Torben S. Meier über das Aus von Cleap “Wir haben unsere Zeit mit Businessplänen verschwendet”

Eine geplatzte Finanzierung und die Erkenntnis, dass man als Gründer niemals auf mündliche Zusagen vertrauen sollte: Torben Simon Meier hat aus dem Aus seines mobilen Bezahlsystems Cleap viel gelernt. Vor allem eines will er anders machen: nicht zu früh nach Geld Ausschau halten.
“Wir haben unsere Zeit mit Businessplänen verschwendet”

Die beiden Gründer Torben Simon Meier und Johannes Benz haben alles versucht, um die Einstellung ihres QR-Code basierten Bezahlsystems Cleap zu verhindern. Am Ende schreckten sie auch vor einem lauten Hilfeschrei in der Gründerszene nicht zurück. Die Aktion wurde sehr unterschiedlich aufgenommen: Manche bewunderten den Mut der beiden, andere verstanden den Aufruf als ein Abschieben der eigenen Schuld. Genutzt hat es am Ende nichts.

Ein dänischer Investor springt auf – und wieder ab

Als 2007 das erste iPhone rauskommt und 2010 das erste iPad, ist Mediengestalter Meier angefixt: Mit AppCloud gründet er eine „App-Schmiede für Auftragsarbeiten“ und setzt zahlreiche Kundenwünsche um. Irgendwann wächst der Wunsch, auch eigene Projekte umzusetzen. Die Idee zu Cleap kommt ihm in einer Bar: Wieso kann man mit dem Smartphone immer noch nicht bezahlen? Er will den status quo ändern; seinen Mitgründer findet er über eine klassische Stellenanzeige in einem Lokalblatt.

Meier und Benz feilen am Businessplan von Cleap, überarbeiten ihn dutzendfach: „Uns wurde klar, dass es bei unserer App um mehr gehen muss als um mobiles Bezahlen. Wir mussten auch Anreize für die Dienstleister und Ladenbesitzer schaffen, bei denen man damit bezahlen soll.“ Also fügen sie der App ein ein Loyalitätssystem („virtuelle Stempelkarte“) und ortsbasierte Werbemöglichkeiten hinzu.

Schnell fängt das Duo an, nach Investoren zu suchen. Das Start-up benötigt einen Finanzdienstleister, der mit ihnen zusammenarbeiten, damit sie die komplizierte und langwierige Bafin-Lizenz umgehen können. Die beiden Gründer haben Glück: „Ein Finanzdienstleister aus Dänemark war Feuer und Flamme für unser Produkt“, berichtet Meier. Nach einem Besuch in Deutschland habe er erklärt, dass er Cleap in Skandinavien einführen wolle. Cleap soll vor allem auf Festivals in Schweden zum Einsatz kommen, da ein Gesetz Bargeld auf Festivals verbiete. Er stellt die Frage, auf die alle Gründer hoffen: „Wieviel Geld braucht ihr?“

ds_gutado_torben simon meier„Wir machten den Anfängerfehler, uns zu früh zu freuen und zu vertrauen.“ Dem Geldgeber gelingt es nicht, seinen Aufsichtsrat zu überzeugen. Doch er versichert, als privater Business Angel einsteigen zu wollen. Die Cleap-Gründer investieren in Mitarbeiter und Software, legen sich mit Pitches und Präsentationen nochmal ins Zeug. Dann bekommt der potentielle Investor laut Meier von seiner Firma die Pistole auf die Brust gesetzt: Aufgrund des hohen privaten Risikos soll er Firmenanteile abgeben. Er entscheidet sich gegen Cleap. Die 15 Tage, in denen sie plötzlich nichts mehr von ihrem Kontaktmann hören, werden für Meier zur längsten Zeit seines Lebens.

“Wir wollten nicht einfach verschwinden”

Nachdem die Finanzierung geplatzt ist, glauben Meier und Benz immer noch daran, das Ruder herumreißen zu können. „Wir wollten nicht den klassischen Weg gehen, einfach heimlich zu verschwinden.“ Stattdessen folgt ein Aufruf innerhalb der Gründerszene, der zunächst Erfolg verspricht: „Es meldeten sich 21 Investoren bei uns, 14 davon waren interessant.“ Als klar wird, dass Cleap 200.000 bis 300.000 Euro für intensives Marketing benötigt, winken alle ab: Es fehlt ein vorzeigbares Produkt, es fehlen Kunden, es fehlt die Aussicht auf baldige Einnahmen.

Meier bewertet diese Erfahrung zwiegespalten. Auf der einen Seite nervt ihn die Risikoscheu deutscher Investoren, in Dänemark sei es viel einfacher gewesen, dass ein Fonds sich ihre Geschichte überhaupt anschaut und Interesse zeigt – „so weit kamen wir in Deutschland überhaupt nicht“. Auf der anderen Seite kann er nachvollziehen, dass sie mit ihrem Produkt einfach nicht weit genug waren. „Wir haben unsere Zeit mit Businessplänen und Pitches verschwendet, anstatt vier Monate lang intensiv am Prototypen zu arbeiten.“

Das nächste Mal lieber mit vollständigem Team

Was er heute auch anders machen würde: mit einem größeren Team starten. Gestaltung, Administration und Strategie konnten sie zu zweit leisten. Gefehlt hat jemand für den Bereich Marketing – und ein Programmierer. Das endgültige Aus von Cleap wurde Meier bewusst, als die externen Programmierer offenbarten, dass aus den sechs Wochen Entwicklungszeit doch noch mehrere Monate werden würden.

Die Insolvenz konnten die Gründer abwenden, indem sie alle Reißleinen zogen: Benz verkaufte sein Auto, Meier gab seine Wohnung auf und zog zu seiner Partnerin. Dann suchten sie alle Firmen persönlich auf, mit denen sie zusammen gearbeitet hatten, und erklärten die Sachlage. So gelang es, mit einem Großteil der Partner und Dienstleister gute Regelungen zu finden.

Mit gutado probiert Meier sie jetzt die Bootstrapping-Variante aus

Heute hat das Gründer-Duo noch immer Schulden, ist aber zusammen geblieben und hat sich wieder aufgerappelt. Unter dem Namen ihrer Firma AppClouds bieten sie nun Unterstützung und Beratung für Gründer an. Anfang des Jahres kam dann die neue Firma gutado hinzu, mit der sie verkaufen, was sie selbst können: Webdesign und Online-Werbung. „Wir wollten nach unserer Erfahrung nochmal die Bootstrapp-Variante ausprobieren und mit klassischer Dienstleistung wieder Geld in die Kassen holen“, sagt Meier.

Sobald wie möglich wollen sich Benz und Meier aber wieder an eigene Projekte setzen. Die Idee existiert bereits: Sie wollen „Deutschlands erster Full Service WordPress Hoster“ werden, natürlich mit einem Fokus auf Datenschutz. Das neue Start-up heißt Raidboxes, erste Informationen gibt es bereits.

Das Scheitern von Cleap ist für Meier noch allgegenwärtig, aber es schmerzt nicht mehr. Es ist eher so, dass die Erfahrung immer dann ins Spiel kommt, wenn er vor wichtigen Entscheidungen steht. Dann läuft manches wieder vor seinem inneren Auge ab und er fragt sich, ob seine Entscheidung damals zu einem guten oder schlechten Ergebnis geführt hat – „wir wollen unsere Fehler schließlich nicht wiederholen.“

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Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.