Dominik Alvermann im VC-Interview “Ein guter VC-Investor ist sehr neugierig”

"Ein guter VC-Investor ist sehr breit interessiert und neugierig. Man sollte die Branche, in die man investiert und ihre Produkte gut kennen, auch aus Anwendersicht", sagt Dominik Alvermann, seit 2014 bei Acton Capital Partners, im VC-Interview mit deutsche-startups.de.
“Ein guter VC-Investor ist sehr neugierig”

Seit 1999 investierte das Team hinter Acton Capital Partners mehr als 350 Millionen Euro in internet-basierte Geschäftsmodelle. Im Portfolio des Münchner Geldgebers befinden sich Unternehmen wie Etsy, Home24, HomeToGo, momox, sofatutor und Yatego. Im VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht Dominik Alvermann, seit 2014 bei Acton Capital Partners, über Vertrauen, Freude und Ertragsmechaniken.

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Als Venture-Capital-Investor investieren wir in erster Linie das Geld von Dritten, den Anlegern im Fonds. Investieren ist daher eine Art indirekte Vermittlung, man bringt Geldgeber und Unternehmer, die etwas aufbauen wollen, zusammen und “brokert” Vertrauen. Im Gegensatz zu anderen Anlageklassen kann man bei diesen Investitionen sehr schön sehen, ob und wie das Geld “arbeitet”. Gleichzeitig ist ein gewisses Maß an Mitarbeit erforderlich, da man ja eine aktive Gesellschafterrolle einnimmt. Das ist persönlich fordernd und bereichernd zugleich.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-Capital-Geber geworden?
Ein guter VC-Investor ist sehr breit interessiert und neugierig. Man sollte die Branche, in die man investiert und ihre Produkte gut kennen, auch aus Anwendersicht. Und man sollte gut mit Menschen umgehen können – in der Zusammenarbeit mit Gründern zählt die Persönlichkeit. Ein guter VC ist letztlich Forscher, Konstrukteur, Politiker und Psychologe zugleich. Einen Königsweg gibt es nicht, aber in der Vergangenheit sind viele über Beratung oder Investmentbanking gekommen, jedoch hat operative Startup-Erfahrung mittlerweile deutlich an Stellenwert gewonnen. Mich persönlich hat nach dem BWL-Studium mitten in der Finanzkrise 2008 Jochen Gutbrod in das Team bei Holtzbrinck Digital geholt. Dort habe ich als Analyst angefangen und das Investieren als Aufgabe entdeckt, die mir viel Freude bereitet. Auch dieser Weg ist möglich. Nach einigen Jahren bei Holtzbrinck und einem Master-Studium bin ich 2014 zu Acton gekommen.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
Nein, die Summe ist nicht das Entscheidende. Wer seinem eigenen Kopf und Bauch nicht vertrauen kann, ist aus meiner Sicht fehl am Platz in einer Branche, in der es wenig Sicheres gibt. Aber eine ständige, kritische Selbstreflektion und ein bisschen Demut sind aus meiner Sicht enorm wichtig. In einem VC-Fonds entscheidet ja nicht eine Person allein, sondern alle aus dem Investment-Team tragen ihr Wissen und ihr Einschätzung bei, was den Entscheidungsprozess ein gutes Stück weit rationalisiert. Trotzdem liegt man natürlich mal daneben, das gehört zum Geschäft. Wichtig ist, dass man systematische Fehlerquellen frühzeitig erkennt und behebt – wie in jeder anderen Firma auch.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Start-up investiert: Bauchgefühl, Daten, Beides oder was ganz anderes?
Unterm Strich ist das Verhältnis vermutlich etwa 80 % Kopf, 20 % Bauch. Nach der fundamentalen Analyse des Geschäftsmodells entlang der Punkte Kunden/Bedürfnisse, Produkt, Wertschöpfungskette, Ertragsmechanik versuchen wir, uns zu Status Quo und Roadmap eine Meinung zu bilden sowie zum Team und dem vorgeschlagenen Deal. Wenn das alles zusammenpasst, investieren wir!

Was sollte jeder Gründer über Euch – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr Euch von anderen Investoren ab?
Acton investiert in Internet-Startups, die sich an breite Kundengruppen richten, sowohl B2C als auch „B2SmallB“. Unser Fokus liegt dabei auf Unternehmen, die von Anfang an ein funktionierendes und nachhaltiges Geschäftsmodell haben. Wir investieren nicht in  reine Produkt-Startups, die ihren Wert primär durch eine große Nutzerbasis schaffen oder pure Technologie-Startups, bei denen die originäre Erfindung bzw. Entwicklungsleistung im Vordergrund steht, und das Geschäftsmodell später entwickelt wird. Natürlich entstehen aber auch in diesen beiden Bereichen fantastische Firmen. Während andere Fonds manchmal eher nach Momentum schauen oder auf Basis von Trends investieren, interessieren wir uns viel mehr für bereits bestehende Substanz. Da wir meist in etwas späteren Phasen, also typische Series B oder „reifere“ Series A-Runden investieren, und dadurch eine kleinere Anzahl von Firmen finanzieren, bekommt jede einzelne Firma etwas mehr Aufmerksamkeit, als bei typischen Early-Stage-Investoren. Im Gegensatz zu manch anderen machen wir auch gerne und recht ausführlich Due Diligence und sehen dies als Vorbereitung auf eine aktive Gesellschafterrolle. Um ein guter Sparringspartner für das Gründerteam sein zu können, sollte man z.B. unbedingt das Produkt und die Kunden sehr gut kennen und das Geschäftsmodell in der Tiefe verstehen. Nur wer sich gut vorbereitet, kann nachher auch wirklich etwas beitragen, und nervt die Gründer nicht mit Banalitäten. Aktiv ist Acton in Europa mit einem Schwerpunkt auf Deutschland und in Nordamerika, wobei wir uns dort auf Kanada und US-Ostküste beschränken.

