Offline! „Wer am lautesten schreit, gewinnt“ – Timo Senechal von Audiomagnet

Audiomagnet sollte eine Plattform sein, über die Künstler ihre Musik an den Mann bringen können, ohne Knebelverträge zu unterschreiben. Obwohl der von Amke Block und Timo Senechal initiierte Dienst von allen Seiten gelobt […]
Offline! „Wer am lautesten schreit, gewinnt“ – Timo Senechal von Audiomagnet

Audiomagnet sollte eine Plattform sein, über die Künstler ihre Musik an den Mann bringen können, ohne Knebelverträge zu unterschreiben. Obwohl der von Amke Block und Timo Senechal initiierte Dienst von allen Seiten gelobt wurde, ist er nie richtig gezündet. Enttäuscht ist Senechal vor allem darüber, dass ihr Konzept der Transparenz und Fairness nicht so ankam, wie erhofft. Trotz mancher Hürden: Letztlich gab es für (fast) alle ein Happy End.

Ein bisschen ratlos ist Timo Senechal noch immer. So ganz verstanden hat er bis heute nicht, warum es mit Audiomagnet nicht geklappt hat. Die Zielgruppe von hobby-mäßigen bis semi-professionellen deutschen Bands ist doch eigentlich groß genug gewesen. Das Bedürfnis nach Vermarktung auch. Oder doch nicht? Jedenfalls sei es ihnen nicht gelungen, zwischen 2009 und 2012 genügend Partner und Nutzer zu aquirieren, um den Dienst weiterzuführen, verrät der Hamburger.

Zu viele Features auf einmal gelauncht

Die Gründe sind wie so oft vielschichtig. Da waren auf der einen Seite konzeptionelle Probleme: Als Senechal zusammen mit der Ideengeberin Amke Block Audiomagnet startete, holten sie sich eine IT-Firma mit ins Boot; der Technik-Partner finanzierte das Projekt mit, bezahlte die Gehälter, sorgte für die Technik-Dienstleistung. Liquide Mittel standen nicht zur Verfügung, stattdessen gab es immer wieder unterschiedliche Auffassungen, wie das Projekt umgesetzt werden sollte. Eine Sache, die Senechal heute anders machen würde, die sich aus seiner Sicht aber schwer vermeiden ließ: „Zwischenzeitlich gehörten unserem Technik-Partner 70 Prozent des Unternehmens, uns Gründern selbst nur noch 30 Prozent.“

Was das strategische Vorgehen betrifft, wird Senechal durchaus selbstkritisch: „Wir sind mit zu vielen Services auf einmal rausgegangen, das ließ sich schwer kommunizieren.“ Vermutlich wäre es besser gewesen, sich zunächst auf die digitale Distribution zu beschränken und Kunden lediglich mit dem Versprechen zu gewinnen, ihre Musik zu iTunes und Amazon zu bringen, sagt Senechal – auch wenn dasselbe bereits andere Mitbewerber wie Zimbalam anboten. Andere Features hätte man dann später ab einem gewissen Kundenstamm hinzufügen können – so wie die Möglichkeit, die eigene Musik über den Audiomagnet-Player oder als konfigurierbare On-Demand-CD zu verkaufen.

„Es gewinnt der, der am lautesten schreit“

Was Audiomagnet neben diesen speziellen Features vom Wettbewerb abheben sollte, war die Transparenz und Fairness bei der Preisgestaltung und anderen Bedingungen. Während Mitbewerber damit warben, 100 Prozent der Einnahmen an die Künstler auszuschütten und dabei verschwiegen, dass im Vorfeld schon 20 % an die Vertriebspartner abgegangen war, sprach Audiomagnet offen von 80%. Es macht Senechal noch heute wütend, wie in diesem Bereich gemogelt werde – mehr als einmal habe er sich gefragt, wie man da als Musiker unterschreiben könne. „Es ist in dieser Branche nicht so entscheidend, sich stark vom Wettbewerb abzuheben – letztlich gewinnt der, der am lautesten schreit und vermittelt, dass er das gewünschte Ziel gut und billig hinkriegt. Niemand will eben lange PDFs mit den Details durchlesen.“

Auch bei der Möglichkeit, CDs selbst zu gestalten, wollte das Team größtmögliche Transparenz und Fairness: Nutzer sollten so viel wie möglich selbst konfigurieren können, je nach Konfiguration kosteten die CDs unterschiedlich viel. „Am Anfang sollte man erstmal so einfach wie möglich vorgehen, auch wenn es dem Gesamtkonzept nicht gerecht wird. Vielleicht hätten wir das Produkt einheitlicher machen sollen und einen Festpreis nehmen“, resümiert Senechal.

