#Gastbeitrag

Datenschutz: Die versteckten Vorteile für Startups

Ist Datenschutz für Startups wirklich eine Priorität? Ja, denn was erstmal wie Aufwand scheint, birgt erstaunliche Vorteile für junge Unternehmen - wenn die Einstellung stimmt. Ein Gastbeitrag von Robert E.G. Beens.
Datenschutz: Die versteckten Vorteile für Startups
Donnerstag, 2. Juni 2022VonTeam

Die Deutschen lieben Datenschutz. Und darauf können sie verdammt stolz sein. In kaum einem anderen Land ist das Bewusstsein so groß wie hier.  Doch nicht nur das Bewusstsein der Bundesrepublik, sondern auch der legislative Schutz der individuellen Privatsphäre nimmt in Deutschland hohe Priorität an, wie der Internet Privacy Index bestätigt. Mit einem Score von 83.3 liegt Deutschland auf Platz 6 des weltweiten Rankings. Das hat natürlich gute Gründe, die auch in der Geschichte verankert sind. Dennoch wirkt für viele Gründer:innen in Deutschland der Datenschutz in erster Linie wie ein notwendiges Übel. Regularien wie die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) setzen wichtige Regeln für Unternehmen und legen starken Konsequenzen fest, wenn sie nicht eingehalten werden. Aber hat Datenschutz – abgesehen vom offensichtlichen Vorteil für die Rechte der Bürger:innen – nicht auch andere Vorteile für Unternehmen? Wer bereit ist, genauer hinzuschauen, dem wird schnell klar, dass Datenschutz nicht nur ein Regelwerk ist, sondern ein Asset. Dabei sind 3 Aspekte besonders wichtig.

  1. Reputationsschutz 

Als im Jahr 2020 das deutsche Vorzeige-Fintech Scalable Capital gehackt wird, schlägt dies enorme Wellen. In den Medien wird lautstark deklamiert, dass ganze Datenbanken von Kundeninformationen im Darknet gelandet sind. Dabei liegen nicht nur persönliche Informationen blank, sogar Ausweiskopien sind abrufbar. Für das junge Start-up ist der Leak eine außergewöhnliche Krise: Gerade als Unternehmen, welches viel Geld seiner Kund:innen verwalten will, ist es auf ihr Vertrauen angewiesen. Schnell werden interne Ermittlungen eingeleitet, Schadenersatzforderungen dauern jedoch bis heute an. 

Natürlich ist dieser Fall auch ein Problem der Datensicherheit – Datenbanken, die gehackt werden können, gibt es schließlich immer. Jedoch zeigt sich hier auch gut, dass das Prinzip der Datensparsamkeit eine Präventivmaßnahme ist. Daten, die nicht erfasst werden, können auch nicht gestohlen werden. Grundlegender Datenschutz, wie das Löschen von Daten, wenn sie nicht mehr benötigt werden, verringern die Auswirkungen eines Hacks oder Leaks. So wird Datenschutz zum Reputationsschutz. Jedes Startup, jedes Unternehmen, braucht das Vertrauen seiner Kund:innen. Ein aktiver und gründlicher Datenschutz unterstreicht, wie vertrauenswürdig eine Firma ist. Studien haben gezeigt, dass Menschen solche Unternehmen bevorzugen, die sich nicht als Datenkrake, sondern Datenschützer profilieren. So kann Datenschutz tatsächlich zum Wettbewerbsvorteil werden.

  • Integrität als Arbeitgeber:in

Wir alle wollen auf der Seite der Guten stehen – das ist ein menschliches Bedürfnis. Es ist kein Zufall, dass Whistleblower wie Frances Haugen oder Edward Snowden aus moralischen Bedenken die Methoden ihrer Arbeitgeber verpfeifen. Unternehmen, die mit der Privatsphäre von Menschen Schindluder betreiben, oder persönliche Daten nutzen, um Kund:innen zu manipulieren, stellen sich ins moralische Abseits. Für solche Arbeitgeber:innen können nur die wenigsten ohne Bauchschmerzen arbeiten.

