“Wir gehen Ehen auf Zeit ein” – Investment-Manager Matthias Brix von Neuhaus Partners im Interview, Teil 1

Der Jungfernstieg gilt als eine der besten Adressen Hamburgs. Hier residiert, wer Geld hat. Oder Geld zu vergeben hat. Wie Neuhaus Partners beispielsweise, einer der führenden Venture Capital Geber in Deutschland. Oberhalb der […]
“Wir gehen Ehen auf Zeit ein” – Investment-Manager Matthias Brix von Neuhaus Partners im Interview, Teil 1

Der Jungfernstieg gilt als eine der besten Adressen Hamburgs. Hier residiert, wer Geld hat. Oder Geld zu vergeben hat. Wie Neuhaus Partners beispielsweise, einer der führenden Venture Capital Geber in Deutschland. Oberhalb der Binnenalster wird in schicken, nussholzwarmen Büros darüber entschieden, in welches Unternehmen oder Start-up investiert wird. deutsche-startups.de traf sich mit Matthias Brix, Investment-Manager bei Neuhaus Partners, und sprach mit ihm über seinen Arbeitsalltag als VC, über Businessmodelle und vor allem auch darüber, unter welchen Voraussetzungen ein Start-up mit viel Geld rechnen kann.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als VC aus? Sie kommen ins Büro – was passiert?
Neuhaus Partners hat eine umfassende Art, mit Projekten umzugehen. Das heißt: Wir suchen die Projekte, wir verhandeln die Verträge, betreuen und stehen in den ersten Jahren helfend zur Seite. Am Ende begleiten wir zudem den Verkauf der Firma. Insgesamt sind wir drei bis fünf Jahre mit im Boot. Das ist unser Kerngeschäft. Daher ist mein Arbeitsalltag jeden Tag anders. An manchen Tagen reise ich viel, um mir Firmen anzuschauen, an anderen Tagen sitze ich hauptsächlich im Büro, um Verträge zu schreiben und auszuhandeln. Und abends nehme ich mir häufig noch einen Stapel Businesspläne mit nach Hause. Die lese ich dann bei einem guten Gläschen Wein.

Wie viele Businesspläne erreichen Sie durchschnittlich im Jahr?
Wir bekommen etwa 600 Pläne zugeschickt. Ich sichte sie mit einem weiteren Kollegen. Daher lese ich gut 300 Stück im Jahr. Viel Arbeit zwar, aber durch meine langjährige Erfahrung kann ich die guten von den schlechten schnell trennen. Für die schlechten Businesspläne brauche ich allenfalls fünf Minuten. Die wirkliche Arbeit habe ich mit den 20 %, in deren Geschäftmodell ich langfristig Chancen für den Markt erkenne.

Das heißt, 80 % der Pläne, die Sie erreichen, sind schlecht?
Ja, viele scheitern einfach schon an den Formalia. Viele Businesspläne sind zu dünn und wirken zusammengeschustert. Bei mir entsteht oftmals der Eindruck, dass manche Gründer schlichtweg einfach zu faul waren, sich richtig Arbeit zu machen. Nur wegen einer guten Idee gibt’s noch lange keine Million Euro von einem VC.
Eine gute Idee ist sicherlich der Kern allen unternehmerischen Handelns. Trotzdem muss bereits im Vorfeld Zeit dafür aufgebracht werden, den möglichen Investor für sein Geschäftmodell zu begeistern. VCs wollen schließlich wissen, worauf sie sich einlassen.

Was genau erwarten Sie somit von einem Gründer, der Geld von Ihnen haben möchte?
Ein Unternehmer muss seinen Markt, das Segment, kennen. Er muss seine Vorstellung darüber beschreiben können, wie er künftig Geld verdienen will. Ein Beispiel: Wer auf ein werbefinanziertes Modell setzt, muss wissen, wie potentielle Werbekunden angesprochen werden. Er sollte Erfahrungswerte mitbringen. Businesspläne, die mir diese Strategie nicht plausibel darlegen, sortiere ich recht schnell aus.

Beschreiben Sie doch einmal genau, wie Sie einen Businessplan lesen? Wie viel Zeit nehmen Sie sich dafür?
Im Durchschnitt nehme ich mir fünf Minuten, um einen Businessplan zu lesen. Manchmal sogar weniger. Dann lese ich bestenfalls die ersten fünf Seiten. Dort erwarte ich die Zusammenfassung des Businessmodells. Wenn ich darin nichts entdecke, worin das Neue und Spezielle, worin der Vorteil besteht, interessiert es mich nicht. Bei unbekannten Themen recherchiere ich im Internet. Dann dauert das Lesen natürlich länger.

