“Es gibt zu wenig Investoren” – Prof. Tobias Kollmann im Interview, Teil 1

Universität Duisburg-Essen, Campus Essen, ein kleines Büro im dritten Stock. Sein Markenzeichen, die rote Krawatte, perfekt gebunden sitzt Deutschlands erster und bislang einziger Professor für e-Entrepreneurship, Dr. Tobias Kollmann, vor einer reich dekorierten […]

Universität Duisburg-Essen, Campus Essen, ein kleines Büro im dritten Stock. Sein Markenzeichen, die rote Krawatte, perfekt gebunden sitzt Deutschlands erster und bislang einziger Professor für e-Entrepreneurship, Dr. Tobias Kollmann, vor einer reich dekorierten Bilderwand mit fröhlichen Kinderfotos seiner beiden Sprösslinge. Mit deutsche-startups.de spricht er über die Notwendigkeit einer akademischen Gründerausbildung und über das Problem, Investoren in Deutschland zu finden.

Wie wird man eigentlich der erste und einzige Professor für e-Business und e-Entrepreneurship?
Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert und wollte schon immer Hochschullehrer werden. Aber wer in diesem Feld Studierenden etwas beibringen will, sollte meiner Meinung nach mal die Praxis gesehen haben. Ich gehöre zu den Gründern von AutoScout, habe den Business-Plan geschrieben und habe mich um die Finanzierung gekümmert. 2001 wurde ich nach Kiel berufen. Damals war ich der jüngste Professor in meinem Fachgebiet, mittlerweile findet ein Generationenwechsel statt. Es gibt einige junge Kollegen.

Daher auch eine englische Bezeichnung für Ihren Lehrstuhl? Oder gibt es kein gleichgestelltes deutsches Wort?
Das deutsche Wort e-Unternehmensgründung klingt so unmelodiös und wäre im internationalen Umfeld unpassend. Zudem ist der Begriff Entrepreneurship in seiner Bedeutung weiter gefasst. Es beschäftigt sich zusätzlich mit den sozialen und verhaltenswissenschaftlichen Aspekten sowie betriebswirtschaftlichen Ansätzen. Es geht also um mehr als nur um den formalen Akt der Unternehmensgründung.

Sie bilden junge Gründer aus: Brauche wir in der Start-up-Szene mittlerweile einen akademischen Hintergrund?
Jein. Es gibt natürlich jene, die zum Gründer geboren sind und mit einer Idee losmarschieren können. Aber man braucht Branchen- und Gründungswissen. Ein solider Abschluss ist da durchaus förderlich – auch gegenüber potentiellen Investoren – um Kompetenz zu dokumentieren. Man kann nicht nur von seiner Rhetorik und seinem Auftreten leben. Ich bin fest davon überzeugt, dass die akademische Verankerung wichtig ist für die Etablierung dieses Faches, dieser Branche und dieses Bereiches. Wir bilden „Diplom-Betriebswirte“ mit dem Schwerpunkt e-Business und e-Entrepreneurship aus. Das befähigt die Absolventen entweder bei einem bereits existierenden Start-up oder Unternehmen tätig zu werden. Oder er kann sein eigenes Unternehmen gründen.

Welche Fähigkeiten erwarten Sie von den Absolventen, die nach diesem Studium die Uni verlassen?
Sie müssen das Wissen haben, eine Idee in einem bestimmten Bereich erkennen und umzusetzen zu können. Sie müssen den Mehrwert darin entdecken und das Verständnis für Geschäftsmodelle haben. Zudem sollten die jungen Leute begeisterungsfähig sein, um das Risiko der Selbstständigkeit zu wagen. Ein Grundproblem des deutschen Hochschulwesens ist doch, dass es viel zu wenig für die Unternehmensgründung ausbildet. Aber: Nur etwa zehn Prozent sind zum Gründer geeignet.

Was antworten Sie auf die Frage: „Wie gründe ich ein Start-up“?
Ich antworte: Suchen Sie sich ein Problem, das Sie lösen können. Am Ende muss man nämlich eine möglichst große Zielgruppe treffen, die dieses Problem haben und für das es elektronische Lösungen gibt. Wenn die Leute bereit sind, dafür Geld zu bezahlen, dann kann man an eine Gründung denken. Bei nice-to-have-Ansätzen wird die Sache schon schwieriger. Es sei denn man schafft einen Marketing-Hype.

Welches Problem lösen Ihrer Meinung nach Shopping-Plattformen? Die Artikel kann ich ja schließlich auch im Geschäft kaufen?
Billiger als andere zu sein. Der Kunde kommt schneller an die Ware, kann Informationen besser selektieren und das Sortiment ist strukturierter. Es gibt einige elektronische Mehrwerte, die man hier klar identifizieren kann. Wir sehen ja gerade wieder viele Shopping-Ansätze im Elektronikbereich, wo dieser Mehrwert zum Tragen kommt. Klar, das hängt letztendlich mit der Marktstärke und dem Marketing zusammen.

