Disruptive Healthcare – Im Gesundheitsmarkt ist reichlich Potenzial für Start-ups

Gesundheit ist der Zukunftsmarkt für Innovationen und Start-ups. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Markt in Zukunft radikal verändert. Die Notwendigkeit für Veränderungen zeigt sich in den Marktdaten, aus denen sich Problemfelder […]
Disruptive Healthcare – Im Gesundheitsmarkt ist reichlich Potenzial für Start-ups

Gesundheit ist der Zukunftsmarkt für Innovationen und Start-ups. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Markt in Zukunft radikal verändert. Die Notwendigkeit für Veränderungen zeigt sich in den Marktdaten, aus denen sich Problemfelder (pain) ableiten lassen. Hier sind die Angriffspunkte für Lösungen (freedom) durch gute Idee zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung, zur Kostensenkung und für radikale Innovationen.

Pain

Das wohl krasseste Problemfeld zeigt sich in den jährlichen Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Laut Bundesministerium für Gesundheit (BMG) haben die GKV alleine in 2011 (Stand der Auswertungen März 2012) 179,61 Milliarden Euro ausgegeben. Die Hauptkostentreiber sind Krankenhausbehandlung (60,14 Milliarden Euro, ca. 33 %), Arzneimittel (29,06 Milliarden Euro, ca. 16 %) und Arztbehandlungskosten (27,64 Milliarden Euro, ca. 15 %).

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In diesen vom BMG veröffentlichen Zahlen sind nicht die Kosten aufgelistet, die durch Fehlbehandlungen und Fehldiagnosen entstanden sind. Diese machte die Süddeutsche Zeitung zum Artikel „Vorsicht Operation“ und bezieht sich hier auf die aktuelle Behandlungsfehlerstatistik der Bundesärztekammer.

Das Ergebnis zusammengefasst: 99 Menschen sind durch vermeidbare Behandlungsfehler gestorben, 721 haben einen dauerhaften Schaden davongetragen und 200 sind schwer behindert.

Die fünf häufigsten Fehlbehandlungen in Krankenhäusern in 2011 waren:
1. Hüftoperationen
2. Knieoperationen
3. Unterarmbruch
4. Oberschenkelbruch
5. Unterschenke- und Sprunggelenkbruch

Bezugnehmend auf die Krankenhauskosten der GKV bedeuten Fehlbehandlungen und Fehldiagnosen hohe Kosten. Erstens durch die kostenintensive Behandlung, die durchgeführt wird und zweitens durch die Folgekosten: Entschädigungszahlungen und Kosten für die Behandlung der Fehlbehandlung.

Der Arzt ist nicht mehr der Gott in weiß. Der Arzt ist ein Mensch und Menschen machen Fehler. Zwei Beispiele: 40 bis 45 % der Bandscheibenoperationen in Deutschland könnten vermieden werden, da eine konservative Behandlung ausreichen würde oder ein oft vermuteter Riss im Innenminiskus wird operiert, obwohl es sich um einen Knorpelschaden hinter der Kniescheibe handelt, der durch gezielte Dehnübungen behandelt werden könnte.

Freedom

Es ist ein Markt für Zweitmeinungen entstanden. Das sind Angebote, bei denen der Betroffene seine Diagnoseunterlagen einreicht und ein Team von Gutachtern auf dieser Arbeitsgrundlage eine Zweitmeinung abgibt. Ein kontrovers diskutiertes Beispiel ist das Portal Vorsicht Operation (www.vorsicht-operation.de), das im August 2011 offiziell startete. Hier können Betroffene ein Zweitmeinungsgutachten einholen, um eine Diagnose oder eine bevorstehende Diagnose besser einzuschätzen. Die Kosten pro Zweitmeinungsgutachten liegen zwischen 200 und 600 Euro.

Inzwischen haben die Krankenkassen diesen neuen Markt als Lösung zur Kostensenkung erkannt. Vorsicht Operation rät Patienten, bei ihrer Krankenkasse nachzufragen, da diese möglicherweise die Kosten für das Zweitgutachten übernimmt.

Ebenfalls mit einem Zweitmeinungsangebot ist vergangenen Jahr das Portal Zweitmeinung Krebs (www.krebszweitmeinung.de) gestartet. Das Zweitmeinungsgutachten kostet hier 360 Euro. Seit April 2012 kooperiert Zweitmeinung Krebs mit der GKV Deutsche BKK, die die Kosten für die Zweitmeinung ihrer Versicherten übernimmt.

Das radikale Moment (disruptive technology) von Zweitmeinungsangeboten zeigt sich in der Reaktion der etablierten Anbieter medizinischer Versorgung. So äußerten die Berufsverbände der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) und Niedergelassener Chirurgen (bnc) kurz nach Start von vorsicht-operation.de  öffentlich Kritik: „Wir operieren Menschen und keine Röntgenbilder“. Gemeint ist, dass ein Arzt einen Patienten persönlich untersuchen muss, um eine Diagnose erstellen zu können. In dieser kritischen Diskussion wird dabei auf die Berufsordnung Bezug genommen: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, weder ausschließlich brieflich noch in Zeitungen oder Zeitschriften noch ausschließlich über Kommunikationsmedien oder Computerkommunikationsnetze durchführen.“

Hier ist eine Öffnung des geltenden Rechts gefordert. Nicht nur wegen der offensichtlichen Notwendigkeit einer Zweitmeinung, sondern auch, weil es in anderen Ländern bereits Teil einer kosteneffizienten Prozessoptimierung ist. So schreibt Thomas Friedman in seinem Buch „The world is flat“ von kleinen und mittelgroßen Krankenhäuser in den USA, die bereits seit Anfang der 2000er die Scans von Computertomographien digital nach Indien und Australien verschicken, wo diese über Nacht von Radiologen ausgewertet werden.

Die Pain-Freedom-Logik zeigt deutlich den Bedarf an neuen Lösungen im Gesundheitsmarkt. Die Start-ups im Zweitmeinungsmarkt verdeutlichen die Bedrohung für die Etablierten. Der Gesundheitsmarkt wird sich radikal verändern und ist damit äußerst ein äußerst spannendes Start-up-Thema.

Foto: istockphoto