Gastbeitrag von Anne Prokopp

Startups: Von einer Krise ist die nächste Krise

Eine Krise ist mitunter gar nicht so leicht zu erkennen, selbst wenn sie einen schon voll erwischt hat. Identitätskrisen können sich auf die verschiedensten Arten bemerkbar machen, denn nicht jeder reagiert gleich.
Startups: Von einer Krise ist die nächste Krise
Montag, 22. Mai 2017Vonds-Team

Dass die Arbeit in einem Startup mehr ist als ein hippes Büro mit gratis Obst und lauen Sommerabenden auf Dachterrassen, hat sich inzwischen herumgesprochen. In erster Linie ist Startup Arbeit und davon mehr, als manch einem lieb ist. Nicht umsonst scheitern so viele Startups auf dem Weg zum Erfolg. Die Studien streiten sich, ob es nun 80 % oder 90 % sind, die über kurz oder lang ihren Geschäftsbetrieb einstellen? Im Grunde ist das vollkommen egal – klar ist: verdammt viele Gründungen verlaufen im Sande und auf dem Weg zum Erfolg oder zur Aufgabe erleben die meisten Unternehmen so manche Krise, über die keiner so wirklich reden will. Dabei ist es besonders bei Startups vollkommen normal, von Zeit zu Zeit in leichte oder schwere Identitätskrisen zu stolpern.

Warum sind Startups prädestiniert für Identitätskrisen?
Gerade bei Startups, also bei innovativen Geschäftsmodellen, sind Identitätskrisen keine Seltenheit. Warum? Startups können sich selten auf feste Marktzahlen, Prognosen oder andere Erfahrungswerte beziehen und ihr Geschäftsmodell nach diesen Erkenntnissen ausrichten. Trotzdem ist man als Gründer von seiner Idee natürlich überzeugt und arbeitet hart daran, dass das eigene Geschäft “das nächste ganz große Ding” wird. Doch mal im Ernst: die wenigsten Gründer schaffen es, sich ein Uber, Facebook oder etwas auch nur annähernd in dieser Größenordnung auszudenken. Die meisten Ideen sind irgendwie aus verschiedenen bestehenden Geschäftsideen zusammengebastelt, oder wie ließe sich sonst der x-te Lieferdienst für fertiges Essen/Zutaten/vegane Baukastenkost zum Selbstzusammenstellen erklären? Dass das gar nicht schlimm ist und sehr erfolgreich laufen kann, zeigen viele Beispiele. Wichtig dabei ist aber, sich selbst treu zu bleiben und bei aller Weiterentwicklung der Geschäftsidee seine Wurzeln nicht zu vergessen. Denn ein Geschäft zu kopieren, nur weil es erfolgreich ist, wird nicht funktionieren.

Genau darum ist es so wichtig, seinem Startup eine Identität zu geben, eine Vision, einen Grund, aus dem man sich den ganzen Stress überhaupt antut. Doch selbst, wenn es ein klares Warum gibt, stolpert so manches Startup in Identitätskrisen. Ein möglicher Grund ist der Wandel des Geschäftsmodells. Denn nur Glaube allein macht noch kein erfolgreiches Business und wenn der Markt die Innovation doch nicht so gut aufnimmt wie erwartet, muss man sich eben etwas anderes einfallen lassen oder man gibt gleich auf.

Wandelt man sein Business, ist es wichtig, dass die Neuausrichtung zur bisherigen Vision und Geschichte passt. Ist das nicht so, muss vielleicht die Vision geändert werden, in jedem Fall aber sollte das Unternehmen auch nach einer Neuausrichtung noch eine stimmige Geschichte vorweisen können, denn nicht nur Kunden und Mitarbeiter brauchen diese Identität, auch Investoren wissen gerne, in welche Geschichte sie überhaupt investieren sollen.

Für viele Startups sind Investoren unverzichtbar, doch da diese oft ein gewisses Mitspracherecht bekommen, sollte man sich seine Investoren genau aussuchen und darauf achten, dass sie die eigene Vision achten und unterstützen.

