Gastbeitrag von Alex Spain Das nächste 100-Milliarden-Startup? Made in Germany!

Deutschland ist zweifelsfrei eines der führenden Gründerländer Europas. Zumindest wenn wir rein objektive Kennzahlen wie investiertes Risikokapital, Anzahl der Finanzierungen und Finanzierungsrunden oder auch die Anzahl an Einhörnern als Maßstab zugrunde legen.
Das nächste 100-Milliarden-Startup? Made in Germany!

Woher Europas nächste 100-Milliarden-Tech-Firma kommen wird? Aus Deutschland! Darauf wettet zumindest Alex Spain, Senior Associate bei Atomico. Sein Optimismus in Sachen deutscher Startup-Landschaft beruht unter anderem auf den vielen gut ausgebildeten Tech-Experten hierzulande, funktionierenden Ökosystemen und auf Investitionen der großen Technologie-Konzerne. Eine Analyse von Alex Spain, der für Atomico nach den besten deutschen Startups Ausschau hält.

Deutschland ist zweifelsfrei eines der führenden Gründerländer Europas. Zumindest wenn wir rein objektive Kennzahlen wie investiertes Risikokapital, Anzahl der Finanzierungen und Finanzierungsrunden oder auch die Anzahl an Einhörnern als Maßstab zugrunde legen. Durch den Brexit scheint sogar die Pole-Position in durchaus greifbarer Nähe. Betrachten wir allerdings einzelne herausstechende europäische Technologie-Unternehmen, sieht die Sache anders aus.

Dann fällt der Blick auf Startups aus anderen Ländern. Auf Fintechs wie Klarna (Schweden), Adyen (Niederlande), Funding Circle oder Transferwise (beide Großbritannien); auf Games-Unternehmen wie King (Großbritannien), Supercell (Finnland) oder Unity (Dänemark), in der Musikwelt auf Spotify (Schweden) und in Sachen Kommunikation auf Skype (Estland, Luxemburg). Betrachten wir Deutschlands Tech Erfolge, stechen eher e-Commerce und Marktplätze ins Auge (Soundcloud war kürzlich noch eine Ausnahme, hoffen wir, dass das Team dort wieder auf einen besseren, wohlverdienten Kurs gelangt!).

Die Ursache dafür ist recht einfach: Hinter Milliarden-Firmen wie Zalando, Delivery Hero, HelloFresh und natürlich Rocket Internet stehen die Samwer-Brüder. Entsprechend eilt der Berliner und der deutschen Tech-Szene ungerechtfertigterweise der Ruf voraus, eher auf Innovationen und Umsetzung von Geschäftsmodellen als auf technologische Innovationen und Entwicklung zu setzen. Dabei sind die Voraussetzungen für das nächste 100-Milliarden-Dollar-Deep-Tech-Unternehmen nirgendwo in Europa so gut wie in Deutschland. Meine fünf Schlüsselargumente für diese These:

1) Talente vor Ort

Talent ist der wesentliche Bestandteil für alle Tech-Ökosysteme. Kein anderes Land in Europa verfügt über so viele kluge Technologie-Köpfe wie Deutschland. Einige Fakten:

  • Drei der europäischen Top-10 Universitäten für Informationstechnologie sind in Deutschland (München, Karlsruhe, Aachen).
  • Berlin verfügt in Europa über das drittgrößte Cluster an Entwicklern.
  • Deutschland ist nach Großbritannien die Nummer zwei als Ziel ausländischer Tech-Arbeitskräfte.

Die vorhandene Technologie-Expertise ist also offenkundig. Und dieser Talent-Pool wird durch neue Investitionen in Forschungszentren wie das DFKI, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, noch weiter gestärkt. Mit Standorten in Kaiserslautern, Saarbrücken, Bremen und Berlin ist das DFKI zur Zeit das größte Forschungszentrum der Welt im Bereich Künstlicher Intelligenz. Zu seinen Shareholdern gehören unter anderem Google, Intel und Microsoft.

2) Investitionen globaler Tech-Riesen und lokaler Industrieunternehmen

IBM hat 200 Millionen Dollar ausgegeben, um sein weltweites Headquarter Watson IOT in München zu errichten, Amazons einziges europäischen Zentrum für Machine Learning steht in Berlin. Und SAP unterstützt das Ökosystem über den ganzen Lebenszyklus der Unternehmen hinweg: Als Inkubator oder als Early-Stage-Investor hat SAP Startups wie Celonis oder Blippar gefördert, durch einen Fond für weltweites Wachstum managt es inzwischen 2,4 Milliarden Dollar und kann 44 IPOs und M&As vorweisen. Ein weiterer wichtiger Asset: Dank Deutschlands traditioneller Industrieunternehmen wie BMW, Audi und Daimler steht für M&A über den ganzen Mobilitäts- und Transportsektor hinweg ausreichend Kapital bereit – egal ob es um neue Technologien für Mapping, Sharing oder autonome Vehikel geht.

