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Wer entscheidet, ob Frauen ein Hockurinal benutzen?
In der Höhle der Löwen geht es meistens um Zahlen. Bei einem Pitch in der dieswöchigen Sendung ging es allerdings vor allem um eine andere Frage: ob und wie Frauen ein Produkt überhaupt benutzen würden. Ob sie sich „umgewöhnen“ würden, wie groß in einem sehr intimen Bereich überhaupt die Bereitschaft zur Veränderung wäre. Und welche Schwächen die „neue“ Art noch hat. Dabei verlor das Problem und seine vielfältigen Folgen leider etwas an Bedeutung.
Ilona Olvedi, in der Sendung Lena genannt, präsentiert Missoir: ein Hockurinal für Frauen, das im Boden eingelassen wird. Es hat Haltegriffe und einen Spritzschutz, kommt ohne Wasser aus und ist auf die Hockhaltung ausgelegt, statt sie zu umgehen. Eingebaut wird es einzeln in Kabinen oder mehrfach nebeneinander, wobei benachbarte Einheiten sich die Haltestangen auch teilen können – was später noch zu Diskussionen führen soll.
Die Zahlen tun es jedoch zunächst weniger: Eine Einheit kostet 996 Euro bei 250 Euro Herstellkosten. Seit dem Start der Serienproduktion 2024 hat die Gründerin rund 100 Stück verkauft und damit 120.000 Euro Umsatz gemacht – ohne einen Euro für Marketing oder Vertrieb, alle Kunden kamen von selbst auf sie zu. Davor lief das Geschäft über Vermietung, von Festivals bis zu Schulen. Nun hätte sie gerne 180.000 Euro von den Löwen und bietet dafür 20 Prozent, bewertet ihr Unternehmen also mit 900.000 Euro.
Doch Lena will vor allem ein großes Problem für Frauen lösen: nach ihren Angaben warten sie nämlich bis zu 34-mal länger an öffentlichen Toiletten als Männer, weil es für sie keine Urinale gibt. Den stärksten Moment des Abends liefert dann Judith Williams, die sehr anschaulich vorführt, wie eine öffentliche Toilette von Frauen tatsächlich oft benutzt wird: Lagen von Papier auf die Brille, Papier in die Schüssel gegen Spritzer, dann trotzdem nicht hinsetzen, sondern schweben. Aus der Runde kommt daraufhin selbst der Einwand, dass genau diese Prozedur die Schlange natürlich auch verlängert.
Natürlich betreibt nicht jede Frau bei jedem Toilettengang so einen Aufwand – aber das Problem wird an dieser Stelle auch nicht weiter erörtert.
Trotzdem fügt die Gründerin noch hinzu: Die anatomisch äußerst unnatürliche Schwebehaltung spanne Körper und Blase an, sodass Restharn zurückbleibe, der zu gesundheitlichen Problemen führen könne. Dazu kommt der Ressourcenpunkt – herkömmliche Toiletten verbrauchen Trinkwasser für das kleine Geschäft, während Urinale für Männer seit Jahrhunderten Standard sind. Diese Asymmetrie ist das Fundament des Pitches.
Die Einwände betreffen dann fast alle die Akzeptanz, nicht die Technik. Was ist mit älteren oder eingeschränkten Nutzerinnen? Die Antwort: Missoir ersetzt die Toilette nicht, es ergänzt sie. Was passiert bei 1,4 Promille auf einem Festival, wie es ein Löwe zuspitzt? Die Gründerin verweist auf die Entwicklungsphase, in der sie Maße und Höhe systematisch getestet hat – der Spritzschutz, um den es dabei geht, ist inzwischen patentiert und wird von einem österreichischen Toilettenanbieter unter Lizenz eingesetzt. Und was, wenn aus dem kleinen Geschäft doch ein großes wird? Dann ließe sich die Vorrichtung abnehmen und frisch machen, worauf prompt die Gegenfrage folgt, wer das tun soll.