Erfolge nur „im homöopatischen Bereich“

Ein wichtiger Schritt folgte für das Team, als 2009 der MP3-Miterfinder Karlheinz Brandenburg als Privatinvestor mit einstieg und nun auch liquide Mittel zur Verfügung standen. Trotzdem: Für große Marketing-Kampagnen habe das Geld nicht gereicht. Stattdessen versuchte das Team, strategische Kooperationen und Partnerschaften einzugehen, auf Messen und Tagungen präsent zu sein, in Fachmagazine zu kommen. Manches davon hat geklappt, insgesamt seien die potentiellen Partner aber zurückhaltend geblieben. Eine Sache, die Senechal als „typisch deutsch“ empfindet: Sowohl auf Seite von Investoren wie auch möglichen Partnern habe sich gezeigt, dass wenig Bereitschaft da war, sich auf etwas Neues einzulassen und es einfach auszuprobieren.

Ein echtes Highlight war für Senechal ein HipHop-Contest, den Audiomagnet in Zusammenarbeit mit hiphip.de startete, um nach einem Newcomer zu suchen. Gewinner wurde der damals 17-jährige Montez, dessen Karriere Senechal bis heute verfolgt und sich darüber freut, dass alles auf der Audiomagnet-Plattform begann. Doch auch Aktionen wie diese brachten nicht den gewünschten Erfolg. „Es gab daraufhin einige Neuanmeldungen, die sich aber nur bei unseren Gratisprodukten niederschlugen.“ Natürlich habe man auch auf SEO und Google-Anzeigen gesetzt, doch auch diese Auswirkungen hätten sich nur „im homöopathischen Bereich“ abgespielt.

Ständige Frage: Wie lange noch?

Am schwierigsten während der zwei Jahre mit Audiomagnet war für den gebürtigen Hannoveraner die ständige Unsicherheit, wie lange sie mit Audiomagnet wohl noch weitermachen können – die bange Frage, ob bestimmte Aktionen oder Partnerschaften endlich den ersehnten Boom auslösen und der ständige Einsatz Auswirkungen zeigt. Als ihr Investor dann 2011 die Reißleine zog, war die Enttäuschung groß – aber auch die Erleichterung.

Spannend wurde dann noch einmal die Frage, wie es mit Audiomagnet weitergehen würde, es folgten Gespräche zu möglichen Übernahmen. Ein interessierter Distributor sei im letzten Moment abgesprungen – „vermutlich wartete er darauf, dass wir tatsächlich in die Insolvenz rutschten, um das Unternehmen billiger zu bekommen“, vermutet Senechal.

Nach dieser Enttäuschung gab es dann aber sowohl für Senechal als auch für die Audiomagnet-Nutzer doch noch ein Happy End: Der Musikdienst finetunes kaufte den Dienst. Zwar wurde die Plattform nicht am Leben erhalten, dafür entschied sich finetunes dazu, alle Künstlern samt offenen Zahlungen zu übernehmen. „Ich war sehr erleichtert, unseren Kunden solch eine gute Nachfolgelösung präsentieren zu können“, sagt Senechal, der selbst übernommen wurde. In seiner neuen Position bei finetunes setzt er nach einer längeren Übergangszeit nun wieder da an, wo er aufgehört hat, und arbeitet daran, Künstlern ähnliche Services anzubieten, wie sie es auch mit Audiomagnet vorhatten. Und ist überzeugt: Mit finetunes könnte es dieses mal klappen.

Im Fokus: Infos über Start-ups, die es nicht mehr gibt, finden Sie in unserem Special Offline

Artikel zum Thema
* Offline! 5 gescheiterte deutsche Gründer berichten über das bittere Ende ihres Start-ups
* Offline! Start-ups, die 2013 bereits gescheitert sind

Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.