Da in Startups innovative Geschäftsmodelle verfolgt werden, oft das Geld knapp ist und man trotzdem neue Mitarbeiter braucht, gibt es in Startups viel zu tun und erfolgreiche Wege zu finden. Eine großartige Möglichkeit um zu lernen, wie es in der Wirtschaft wirklich aussieht, aber eben auch viel Arbeit. Gerade weil Märkte, Zielgruppen, die eigene Dienstleistung oder das eigene Produkt noch nicht komplett gefestigt sind, wird in Startups viel probiert. Das und auch die ersten Erfolge benötigen personelle Ressourcen, besonders, weil in jungen Unternehmen vieles noch manuell passiert, für das etablierte Unternehmen bereits Systeme oder Automatisierungslösungen haben. Erfolgreiche Startups wachsen also, doch das Tagesgeschäft und die kleinen Hürden des Alltags sind so präsent, dass neue Kollegen es oft schwer haben, sich einzufinden. Konnte der Chef sich früher jeden Tag fünf Minuten für jeden Angestellten nehmen, verlieren viele Gründer mit dem Wachstum den Kontakt zum Team. Umso wichtiger, dass es eine mittlere Führungsebene gibt, die die Aufgabe des Kontakthaltens übernehmen kann. Denn letztlich lebt ein jedes Startup von seinen Mitarbeitern.

Die mitunter größte Herausforderung nicht nur in Startups ist die Kommunikation. Wo Menschen zusammenkommen, wird kommuniziert, ob verbal oder nonverbal. Irgendwie ist das jedem klar und doch geht kommunikativ so viel schief in Unternehmen. Was für den Einen selbstverständlich ist, muss dem Anderen noch lange nicht einleuchten. Der Gründer weiß ganz genau, woher er kommt und warum sich sein Business verändert, Teammitglieder wissen dies mitunter nicht, was zu Unsicherheiten und wirklichen Identitätskrisen führen kann, besonders bei einem wachsenden Team.
Neben der Kommunikation ist auch die Organisation eine immense Herausforderung für wachsende Startups, denn je größer das Unternehmen, je öfter sich das Geschäftsmodell oder der Zielmarkt ändert, desto öfter bedarf es Neuorganisationen, die auch strukturell im Unternehmen abgebildet werden müssen.

Wie verhalten, wenn die Krise da ist?
Eine Krise ist mitunter gar nicht so leicht zu erkennen, selbst wenn sie einen schon voll erwischt hat. Identitätskrisen können sich auf die verschiedensten Arten bemerkbar machen, denn nicht jeder reagiert gleich und da viele Startups in diesem Stadium schon gewachsen sind, gibt es auch mehr Teammitglieder, deren Reaktionen sich unterscheiden. Da gibt es die, die den Mund aufmachen und dem Chef sagen, dass etwas nicht stimmt. Bei anderen versagen die Motivation und das Engagement, aber auch PR oder Auftragsanfragen, die so gar nicht zur aktuellen Ausrichtung des Unternehmens passen, können Indiz sein, dass etwas nicht OK ist. In diesem Fall heißt es: Back to the roots. Was war anders, als alles noch “gut” war? Ist das festgestellt, geht es an die eigentliche Arbeit, das Aufräumen. Mitarbeiter müssen wieder ins Boot geholt und die Motivation muss gestärkt werden. Je nach Startup und je nach Krise unterscheiden sich die Aufgaben.
Doch eines ist klar: Krise gehört zu Startup wie Ingwer-Gurken-Limonade oder Gründermeetings auf der Dachterrasse im Sonnenuntergang. Aber: Startup ist nicht gleich Krise. Solange sich Krisen und erfolgreiche Hochphasen abwechseln und es immer noch mehr zu lachen als zu weinen gibt, sollten Gründer sich nicht zu viele Sorgen machen.

Zur Autorin
Anne Prokopp ist bei iTiZZiMO zuständig für den Bereich Content und PR. Natürlich sind in diesem Beitrag auch eigene Erfahrungen der iTiZZiMO AG eingeflossen, wenn auch etwas überspitzt. Das Unternehmen wurde 2012 als klassischer IT-Dienstleister gegründet und beschäftigte sich mit Datenbrillen und Wearables lange bevor das jemand anders tat.

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Foto (oben): Shutterstock