Gastbeitrag von Meike Haagmans Was der #Brexit für junge Start-ups bedeuten kann

Jungen, international tätigen Start-ups kann der Brexit große Probleme bereiten. Szenarien wie den Euro-Verfall in 2015 oder die Folgen des heutigen Brexit lernt man in keiner Uni, kein Lehrbuch berichtet darüber und kein strategisches Planspiel wird eine solche Problematik durchleuchten.
Was der #Brexit für junge Start-ups bedeuten kann

Großbritannien hat entschieden und tritt aus der Europäischen Union aus. Auch wenn das Wahlergebnis knapp war, die Entscheidung steht – und es ist eine Entscheidung, die viele Folgen mit sich bringt. Eine erste, schnell spürbare Folge ist der freie Fall des Britischen Pfunds über Nacht. Und auch der Euro leidet. Für junge, international tätige Startups sind dies unvorhersehbare Einflüsse – die den Gründern große Probleme bereiten können.

Während es für viele Szenarien schon Frühwarnsysteme, Prognosetechniken und Krisenhandbücher gibt, werden Startups oft von unvorhersehbaren Ereignissen überrannt, an die kein Gründer beim Businessplan gedacht hat. Der heute Realität gewordenen Austritt der Briten aus der EU ist genau so ein Beispiel. Was dieses historische Ereignis tatsächlich für Folgen haben wird, können wir heute noch gar nicht ganz erfassen. Aber allein ein Blick auf die Finanzmärkte zeigt, dass es Folgen geben wird.

Für mich als Unternehmerin und Eigentümerin eines jungen Reiseveranstalters ist heute ein denkwürdiger Tag. Mein Geschäft ist an Währungen gekoppelt und ich weiß, was der Verfall einer Währung für ein Unternehmen – vor allem ein junges – bedeuten kann. Im Frühjahr 2015 wurde ich ins kalte Wasser geworfen, als der Euro plötzlich rapide fiel. Drei Jahre nach Gründung meiner Firma jovenTOUR musste ich am eigenen Leib feststellen, was es bedeuten kann, kurz vor der Insolvenz zu stehen. Nicht mehr zahlungsfähig zu sein. Ein leeres Konto zu haben. Und das obwohl der Umsatz von jovenTOUR in dem Jahr die sechsstellige Marke überschritten hatte und der Businessplan diesen Schritt exakt prognostiziert hatte.

Natürlich wusste ich, dass ich bei Geschäften, die in Fremdwährungen abgeschlossen werden, in der Preiskalkulation ein Währungsschwankungsrisiko einrechnen muss. Das tat ich selbstverständlich auch, aber der Euro fiel wie ein Meterorit vom Himmel. Ohne Fallschirm. jovenTOUR kauft als Reiseveranstalter seine Leistungen in einer Fremdwährung (USD) einkaufen und handelt anschließend in Euro weiter. Aber eine Beinahe-Insolvenz aufgrund einer so starken Währungsschwankung, habe ich wahrlich nicht bedacht.

Nicht nur der Kursunterschied, sondern auch die Tatsache, dass dieser unmittelbar auf nach der Hauptbuchungssaison fiel und wir den größten Teil der verkauften Reisen mit dem alten Kurs kalkuliert hatten, tat doppelt weh. Ganz davon abgesehen, dass wir als Reiseveranstalter nach dem BGB die Preise nur um einen bestimmten Prozentsatz erhöhen dürfen. Wir standen also vor der Wahl: Preise erhöhen, unsere Kunden verärgern und in Kauf nehmen, dass diese vom Reisevertrag zurücktreten (denn das Recht hätten sie gehabt) oder Preise nicht erhöhen, auf Marge verzichten und eventuell noch draufzahlen.

Ich entschied mich für die zweite Option, denn schlechte Reviews in einem der vielen Bewertungstools hätten wir uns nicht leisten könnten. Und das bedeutete: Kosten minimieren! jovenTOUR wurde auf die reinen Betriebskosten runtergefahren. Ich schrieb meine Partner vor Ort an und versuchte nochmal zu verhandeln. Mit mäßigem Erfolg.

Wie hätte ich eine solche Krise für mein Unternehmen vermeiden können?
Je länger ich drüber nachdenke, mich mit dem Thema beschäftige und mit anderen Unternehmern drüber spreche, wird mir immer mehr bewusst: gar nicht. Als Startup mit einem sechsstelligen Umsatz hätte ich keine Möglichkeit gehabt, meine Dollars abzusichern. Große Unternehmen mit einem Millionenumsatz können mit einem sogenannten Devisentermingeschäft Fremdwährung zu einem Fälligkeitsdatum einzukaufen und damit ihre Währung absichern. Ich habe mit zwei Banken gesprochen und hatte keine Chance so ein Devisentermingeschäft abzuschließen. Zu wenig Umsatz. Aber wie soll denn mein Umsatz steigen, wenn ich keinen Gewinn habe und damit kein Wachstum?

Nutze jede Krise als Chance: Learnings
Ich habe ein wichtiges Learning aus der oben genannten Krise mitgenommen und mich operativ entschieden, den gesamten Cash Flow über ein USD-Konto laufen zu lassen. So habe ich für die laufende Saison ein wenig mehr Planungssicherheit. Und am Dienstag habe ich vorsorglich den Cashflow komplett auf das USD-Konto übertragen. Für die kommenden drei Monate bin ich somit vorerst abgesichert, aber was danach kommt, weiß ich nicht.

Ein Startup ist in jungen Jahren sehr anfällig für „Kinderkrankheiten“ und das einzige, was man tun kann, ist es zu pflegen, damit es wieder gesund wird. Szenarien wie den Euro-Verfall in 2015 oder die Folgen des heutigen Brexit lernt man in keiner Uni, kein Lehrbuch berichtet darüber und kein strategisches Planspiel wird eine solche Problematik durchleuchten. Mir haben in dieser schwierigen Zeit Gespräche mit anderen Unternehmern geholfen. Und das kann und möchte ich jedem Jungunternehmer raten.

Passend zum Thema: “#Brexit: Das sagt die Startup-Szene zum EU-Austritt

Zur Person
Meike Haagmans ist Gründerin von jovenTOUR.

Foto: Brexit cracks Text Isolated from Shutterstock

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