Dexina auf dem Web Summit Zur Not pitcht man sein Start-up halt auf der Toilette

Wer auf dem einflussreichsten Technologiekongress der Welt Investoren finden will, darf sich nicht an die Regeln halten. Das Gründerteam von Dexina verrät, wie es ihm gelungen ist, sogar einen Investor direkt von der Veranstaltung mit nach Hause ins Schwabenland zu nehmen.
Zur Not pitcht man sein Start-up halt auf der Toilette

Es ist Freitagnachmittag, 13 Uhr. In der Küche bei Dexina dampft das Essen. Die ersten Mitarbeiter sitzen schon in der Lounge am Tisch. Die Tür geht auf. Und da kommen sie. Die fünf Kollegen, die auf dem Web Summit gewesen sind – und der Investor. Es ist als hätten sie einen Außerirdischen vom Mars mitgebracht – eigentlich unmöglich. Er lächelt nett. Dann erzählt er, wie er die Jungs kennengelernt hat: “Es war gestern um fünf.” Kurz vor Ende des Web Summits. Die gelben, statisch aufgeladenen Zettel, die überall an den Wänden hinter einem Tisch vor dem Haupteingang vollbeschrieben hingen, machten ihn neugierig. Einer aus der Gruppe erklärte ihm, was es damit auf sich hat. Und als Geschäftsführer Heiner Scholz ihm schließlich die ganze Geschichte von Live at Work erzählt hat, war es um ihn geschehen. Den nächsten Termin sagte er erst einmal ab.

Genau mit diesen elektrostatischen Zetteln – den DEXits – lockten André Fröhlich, Stefan Schneider, Matthias Mendler, Pascal Klein und Heiner Scholz nicht nur ihn an, sondern rund 150 Investoren – über Fensterscheiben, Säulen oder den Rücken des Kollegen. Die DEXits halten auf fast jeder Oberfläche, ohne Rückstände zu hinterlassen. So bekamen die Jungs auch keinen Ärger. Den 45-Sekunden-Pitch hatten sie darauf vorgeschrieben. “Länger sollte der erste Kontakt nicht dauern”, erklärt Stefan Schneider. “Have you got 45 seconds for a pitch”, war die erste Frage. “Der Pitch muss auf den Punkt gebracht sein und neugierig machen.” So sei schnell klar, ob der Investor passe und keiner verschwende Zeit. “Dadurch waren wir in einer wahnsinns Geschwindigkeit unterwegs“, sagt er. Für die, die mehr wissen wollten, hatte das Team einen längeren Pitch auf Tablets vorbereitet. “Nicht wenige sind dann eine halbe Stunde stehen geblieben”, erzählt André Fröhlich. Inzwischen sind zehn Investoren in die engere Auswahl für weitere Gespräche gekommen.

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Die vollkommene Mobilität ist die Hauptzutat zu ihrem Erfolgsrezept. Denn: Wer es als junges Startup mit einem besonders zukunftsfähigen Produkt in die Alpha-Class schafft, bekommt unter anderem einen Ministand für 1.950 Euro plus vier Freikarten. Dexina bekam diesen auch noch am letzten Tag der Messe zugewiesen. „Da war schon was los, aber kaum ein Investor kam an den Stand“, erzählt Stefan Schneider. So erklärt er sich auch die Frustration der Teilnehmer, über die zum Beispiel deutsche-startups.de im vergangenen Jahr berichtet hat. “Wir haben den Stand bald wieder zugemacht und sind wieder auf die Jagd gegangen.” Ein roter Streifen auf dem Teilnehmer-Badge, das jeder um den Hals hatte, symbolisierte: „Ich bin ein Investor“. Grün kennzeichnete Pressemitglieder. Auch das Studieren der Investoren-Teilnehmer-Liste vor dem Web Summit hat sich gelohnt, um den einen oder anderen zu erkennen. Die Fünf verteilten sich in alle Himmelsrichtungen. Alle waren mit Engagement dabei und liefen über die riesige Messe, nur Matthias Mendler nicht. „Das war mir zu anstrengend“, sagt er. Problemlösungsorientiert suchte er nach einer guten Stelle und fand einen freien Tisch direkt vor dem Haupteingang.

Auch alle Veranstaltungen, wie den Pub Crawl oder die Opening Party haben die Fünf mitgenommen und sogar mitten in der Kneipe gepitcht – auch Toiletten erwiesen sich als stille Örtchen des Erfolgs. Schließlich halten die DEXits gut auf Fliesen. Unter den Teilnehmern war das Dexina-Team durch die Eyecatcher bald bekannt. „Ach, ihr seid die mit den gelben Zetteln“, hörten sie immer wieder. So gelang es also, mit völlig einfachen Mitteln, maximale Aufmerksamkeit unter den 42 000 Besuchern zu erregen.

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Aber was ist Live at Work nun eigentlich? „Firmengebäude werden heute standardisiert und für Investoren, nicht für die späteren Nutzer gebaut“, erklärt Heiner Scholz. Das will Dexina ändern und hat dies auch in der eigenen Arbeitswelt bereits getan. Live at Work fordert, dass Arbeit, Freunde & Familie sowie individuelle Bedürfnisse vereint werden und auch bei der Arbeit ein gutes Leben möglich ist. Zum Beispiel können Kinder mit zur Arbeit oder der Mitarbeiter entscheidet selbst, wann und wo er arbeitet. Das entstresst, führt zu besserer Konzentration und effektivem Arbeiten. Dazu kommt: Live at Work-Arbeitswelten sind so konzipiert, dass sich der Mitarbeiter darin wohlfühlt, kreativ wird, sich konzentrieren oder entspannen kann. Was ein Unternehmen tatsächlich braucht, damit die Mitarbeiter optimal arbeiten können, findet Dexina über eine Weiterentwicklung von User Experience Design heraus. Über neueste wissenschaftliche Ergebnisse (zum Beispiel aus der Gehirn- oder Stressforschung) und komplexe Daten-Analysen (unter anderem aus Mitarbeiterbefragungen und dem Wertschöpfungsprozess eines Unternehmens) erstellt Dexina Nutzer-Simulationen von Arbeitssituationen. Das heißt, bevor das Projektentwicklungs-Unternehmen einen Stein verbaut, sind die Bedürfnisse der Mitarbeiter klar in der Planung umgesetzt.

Davon war der Investor, der kurz vor 17 Uhr am letzten Veranstaltungstag auf den provisorischen Live at Work-Stand am Haupteingang traf, extrem beeindruckt. Nach einer durchfeierten Nacht, dem kurzentschlossenen Flug mit den Jungs nach Deutschland, den Eindrücken bei Dexina in Böblingen bei Stuttgart und einem erneuten Treffen in London, laufen nun die Gespräche. Auch die ersten Treffen mit den weiteren Investoren finden bereits statt. Daneben suchen die DEXits via Kickstarter nach Unterstützern.

Foto: Public toilet cubicle. 3d rendering from Shutterstock