Umstrittene Tauschbörse Muttermilch-Börse bringt Stillende und Säuglinge zusammen

Über die Muttermilch-Börse, einem Projekt der zweifachen Mutter Tanja Müller, können Mütter Muttermilch kaufen, verkaufen oder spenden. Das Presseecho zur Gründung der Hamburgerin ist groß - auch weil das Konzept umstritten ist. Vor allem gesundheitliche Bedenken führen Mediziner an.
Muttermilch-Börse bringt Stillende und Säuglinge zusammen

Von so einem Start dürfte manch ein Gründer träumen: Über das Start-up von Tanja Müller berichteten zum Startschuss neben Süddeutsche.de auch RTL aktuell, stern.de und Hamburger Abendblatt. Die Hamburgerin gelang dieser tolle Start mit ihrer Muttermilch-Börse, offenbar die erste dieser Art in Deutschland. Über die Plattform der zweifachen Mutter können andere Mütter Muttermilch kaufen, verkaufen oder spenden. “Wie die meisten guten Ideen entstand auch meine aus der Not heraus, im Jahre 2011. Beim ersten Kind wollte es zunächst partout nicht mit dem Stillen klappen und beim zweiten produzierte ich viel zu viel Muttermilch. In beiden Fällen hatte ich ganz selbstverständlich versucht, zum Tauschen mit anderen Müttern in Kontakt zu treten – vergeblich”, berichtet Müller.

Weiter berichtet die Hanseatin: “Hinzu kam eine Erfahrung aus der Frühchenstation: Eine der anderen Mamis (die selbst nicht stillen konnte) wollte, dass die Krankenschwestern ihrem Baby ebenfalls meine Muttermilch füttern. Diese jedoch mussten ablehnen, es war ihnen nur für das jeweilige Kind der Stillenden erlaubt. – Als dann später der Moment kam, in dem ich (mit Tränen in den Augen) fast 100 Fläschchen meiner Muttermilch in den Ausguss schütten musste, beschloss ich, eine Möglichkeit für Mütter zum Austausch von Muttermilch zu finden!” Ihre Gründung folgte somit “aus tiefster Überzeugung”. Sie schiebt aber direkt hinterher, dass Sie weder Wissenschaftlerin, Ärztin noch Hebamme sei. Kommerzielle Interessen verfolgt sie nur im gewissen Maße mit ihrer Muttermilch-Börse: Ein dreimonatiges Inserat kostet 4,99 Euro. Damit will Müller vor allem ihre Unkosten decken. Zu welchen Konditionen der Handel zwischen den Nutzerinnen stattfindet, können die Mütter selbst entscheiden.

ds-muttermilchboerse

Das große Interesse an dieser Idee zeigt, dass es vermutlich einen Markt für Muttermilch gibt. Das Konzept ist aber auch umstritten. “Gemeingefährlich” nennt Professor Bernd Koletzko, Kinderarzt am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München, gegenüber Süddeutsche.de solche Börsen. “Man könne nicht einfach eine biologische Flüssigkeit im Internet verhökern. Die Spendermilch einer fremden Mutter an ein anderes Kind zu geben, ohne die notwendigen Sicherheitsstandards einzuhalten, sei absolut unverantwortlich. Auch Kinderärztin Skadi Springer, Leiterin der Leipziger Uni-Milchbank und Mitglied der Nationalen Stillkommission, sieht die Muttermilch-Börse kritisch. Gegenüber stern.de sagt sie: “Wir waren doch froh, als 1919 die erste Milchbank das Ammenwesen abgelöst hat! Bei Muttermilch müssen die gleichen Kriterien angelegt werden wie beim Blutspenden, da kann man sich auch nicht drauf verlassen, dass jemand sympathisch ist. Er kann trotzdem Hepatitis B haben.” Weitere kritische Punkte sind Drogen, Hepatitis, und HIV. Eine Garantie, dass die Mütter (die ihre Milch weitergeben) dies nicht haben, gibt es für die Käufer nicht.

Wie das Hamburger Abendblatt berichtet, bekommt Muttermilch-Börse-Macherin Müller aber auch positive Reaktionen von Hebammen und Medizinern. Gynäkologe Lutz Rathmer von der Praxisklinik Winterhude sagte dem Blatt, dass die Plattform erst einmal eine gute Sache sei. “Ein wenig skeptisch ist er, weil die Börse eine rein private Initiative ist. Das könne hinsichtlich mancher Infektionen heikel sein und sollte labortechnisch begleitet werden”, heißt es weiter. Es wartet somit noch reichlich Arbeit auf Gründerin Müller, um ihr Konzept erheblich zu verbessern und, um die Experten so zu überzeugen.

Foto: Close-up of woman breastfeeding her small son from Shutterstock