#Interview
Deutsche Wurzeln, amerikanisches Tempo
Das junge Unternehmen Sona8, von Anton Hantel, Thilo Tamme und Madeleine Malmsten in San Francisco gegründet, hilft Unternehmen dabei, Veränderungen und neue Prozesse besser aus Sicht ihrer Mitarbeitenden zu verstehen. Statt klassischer Umfragen führt eine KI automatisierte Telefongespräche mit Mitarbeitenden, wertet die Antworten aus und macht wiederkehrende Probleme und Entwicklungen sichtbar.
Entstanden ist die Idee aus der Beratungspraxis. Hantel und Tamme erlebten immer wieder, dass bei großen Transformationsprojekten nur ein kleiner Teil der Belegschaft tatsächlich befragt wurde. Mit Sona8 wollen sie solche Gespräche nun in großem Maßstab ermöglichen. Das Startup sitzt bewusst in San Francisco, die ersten Kunden kommen aber auch aus Deutschland.
Im Interview mit deutsche-startups.de stellt Gründer Hantel sein Unternehmen einmal ganz ausführlich vor.
Wie würdest Du Deiner Großmutter Sona8 erklären?
Große Firmen ändern ständig etwas: neue Software, neue Abläufe, neue Struktur. Und sie wollen wissen, wie das unten ankommt. Dafür gibt es heute Umfragen, meist mit 20 Fragen, teils auf einer Skala von 1 bis 5, wo die Hälfte sowieso nicht mitmacht. Oder Interviews, die das Strategieteam oder Berater mit ein paar Dutzend Leuten führen, bei zehntausend Mitarbeitern. Wir machen aus der Umfrage ein Gespräch und aus den paar Dutzend Interviews zehntausend. Eine KI ruft jeden an, zehn Minuten, und fragt nach wie ein guter Interviewer: Was hat sich für dich geändert? Was funktioniert nicht? Niemand muss mitmachen, niemand erfährt, wer was gesagt hat. Und ein paar Wochen später ruft sie wieder an.
Wie genau funktioniert Euer Geschäftsmodell?
Wir verkaufen Zugang zu einer Plattform. Transformations- und Strategieteams nutzen sie, um Change von Anfang bis Ende zu tracken. Die Strategie ist meistens gut, die Umsetzung ist das Problem. Mit uns sehen die Teams alle paar Wochen, ob das Beschlossene in der Fläche ankommt, wo es hakt und welche Risiken sich aufbauen, bevor sie in den Zahlen stehen. Abgerechnet wird pro Mitarbeiter, der mitredet. Daneben arbeiten wir mit Beratungen und Private Equity Firmen, die das Tool bei ihren Kunden oder Portfoliounternehmen einsetzen, eher projektbasiert: Diagnose am Anfang, Bestandsaufnahme nach dem Deal. Egal ob Konzern, PE oder Beratung, überall das gleiche Problem: Watermelon Reporting. Außen grün, innen rot. Der Status geht durch die Hände derer, die ihn verantworten, und kommt geglättet oben an. Das war in der Vergangenheit immer teuer, siehe Blackberry, Kodak oder Volkswagen: In der Fläche wusste man früh, was schiefläuft, nur ist es nie bei den Entscheidern angekommen. Wir fixen das. Unsere Kunden wollen die Wahrheit hören. Dafür zahlen sie.
Wie ist die Idee zu Sona8 entstanden?
Thilo und ich waren zusammen auf einem Projekt in Hamburg, großes Transformationsprogramm, und sind abends laufen gegangen. Dabei ging es fast immer um dasselbe: Wir hatten gerade wieder dreißig Mitarbeiterinterviews gemacht, bei BCG heißt das Belief Audit, und hatten das Gefühl, das Wichtigste sagen uns die Leute, die wir gar nicht fragen. Irgendwann kam die Frage: Warum macht das nicht eine KI, mit allen statt mit dreißig? Ernst wurde es erst nach BCG. Ich war für den MBA am MIT, Thilo in seiner Promotion an der TU München zu Conversational AI, und wir haben Sona8 nebenbei gebaut. Als wir Piloten hatten und Stück für Stück mehr Traction kam, war klar: nebenbei geht nicht mehr. Ich habe den MBA abgebrochen, Thilo die Promotion, und mit der Entscheidung kam auch die, Geld aufzunehmen.
Warum habt Ihr Euch entschieden, Sona8 in San Francisco und nicht in Deutschland aufzubauen?
Tempo und Kapital. In San Francisco ist allen klar, dass so ein Geschäft nur groß funktioniert oder gar nicht. Es gibt andere, die Ähnliches versuchen, und am Ende gewinnt, wer am schnellsten wächst. Dafür braucht man Kapital, das solche Wetten kennt, und Leute um sich herum, die genauso denken. Das gibt es in dieser Dichte nur hier. Der deutsche Markt bleibt trotzdem wichtig, dort sind unsere ersten Kunden.
Hand aufs Herz: Hättet Ihr Sona8 in dieser Form auch in Deutschland gründen können?
Wahrscheinlich ja. Und ehrlich gesagt sind wir noch so am Anfang, dass ich das nicht mit großer Geste beantworten will. Was bei uns funktioniert, ist die Mischung: Das Netzwerk ist noch stark deutsch, da sind die ersten Kunden, da kennt man uns. Das Mindset und die Speed kommen aus den USA. Einen Punkt drehe ich aber um: Deutschland hat unser Produkt besser gemacht. Wir mussten die härtesten Anforderungen zuerst erfüllen, Datenschutz, Mitbestimmung, Security. In den USA kommt das später im Prozess. Wir hatten es von Tag eins, und heute ist das einer der Gründe, warum Konzerne uns überhaupt an ihre Mitarbeiter lassen.