Welche Unterstützung bietet Ihr – neben Geld?
Inhaltlich geht es in der Diskussion mit uns meist um Strategie und Organisation, also Themen wie die Ausrichtung der Firma, das Verständnis über die Bedürfnisse der Kunden, die Weiterentwicklung von Geschäftsmodell und Produkt, Prozessen und Team, oder die Governance. Bei unseren Portfolio-Firmen sind wir immer im Beirat oder Aufsichtsrat, und legen auch Wert auf den kontinuierlichen Aufbau von professionellen Governance-Prozessen, die es den Firmen erlauben, zu wachsen. Dabei holen wir oft auch gerne externe Board-Mitglieder, meist erfahrene Branchen-Experten, hinzu. Gründer, in die wir investieren, haben grundsätzlich Zugang zum ganzen Acton-Team, und alle werden helfen, damit die Firma ein Erfolg wird. In der operativen Betreuung gilt bei Acton das Vier-Augen-Prinzip, d.h. es kümmern sich immer zwei Mitglieder unseres Investment-Teams um jede Portfolio-Firma. Hinzu kommt die Unterstützung nach Bedarf durch unsere Spezialisten in den Bereichen Recht, Finanzen sowie PR/Kommunikation.

Wie organisiert Ihr den Austausch mit Euren Portfolio-Firmen, welche Tools nutzt Ihr?
Wir legen Wert auf einen regelmäßigen persönlichen Austausch mit den Gründern, und kommen auch mal zwischen den Board-Meetings vorbei. Mit den Teams, die ich selbst betreue, bin ich auch meist auf Skype verbunden für den Austausch kleinerer Infos. Ein konsequentes KPI-Reporting hilft nicht nur uns, die Entwicklung der Firma im Auge zu behalten, sondern ist für uns auch ein wichtiges Tool für die Reflektion mit jedem Startup-Team über die Fortentwicklung des Geschäftsmodells.

Nicht jedes Start-up läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
In kritischen Situationen Ruhe bewahren und sicherstellen, dass alle Seiten das gleiche Verständnis der Situation und ihrer Ursachen haben. Eine offene und vertrauensvolle Kommunikation zwischen Gründern und Investoren ist das A und O. Die meisten Krisen entstehen nicht durch unvorhergesehene Ereignisse, sondern dadurch, dass man über einen längeren Zeitraum aneinander vorbeiredet. Dann müssen Handlungsoptionen gefunden und ein neues Budget aufgestellt werden, auf dessen Basis die Firma Dinge ausprobieren kann, die man vielleicht noch nicht angegangen hat.

Und woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem Start-up die endgültige Reißleine ziehen müsst?
Wir entscheiden ja von Runde zu Runde neu, ob wir einer Firma zu den jeweiligen Konditionen Geld geben möchten oder nicht, und geben keinen Freifahrtschein zur automatischen Kapitalversorgung in der Zukunft ab. Natürlich halten wir Reserven bereit, um auch Durststrecken überwinden zu können. Wichtig ist dann aber umso mehr, dass Gründer und Investoren schon in der Phase davor ein starkes gegenseitiges Vertrauen und einen einheitlichen Blick auf die Dinge entwickelt haben. Wenn wir nicht 100% hinter einer Finanzierungsentscheidung stehen, werden wir nicht investieren, da wir als Fonds ja auch immer eine Treuepflicht gegenüber unseren Anlegern haben.

Was sollten Gründer vor Investoren niemals sagen oder machen?
Gründer sollten niemals etwas sagen oder machen, nur weil sie denken, sie müssten das fürs Fundraising jetzt so tun. Overselling rächt sich in enttäuschten Erwartungen, und Transparenz zahlt sich langfristig aus. Wenn jemand was versteckt, ist mit aller Voraussicht von Anfang an der Wurm in der Beziehung. Hier unterscheidet sich auch die realistische Vision von der unrealistischen: Wer mit Fakten untermauern kann, dass seine Ziele erreichbar sind, und das Team entsprechend gerüstet ist, wird die Investoren seiner Wahl überzeugen können.

Gebt Ihr uns einen Einblick in Euer Anti-Portfolio – bei welchen, jetzt erfolgreichen, Firmen seid Ihr leider nicht eingestiegen?
Als VC darf man seine Entscheidungen nicht bereuen – es gehört eben dazu, daneben zu liegen. Gerade in der späteren Phase, die insgesamt weniger Unternehmen erreichen, ist vielmehr die Frage wichtig, ob es ganz konkret zu dem Zeitpunkt, an dem man miteinander gesprochen hat, für beide Seiten passt. Acton investiert seit 1999, aktuell in der vierten Fonds-Generation. In unserem Heimatmarkt Deutschland, in dem wir circa 50 % unseres Fonds-Kapitals investieren, haben wir mit sehr vielen Firmen, die später erfolgreiche Exits hingelegt haben, Kontakt gehabt. Trivago, Zalando und Fahrrad.de sind natürlich dabei. Aber auch mit Waze aus Israel oder Avito aus Russland gab es konkrete Investitionsgespräche, auf die jedoch kein Investment folgte. Das gehört eben auch zum Geschäft, und wer selbst erfolgreich sein will tut gut daran, den Erfolg auch anderen zu gönnen.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.