Wie erfahre ich denn, ob der Markt tatsächlich reif für die Unternehmensidee ist?
Grundsätzlich gilt: Nicht jede Lücke ist eine gute Lücke. Wer eine Unternehmensidee hat, muss mit dem Medium, das sich so schnell und radikal verändert, wirklich leben, sich täglich damit beschäftigen. Man muss den Internetmarkt beobachten, um zu wissen, was wo los ist. Was sind die Themen? Wer sind die Leute und was wird in den diversen Blogs diskutiert? Die Net-Economy lebt vom Netzwerken – das kann sowohl positiv als auch negativ sein.

Inwieweit ist e-Entrepreneuship interdisziplinär?
Im höchsten Maße! Es ist eine Mischung aus Soziologie, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften. Es gibt kaum ein Feld, in welchem junge Leute so schnell so spannende Sachen erleben können. Im Internet habe ich neuerdings die Möglichkeit, mit wenig Geld aber viel Eigeneinsatz etwas zu bewegen und interessante Dinge zu machen.

Wie ist denn Ihrem Empfinden nach die Gründerstimmung in Deutschland?
Die gefühlte Wassertemperatur ist Moment wieder etwas abgekühlt. Das finde ich persönlich überhaupt nicht tragisch, weil sie meiner Meinung nach schon wieder etwas überhitzt war. Wie jede andere jungen Branche unterliegt die Net-Economy Schwankungen, die mal mehr, mal weniger groß sind. Entscheidend ist, dass die Grundtendenz positiv ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass es auch noch das Web3.0, 4.0 und weitere geben wird. Es wird immer wieder Schwung für neue Ideen geben.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?
Was die Stimmungslage angeht? Wir Deutschen sind sehr sensibel und achten stärker auf Schwankungen und reagieren auf Negativmeldungen. Mehr als anderswo. Wenn einige wenige sagen, die Voraussetzungen seien nicht mehr optimal, kippt hierzulande die Stimmung schneller. Für junge Gründer wird es dann umso schwieriger, einzusteigen.

Warum ist gerade die Net-Economy so anfällig für diesen Pessimismus?
Das entsteht vor allem durch die Vernetzungen. Stimmungen werden zum einen sehr viel schneller transportiert und zum anderen hat das auch was mit der Mentalität der Deutschen zu tun. Das sehen wir auch in Studien. Die Deutschen sind sehr formalorientiert und eher konservativer Natur. Vielmehr,als beispielsweise die Amerikaner oder die Israelis. Viele VCs orientieren sich in diesen Ländern.

Warum investieren die VCs in Deutschland so wenig?
Das ist historisch zu sehen. Wir hatten in Deutschland nach dem Platzen der Blase das große Sterben und viele VCs haben sich aus dem Internetbereich zurückgezogen. Die Frühphasenfinanzierung, die ja gerade für junge Gründer interessant ist, wird nur noch von ein paar Protagonisten gemacht. Deutschland ist leider nicht Amerika. Hier ist alles wesentlich kleiner. Wir haben ganz klar einen Mangel an Frühphasenfinanzierungen und jungen Business-Angels. Die Älteren, die durchaus positiv ausgecasht haben, ziehen sich vom Markt zurück und machen keine Re-Investments mehr. Wir können mittlerweile an einer Hand abzählen, wo es heute noch Geld zu holen gibt. Was also passiert, wenn auch die Fünf bereits investiert sind oder mit ihren Projekten blockiert sind?

Sie sind ja selbst als Business-Angel unterwegs und in den entsprechenden Netzwerken. Was glauben Sie, warum rücken keine neuen Investoren nach?
Vielleicht sind die Zyklen zu schnell, um die Leute an die Branchen heranzuführen. Offensichtlich scheint der Kapitalmarkt der Net-Economy immer hinterherzuhinken. Nicht alle können diese rasante Entwicklung mitgehen.

Die Schnelligkeit des Mediums herrscht ja in allen Ländern vor. Wo also ist das deutsche Problem? Sind deutsche Gründer vielleicht nicht bissig genug, können ihre Ideen nicht gut genug verkaufen?
Nein, ich würde den deutschen Gründern nicht absprechen wollen, dass sie nicht bissig genug sind. Dazu habe ich schon zu viele gute deutsche Gründer kennen gelernt, die diese Bissigkeit hatten und Erfolgsgeschichte geschrieben haben. Offensichtlich scheint das Matching zwischen Gründern, Ideen und Investoren noch nicht ausreichend zu funktionieren. Es fehlt die Schnittstelle für eine Frühphaseninvestierung für Start-ups. Mein Traum ist ja ein Start-up-Village für Net-Economy-Leute mit Business-Angeln und VCs, mit einer Uni und der entsprechenden Infrastruktur im Hintergrund. Dort könnten Querschnittsfunktionen für die Gründer, die beispielsweise keine PR oder Marketing können, hergestellt werden. Dann kann auch was bewegt werden.

Wegen des Umfangs dieses Interviews wird das Gespräch morgen mit Teil 2 an gleicher Stelle zu gleicher Uhrzeit fortgesetzt.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.