Was läuft beim Gründen in den USA aus Deiner Sicht deutlich anders als in Deutschland?
Vieles ist hier einfach auf Startups eingestellt. Firma gründen, Investoren aufnehmen, Konto eröffnen läuft über Standardverträge, die jeder kennt, und dauert Tage statt Wochen. Angels committen in einem Gespräch statt nach drei. Und es gibt eine ganze Industrie an Firmen, die Produkte nur für Startups bauen, von der Bank bis zur Rechtsberatung, und die machen einem das Leben wirklich leichter. Dazu kommt, wie schnell Leute helfen: Jemand, der zwei Jahre weiter ist, nimmt sich eine halbe Stunde und sagt dir, welche drei Fehler du gerade machst. Was gleich ist: Das Vertrauen eines Konzerns muss man sich überall verdienen.
Was waren die größten Herausforderungen, die Ihr bisher überwinden musstet?
Vertrauen. Am Anfang waren fast alle skeptisch. Eine KI, die anruft und Fragen zum eigenen Job stellt, klingt erst mal nach Kontrolle. Das Vertrauen kam über die Gespräche selbst. Ein Teilnehmer hat am Ende gesagt: „Das habe ich noch nie jemandem erzählt, nicht mal meinen Freunden. Ich kann nicht glauben, dass ich das jetzt einer KI sage.“ Bei einer KI wissen die Leute einfach, dass sie nicht gejudged werden. Voraussetzung ist, dass klar ist, was mit dem Gesagten passiert. Freiwilligkeit ist bei uns deshalb eine Produktentscheidung, keine Pflichtübung. Die zweite Herausforderung: als kleines Team Software zu bauen, die in einem Konzern läuft. Da hilft, dass Madeleine und unser Founding Engineer Jakob Schepers beide schon Software in großen Unternehmen gebaut haben, Madeleine bei QuantumBlack, der AI Unit von McKinsey, Jakob in der IT von Volkswagen. Jakob verantwortet bei uns die Plattform von der Architektur bis zum Deployment.
Ihr seid Teil des Y-Combinator-Batches Fall 2026. Wie seid Ihr bei YC gelandet und was bringt Euch die Teilnahme?
Über einen Umweg. Wir wollten schon in den Summer Batch und haben es nicht geschafft. Danach waren wir eigentlich schon ready für ein normales Pre-Seed Fundraising und hatten mit YC nicht mehr gerechnet. Die Bewerbung haben wir mit wenig Effort abgeschickt, im Grunde nur mit der Traction seit dem Frühjahr. Dann kam die Einladung zum Interview. YC ist für uns großartig. Man muss konstant Progress machen, vor Leuten, die Hunderte Firmen an genau dieser Stelle gesehen haben. Und bei Konzernen schafft YC Vertrauen, das wir als junges Team sonst erst aufbauen müssten. Parallel haben wir eine Handvoll Angels aufgenommen, darunter Kai Wiederhold, den ich aus BCG-Zeiten kenne und der uns über Hack Nation begleitet hat, und Dirk Cohausz, sowie MIT Sandbox, das Programm, durch das damals auch Cursor gegangen ist.
Ist Sona8 langfristig ein amerikanisches Unternehmen mit deutschen Wurzeln – oder spielt Deutschland bzw. Europa für Euch als Markt weiterhin eine wichtige Rolle?
Der Fokus ist Amerika. Da sitzt die Firma, da ist der Markt, in den wir hineinwachsen, da bauen wir das Team auf. Gleichzeitig haben wir deutsche Wurzeln, und die haben konkret geholfen: Das Netzwerk aus der Beratungszeit hat uns die ersten deutschen Kundengespräche geöffnet, mit Leuten, die uns kannten und uns deshalb früh in einen echten Betrieb gelassen haben. Heute läuft Sona8 in Deutschland und in den USA und erfüllt die Anforderungen beider Seiten. Das ist Teil dessen, was wir verkaufen.
Wo steht Sona8 in einem Jahr?
Ein gutes Stück näher an dem, wofür wir das bauen. Jede große Entscheidung in einem Unternehmen ist eine Wahl zwischen Alternativen, und welche man sieht, hängt vom Kontext ab. Der Kontext, der am meisten zählt, wie die Arbeit wirklich gemacht wird und wo die Probleme sitzen, liegt bei Tausenden von Mitarbeitern und kommt bei den Entscheidern nie an. Wenn wir Erfolg haben, kommt er an. Jeder Mitarbeiter spricht mit Sona8, Sona8 hängt an ERP, HR und Ticketing, und zusammen ist das eine lebende Karte davon, wie das Unternehmen läuft. Consulting- und Transformationsteams arbeiten damit deutlich schlanker: Drei Leute steuern ein Programm über 20.000 Mitarbeiter. Vor einer Entscheidung lässt man sie gegen diese Karte laufen und sieht, was sie auslöst. Und wenn KI-Agenten Prozesse verändern, lesen sie vorher hier, wie der Prozess heute läuft. Sona8 ist der Ort, an dem diese Karte lebt.
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