Ein Konzept hat Sie überzeugt. Wie geht’s es dann weiter?
Ich lade die Leute ein. Den Gründern will ich damit eine Chance geben, sich zu präsentieren. Auch mit dem Ziel, sich schon ein wenig beschnuppern zu können. Schließlich will ich ja wissen, mit wem ich es künftig zu tun haben könnte. Ich muss ein Gespür bekommen, wie weit beispielsweise das Team ist, um ein Unternehmen zu leiten. Zudem ist es wichtig, Menschen zu treffen, die sich helfen lassen wollen, nicht beratungsresistent sind. Die Gründer sollten jederzeit offen für Vorschläge des VCs sein. Ich will ihnen ja keine Arbeit abnehmen, aber im laufenden Geschäftsprozess muss ich als VC stets Bescheid wissen und Einfluss nehmen.

Gründer, die Angst haben, hierbei ihre Autonomie zu verlieren, irren. Im Gegenteil: Ich will die Arbeit des Geschäftsführers gar nicht machen. Vielmehr bin ich – ebenso wie der Unternehmer – nur daran interessiert, am Ende Gewinn zu erzielen. Daher sehe ich in der Beratung durch VCs nur eine win-win-Situation. Und zwar für alle!

Weswegen investiert Neuhaus Partners eigentlich nahezu nur in Gründerteams, selten in Einzelpersonen?
Teams stärken sich gegenseitig. Einzelgründer können schlichtweg nicht in allen Bereichen gleich gut sein. Daher sollte sich jeder Gründer zuvor fragen, worin seine besonderen Fähigkeiten liegen. Worin brauche ich Hilfe? Und: In welchem Bereich braucht das Team einen Spezialisten? Gute Winning-Teams ergänzen sich und sind daher gemeinsam unschlagbar. Es gibt Konstellationen, die Erfolg einfacher machen.

Wie wichtig ist die Chemie zwischen VC und Gründer?
Sehr wichtig, denn wir gehen eine Ehe auf Zeit ein. VCs bekommen eine ziemliche Macht in der Firma, in die sie investieren. VCs sind wie eine Art Aufsichtsrat. Mindestens monatlich wird Rücksprache mit den Start-up gehalten. In unbequemen Situationen muss Offenheit zwischen den Parteien bestehen können. Daher rate ich allen Gründern, sich nur einen VC mit ins Boot zu holen, zu dem das persönliche Vertrauen groß ist. Das Gefühl dafür muss schnell da sein. Wenn nach zwei Gesprächen der Funke nicht übergesprungen ist, macht eine Zusammenarbeit keinen Sinn.

Haben Sie Tipps, wie sich ein Gründer “benehmen” soll, um eine gute Atmosphäre herzustellen?
In den ersten Gesprächen sollte der Gründer nicht aufgesetzt wirken. Natürlich will sich jeder positiv darstellen. Aber es ist glaubhafter, wenn auch die eigenen Defizite klar benannt werden können. Wer dann für diese sogar Lösungen anbieten kann – umso besser! Ich entlarve Unwissenheit seitens der Gründer mittlerweile sehr schnell.

Daher ist es für Jungunternehmer zudem ratsam, ihren Businessplan selbst zu schreiben, als es extern machen zu lassen. Nur, wer sich wirklich intensiv mit seinem Unternehmensmodell auskennt, wirkt glaubhaft und kompetent.

Wie sehr entscheidet trotzdem noch der Taschenrechner?
VCs sind da ganz einfach gestrickt: Wir wollen in vier bis fünf Jahren unseren Einsatz verzehnfachen. Wir sind nun mal keine Philanthropen. Wir wollen Gewinn, daher sollten Gründer fernab von aller Sympathie ihre Idee über die nächsten Jahre hinweg plausibel mit Zahlen darstellen und belegen können. Dafür reicht manchmal schon der einfache Menschenverstand, um dies zu tun.

Zur Person:
Matthias Brix studierte Jura an der Universität Hamburg. Seit seiner Jugend – den Zeiten des Commodore C64 – hat er sich intensiv mit Computern beschäftigt. 1991 gründete er ein Import- und Großhandelsgeschäft für Computerteile aus Taiwan und China. Nachdem er die Firma vier Jahre später erfolgreich verkaufen konnte, beauftragte ihn der Vorstand des Axel-Springer-Verlages, ein Computer-Magazin zu entwickeln. Das Magazin wurde unter dem Titel “ComputerBILD” mit über einer Million verkaufter Exemplare zur zweitgrößten Computer-Zeitschrift weltweit. Parallel arbeitete Matthias Brix ab 1996 als technischer Berater der DVCG, einer Venture Capital-Tochter der Deutschen Bank sowie der WGZ-Bank. Mitte 2000 wechselte er zu Neuhaus Partners. Dort begutachtet er als Investment Manager neue Projekte und betreut Beteiligungen.

Aufgrund der Länge des Interviews wird es mit Teil 2 morgen an gleicher Stelle zu gleicher Uhrzeit fortgesetzt.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.