Doch die Antwort ist wenig überzeugend, und auch die mangelnde Privatsphäre beschäftigt die Löwen.
Damit liegt der Kern des Abends offen. Die Akzeptanz wird überwiegend am eigenen Empfinden geprüft – von einer Runde, in der über ein Produkt für Frauen mehrheitlich Männer urteilen. Dass die Investorenwelt die Frauengesundheit lange als Nische behandelt hat, obwohl der Femtech-Markt inzwischen auf ein Potenzial von rund 50 Milliarden Dollar geschätzt wird, ist dabei kein neuer Gedanke. Gekauft wird Missoir ohnehin nicht von Privatpersonen, sondern von Betreibern – von Kommunen, Stadien, Clubs und Festivals, die kürzere Schlangen und weniger Wasserverbrauch einkaufen.
Und diese haben noch eine ganz andere Motivation: Lange Schlangen an den Toiletten führen zu deutlich geringerem Getränkekonsum – denn für viele Frauen ist es mittlerweile normal, auf Veranstaltungen sehr sparsam zu trinken, um möglichst selten auf die Toilette zu müssen. Wenn man also einfach hochrechnet, was der locker mal 3-fache Getränkekonsum von rund 50% an Gästen einer Veranstaltung dem Veranstalter einbringen könnte, stößt man sehr bald auf ein starkes Motiv, solchen neuen Konzepten auch einmal eine Chance zu geben.
Doch natürlich steht auch hier die Frage im Raum, wie gut die weiblichen Gäste denn eine neue Lösung akzeptieren würden – insofern ist die Diskussion der TV-InvestorInnen hier mehr als berechtigt.
Was aktuell an Belegen vorliegt, weist in beide Richtungen. Rund hundert verkaufte Einheiten zu je knapp tausend Euro, zustande gekommen ohne Marketing und ohne Vertrieb, sind für ein Produkt dieser Preisklasse ein Nachfragesignal und kein Versprechen. Berlin hat Hockurinale außerdem in einem Pilotprojekt der Senatsverwaltung getestet; die Zwischenbilanz fiel positiv aus, bei über 400.000 Nutzungen und rund 2.000 Online-Bewertungen bekamen die Urinale die positivsten Rückmeldungen. Allerdings waren dort zwei verschiedene Modelle im Einsatz, und die Bewertungen sind nicht aufgeschlüsselt. Ein endgültiger Beleg für die Annahme durch die Nutzerinnen ist das also nicht. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier nicht am Bedarf vorbei entwickelt wurde, schon.
Am Ende bekommt Missoir kein Angebot. Eine Absage begründet sich mit Scham und mit der Zurückhaltung, die der Kombinationsfall auslöse, verbunden mit dem Hinweis, dass hier kein schnelles Wachstum zu erwarten sei. Eine zweite kommt von Johannes Kliesch, der die Leistung der Gründerin ausdrücklich beeindruckend findet – ein Produkt für tausend Euro ohne Marketingbudget auf 120.000 Euro Umsatz zu bringen – und der dann vorrechnet, der Gesamtmarkt sei zu klein. Dabei verrechnet er sich um den Faktor zehn: Eine halbe Million Standorte zu je tausend Euro ergeben 500 Millionen, nicht 50. Umgehauen hätte ihn das richtige Ergebnis vermutlich auch nicht, verteilt über viele Jahre und einen Markt, der Einzelstück für Einzelstück bearbeitet werden muss. Sein Fazit: Sie sei auf dem richtigen Weg und brauche dafür keinen Löwen.
Das ist ein ehrlicher Satz, und er trifft genauer als jede Absage über die Funktionsweise. Ob Frauen ein Hockurinal annehmen, entscheidet sich nicht in einer Fernsehjury, sondern an den Orten, an denen sie Schlange stehen müssen. Oder eben irgendwann hoffentlich nicht mehr.
Tipp: Alles über die Vox-Gründershow gibt es in unserer großen DHDL-Rubrik.
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