3) Über das Land verteilte Ökosysteme auch jenseits von Berlin

Nicht nur in Sachen “Talent” gilt: Die deutsche Tech-Szene besteht nicht nur aus Berlin. Den Trend hin zu diversen und vielfältigen Hubs in ganz Europa haben wir bereits in unserem vergangenem State of European Tech Report aufgezeigt. Als besonders heterogen entpuppt sich dabei Deutschland: Schließlich verteilen sich, anders als in zentralistischen Ländern wie Großbritannien oder Frankreich Städte über das ganze Land. Diese Hubs verfügen in spezifischen Sektoren jeweils über Expertise der weltweiten Spitzenklasse – etwa im Finanz-, Automobil- oder Logistikbereich. Potenzielle Weltmarktführer sitzen daher in verschiedenen Städten. Dieser Ansatz mag auf den ersten Blick dem Startup-Gedanken mit einem zentralen Hub wie dem Silicon Valley widersprechen, aber zur Erinnerung: Auch aus New York und Los Angeles komme einige globale Champions. Und auch Deutschlands vielfältige Wirtschaftszentren haben das Potenzial, sich auf globaler Ebene durchzusetzen.

Wie attraktiv die regionalen Ökosysteme sind, belegen auch folgende Fakten:

  • Internationale Investoren wie Index, Accel, USV, NEA, Insight oder Valar und auch Atomico haben allesamt in den vergangenen Jahren in Deutschland außerhalb Berlins investiert.
  • Über das ganze Land verteilen sich die verschiedenen Top-Konferenzen: Pirate Summit in Köln, Bits & Pretzels und DLD in München, NOAH und TOA in Berlin.
  • Noch ein Hinweis auf das Leben hierzulande: München wurde von Teleport als die Stadt mit der höchsten Lebensqualität eingestuft, Hamburg, Düsseldorf und Berlin sind in den top 20.

4) Spezialisierte Early-Stage Investoren

Deutschland verfügt bereits über eines der stärksten Early-Stage Funding-Ökosysteme in Europa. Da sind etwa die operativen Experten von Project A oder die Produkt fokussierten Gurus von Atlantic Labs, da ist das auf einen Sektor spezialisierte Point Nine, das von Gründern initiierte Cherry – und da sind noch viele, viele weitere spannende VCs. Besonders interessant: Betrachten wir die neueren Fonds (19 wurden laut Yannick Roux seit 2016 aufgelegt mit einem Volumen von 2,4 Milliarden Euro), zeigt sich ein klarer Deep-Tech-Fokus:

  • BlueYard ist ein genuiner Thesen-getriebener VC mit einem klaren Fokus auf das dezentrale Internet und das Stärken von Nutzern und ihrer Daten. Als Edward Snowden auf dem ersten Event eines VCs auftauchte, wusste man, dass es dieses Team ernst meint, wenn es um die Zukunft der Technologie geht.
  • Fly Ventures ist eine Mischung von Managern und VCs mit einem klaren Fokus auf den Markt, das Produkt und das Team im Bereich Machine Learning.
  • Und dann ist da noch Fabian von Asgard VC, der nicht nur in AI investiert, sondern mit seinem Event “The Rise of AI” auch eine Rolle beim Aufbau einer Community gespielt hat.

5) Aufstrebende Unternehmen

Wir haben Talente, Investitionen und Unterstützung durch die Industrie, verschiedene vibrierende Hubs und anspruchsvolle Early-Stage Investoren. Damit sind alle Zutaten vorhanden, damit die nächsten Deep-Tech-Unternehmen in Deutschland entstehen. Eine Tendenz, die sich in den vergangenen paar Jahren bereits abgezeichnet hat: Entfielen 2012 noch 33 Prozent der Finanzierungsrunden auf e-Commerce und Marktplätze, sind es 2017 nur noch 21 Prozent (Dealroom).

 Minh Ha Duong’s exzellente Übersicht über die europäische AI Landschaft führt 81 AI-basierte Unternehmen aus Deutschland auf – Platz zwei in Europa hinter Großbritannien. Unter den deutschen Firmen sind Teams wie EyeEm, das mit seinen Ergebnissen kürzlich Google, IBM, Amazon und Microsoft in Sachen Bilderkennung übertroffen hat, horizontale Anwendungen wie Twenty Billion Neurons und vertikale Anwendungen, die von Betrugserkennung (Fraugster), über smarte Automobil-Assistenten (German Auto Labs) bis zu Sensoren für das Senken von Instandhaltungskosten gehen (Konux).

Zwei unserer eigenen Portfolio-Unternehmen stehen beispielhaft für den deutschen Tech-Trend: GoEuro versucht, das Entdecken von Reisezielen und Reiseformen über alle Transportwege und Länder hinweg zu lösen. Es hat in Berlin mit über 100 Mitarbeitern bereits eines der größten Teams aufgebaut. Und Lilium errichtet eine völlig neue Art des sauberen städtischen Transports, indem es den weltweit ersten komplett elektrischen vertikal startenden und landenden Jet baut. Es ist der Aufbruch in ein neues Zeitalter des On-Demand-Transports auf dem Luftwege.

All diese Punkte und auch die genannten Beispiele zeigen: Es gibt viele Gründe dafür, dass die nächste 100-Milliarden-Deep-Tech-Firma aus Deutschland kommt. Wenn ihr diese selber gegründet habt, gebt mir gerne Bescheid;)

Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung von Alex’ Analyse für Atomico.

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Foto (oben): Shutterstock