Damit ist Datenschutz, ähnlich wie das Thema Nachhaltigkeit, ein Thema, welches zum Wertekompass eines Unternehmens beiträgt. Für Mitarbeitende fühlt es sich “richtig” an, für ein Unternehmen zu arbeiten, was sich aktiv für das Recht auf Privatsphäre einsetzt und das auch in seinen Handlungen zeigt. Im Idealfall leben das Management-Team oder die Gründer:innen vor, wie ernst sie Datenschutz nehmen. Dazu eignen sich Gespräche mit den Teams: Welche Daten benötigen wir wirklich, um das beste Produkt anzubieten? Auf welche Datenkraken kann im Arbeitsalltag verzichtet werden? Wie wird darüber kommuniziert, wenn doch einmal etwas beim Schutz der Kund:innendaten schiefläuft? So wird das Thema mit Leben gefüllt und ist nicht länger abstrakt. Für die Mitarbeitenden zeigt sich so, dass ihr Arbeitgeber für Werte einsteht und einen moralischen Kompass besitzt, der ihren eigenen Wertvorstellungen entspricht. Das erhöht die Identifikation und die Loyalität – ein kaum zu unterschätzender Vorteil im War-for-Talents.

  • Profitable Alternativen

Als ich im Jahr 2006 die Suchmaschine Startpage, damals unter dem Namen iXquick bekannt, gründete, stellte ich schnell fest, dass Suchmaschinen Zugang zu Unmengen an persönlichen Daten haben. Damals entschied ich mich aktiv gegen diese Datensammlung und daraus entstand ein profitables Geschäftsmodell. Wir setzten auf ein alternatives Monetarisierung-Modell. Anders als die Konkurrenz sammelten wir keine eloquenten Nutzer:innen-Profile, auf deren Basis personalisierte Werbung basiert. Bei uns gibt es zwar auch Anzeigen,  diese Werbung basiert aber ausschließlich auf dem Kontext des Keywords, welches eingegeben wird. Das nennt man Kontextmarketing: Ein Modell was heute im Angesicht immer umfangreicherer Regulierungen im Bereich Datenschutz wieder an Beliebtheit gewinnt.

Es ist sicherlich nicht einfach, Marketing-Mitarbeitenden zu erklären, warum personalisiertes Targeting vermieden werden soll. Immerhin basieren Werbemaschinen wie die sozialen Netzwerke ihr gesamtes Geschäftsmodell auf persönlichen Daten, die für Werbezwecke instrumentalisiert werden können. Studien haben jedoch gezeigt, dass die Alternative Kontextmarketing profitabel sein kann. Sie zeigen, dass 69 Prozent der Verbraucher:innen eher bereit sind, sich auf Werbung einzulassen, die auf dem Kontext des besuchten Seiteninhalts beruht. Aber nicht nur im Marketing, auch in Bereichen wie dem Kundensupport oder der Produktentwicklung können alternative Ansätze zur Datensammelei gefunden werden, die Vorteile mit sich bringen. Wer den direkten draht zu seinen Kund:innen pflegt, erhält im Zweifel bessere Einsichten, als bei der Analyse anonymer Datenmassen.

Fazit: Datenschutz von Anfang an

In den genannten Punkten zeigt sich: Im Datenschutz steckt viel mehr als Bürokratie. Gründer:innen sollten den Schutz der Privatsphäre ihrer Nutzer:innen als Wert an sich verstehen, der Herausforderungen, aber auch Vorteile mit sich bringt. Wer schon bei der Gründung den Schutz von Daten mitdenkt, profitiert vom Vertrauen der Kund:innen und einer stärkeren Identifikation der Mitarbeitenden. Auch im Aufbau des Geschäftsmodells kann Datenschutz direkt zum Wettbewerbsvorteil werden, wenn kreative Alternativen zur Datensammelwut gefunden werden. Alles in allem ist Datenschutz damit kein Hindernis, sondern ein Wettbewerbsvorteil – wenn Gründer:innen die richtige Einstellung mitbringen.

Über den Autor
Robert E.G. Beens ist Mitgründer und CEO von Startpage und ein anerkannter Experte und Verfechter des Datenschutzes. Bei Startpage ist Beens für das operative Geschäft, die Produktentwicklung, Technologie und Finanzen zuständig.  Beens gründete Startpage, ehemals Metasuchmaschine Ixquick, im Jahr 2006. Er hat seinen Master-Abschluss in Unternehmens-, Sozial- und Wirtschaftsrecht an der Universität Utrecht in den Niederlanden absolviert.

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Foto (oben): Shutterstock