondern diese Fähigkeit unbewusst entwickelt. Man kann Charisma bis zu einem gewissen Maß auch erlernen.
Vertrauen ist wichtiger als Charisma

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hatte es, und der Dalai Lama hatte es auch – Charisma. Charismatische Menschen strahlen etwas ganz besonderes aus. Wir fühlen uns von ihnen angezogen. Sie haben Erfolg und werden bewundert. Charismatiker handeln außergewöhnlich. Sie inspirieren, haben einen starken Idealismus und unterstreichen mit ihrer Körpersprache ihre Souveränität. Charisma ist schwer zu fassen – kaum jemand kann exakt erklären, warum man bestimmte Menschen als charismatisch bezeichnet.

Was Charisma genau ist, wird immer ein Geheimnis bleiben. Vielleicht sollten wir es so sehen: „Sie fühlen es, wenn Sie es sehen“, orakelte einmal das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune. Tatsache ist, charismatische Menschen haben eine Art „Aura“, die anders ist als bei „gewöhnlichen“ Menschen. Das griechische Wort „chárisma“ heißt übersetzt Gnadengabe.

CHARISMA BEDEUTET EINFLUSS –
OB MAN ANDERE LEITEN KANN –
UND UMGÄNGLICHKEIT –
OB MAN SEINEN MITMENSCHEN EIN ANGENEHMES GEFÜHL VERMITTELT.

Konstantin Tskhay, University of Toronto, Leiter einer Studie

Wie viel Charisma Sie haben, können Sie leicht anhand dieser Punkte feststellen:
(Je mehr Punkte Sie mit ja beantworten, desto besser)

Ich bin jemand, der…
Präsenz ausstrahlt.
die Fähigkeit besitzt, Leute zu beeinflussen.
weiß, wie man eine Gruppe anführt.
bei Leuten bewirkt, dass sie sich wohlfühlen.
Menschen inspiriert.
häufig Leute anlächelt.
mit jedem zurechtkommt.
der gesetzte Ziele anstrebt und verfolgt.
der seine Stärken und Schwächen kennt.
sich seiner selbst, seiner Kompetenz, sowie seines inneren Reichtums bewusst ist.
sich selbst liebt und das Leben.
Vertrauen in sich selbst hat.
mutig ist.
offen und ehrlich ist.
authentisch ist.
emotional, geistig und sozial wächst.

Charisma ist eine Fremdwahrnehmung

Wir sollten lernen, charismatische Menschen werden durch ihre Umwelt mit einer besonderen Ausstrahlung wahrgenommen. Charisma ist also keine persönliche Eigenschaft. Charisma ist eine Fremdwahrnehmung. Die Charisma-Trainerin und Autorin Julia Sobainsky sagt: „Charisma ist eine zugeschriebene Eigenschaft. Man kann nicht von sich selbst sagen: Ich habe Charisma. Das machen andere.“

Kann man Charisma erlernen?

Es gibt einen geläufigen Glauben, dass Charisma etwas sei, dass man entweder besitzt oder nicht. Das ist falsch. Tatsache ist, viele Menschen mit Charisma haben dies nie erlernt, sondern diese Fähigkeit unbewusst entwickelt. Man kann Charisma bis zu einem gewissen Maß auch erlernen. Allerdings sollte eine gewisse Grundlage dafür vorhanden sein. Man kann sehr gut an der Entwicklung des eigenen Charismas arbeiten. Charisma kann wachsen und sich entwickeln. Das wurde sogar in einem Experiment bewiesen. Forscher zeigten, dass das Charisma von Personen erhöht oder verringert werden kann, indem man ihnen charismatisches Sprechen antrainiert. Gerade wenn man in der Öffentlichkeit steht und viel mit Menschen zu tun hat, ist es durchaus nicht schlecht, etwas Charisma zu entwickeln.

Wir können zusammenfassen:

Charisma beschreibt ein außergewöhnliches Führungserlebnis.

Charisma ist die Fähigkeit, durch suggestive Kraft Vertrauen zu erzeugen.

MERKE: Wir sollten uns aber nicht zu sehr auf Charisma konzentrieren.

Charisma kann auch Nachteile haben

Charisma hat nicht immer nur Vorteile. Oftmals haben charismatische Führer in der Geschichte sogar Katastrophen bewirkt. Ganz abgesehen von charismatischen Führern, wie Jesus oder Buddha. Charismatische Führer können gefährlich und unberechenbar sein.

Wir können festhalten: Charisma kann verführen, statt zu führen.

Charisma sagt nicht immer etwas über die Leistung aus

Prof. Dr. Fredmund Malik, führender Management-Vordenker in Europa und Co-Autor des Buches „Das große 1×1 der Erfolgsstragie / EKS – Die Strategie für die neue Wirtschaft“ hat einen interessanten Aspekt zum Thema Charisma vorgebracht: Charismatische Menschen haben im Durchschnitt eher ein Problem damit, Leistung abzurufen als andere. Man sieht dies gut am früheren amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Er als gelernter Schauspieler machte stets eine gute Figur und konnte seine Landsleute mitreißen. Seine politische Bilanz hingegen hielt sich in Grenzen.

Charisma macht noch keinen guten Redner

Rhetorik ist die Kunst der freien Rede und fällt nicht mit dem Charisma des Redners. Sie ist ein Handwerk, das man lernen muss. Eine gute Kommunikation
beruht auf Inhalten, auf der richtigen Argumentationstechnik, auf eine bewusst eingesetzte Körpersprache und auf den richtigen Einsatz der Stimme.

Charisma macht noch keinen guten Redner. Nachhaltige Wirkung kann nur erzielen, wer Substanz zu bieten hat.

Brauchen wir also charismatische Führungspersönlichkeiten?

Nein – eine besondere Ausstrahlungskraft ist für eine erfolgreiche Führung nicht notwendig. Echte Führung beruht auf Verlässlichkeit, Sachlichkeit, Vertrauen und Kompetenz. Nicht allein auf der Ausstrahlung der Führungskraft. Echte Führer brauchen kein Charisma. Sie führen durch Selbstdisziplin und durch Beispiel. Nicht durch große Propaganda. Menschen folgen Menschen, denen Sie vertrauen. Und Vertrauen lässt sich auch ohne Charisma bilden. Vertrauen wird erzeugt durch Integrität, durch Ehrlichkeit, Humanismus und Prinzipientreue. Ein weiterer wichtiger Faktor für Vertrauen ist Zutrauen. Menschen folgen solchen Führungspersönlichkeiten, denen sie zutrauen, dass unter ihrer Führung Ziele erreicht werden. Zutrauen gibt Hoffnung und wird gestärkt durch Kompetenz des Führers.

Zusammenfassend können wir sagen: Charismatische Menschen machen andere glücklich, so das Fazit einer Studie von Amir Erez. Der Arbeitswissenschaftler stellte fest: Je charismatischer die Testpersonen ihren Chef fanden, desto vergnügter waren sie nach einer Besprechung mit ihm.

Menschen glücklich machen geht allerdings auch ohne Charisma.

Über die Autorin
Karin Sebelin ist Expertin und Autorin für Vertrauen. Ihr Buch „Trust … the only kind of influence that really matters“ räumt mit dem Mythos auf, dass wir uns als vertrauenswürdig erweisen müssen, dass wir uns Vertrauen „verdienen“ müssen. Vertrauen ist die einzige Art des Einflusses, die wirklich im Leben von Bedeutung ist.

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Foto (oben): Shutterstock

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