#Gastbeitrag

Warum Forschung allein noch keine Unternehmen schafft

Spitzenforschung allein schafft noch keine erfolgreichen Tech-Unternehmen. Axel Winkelmann erklärt, warum Deutschland ein Strukturproblem hat - und weshalb Kapital, Unternehmertum und Wissenschaft früher zusammenkommen müssen.
Warum Forschung allein noch keine Unternehmen schafft
Donnerstag, 8. Oktober 2026VonTeam

Die öffentliche Diskussion über Innovation konzentriert sich häufig auf das sichtbare Produkt: eine Finanzierungsrunde, ein marktfähiger Prototyp, erste Kunden oder ein wachsendes Team. Tatsächlich beginnt die entscheidende Wertschöpfung früher. Innovation ist kein linearer Prozess, der automatisch vom Labor in den Markt führt, sondern besteht aus vielen Zwischenschritten: Forschung, Validierung, Prototyp, Produktentwicklung, Vertrieb, Finanzierung und Skalierung. Jedes Glied dieser Kette erfordert nicht nur Zeit, sondern auch Kapital, unternehmerisches Know-how und erfahrene Begleitung.

Das Problem liegt auch in der Finanzierungsstruktur. Forschung wird in Deutschland häufig in Drittmittelprojekten finanziert, die auf einen begrenzten Zeitraum angelegt sind. Danach müssen Forschende neue Projekte einwerben, statt bestehende Ergebnisse systematisch in Richtung Anwendung, Markt und Unternehmen weiterzuentwickeln. Die meisten Investoren steigen erst dann ein, wenn Märkte bereits erkennbar sind, ein Geschäftsmodell plausibel beschrieben werden kann und erste kommerzielle Signale vorliegen. Bei wissenschaftsnahen Technologien ist zu diesem Zeitpunkt aber ein erheblicher Teil der Wertschöpfung bereits passiert. Wer frühzeitig Kapital und unternehmerische Expertise einbringt, finanziert nicht nur eine Idee. Er beteiligt sich an der Entstehung eines Marktes.

Das Kapitalproblem ist auch ein Strukturproblem

Die Debatte über Startup-Finanzierung wird häufig als reine Kapitalfrage geführt. Natürlich braucht Deutschland mehr privates Wachstumskapital, insbesondere für technologiegetriebene Gründungen. Entscheidend ist auch, wann und wo Kapital, Marktkenntnis und unternehmerische Professionalisierung zusammenkommen.

Wachstumskapital und unternehmerische Erfahrung konzentrieren sich in Deutschland auf wenige Metropolregionen, während Forschung dezentral stattfindet. Dadurch entsteht eine strukturelle Schieflage: Vielversprechende Ideen entstehen häufig dort, wo der Zugang zu Investoren und erfahrenen Sparringspartnern fehlt. Die Folge ist, dass Gründerteams in andere Regionen oder ins Ausland abwandern. Laut einer Bitkom-Umfrage aus dem Jahr 2025 erwägt jedes vierte deutsche Tech-Startup diesen Schritt – mit ihnen gehen hochqualifizierte Fachkräfte, geistiges Eigentum und künftige Wertschöpfung verloren.

Regionale und forschungsnahe Netzwerke können dieser Dynamik entgegenwirken – wenn sie professionell organisiert sind. Ausschlaggebend ist der frühe Zugang zu Innovationen. Wer Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und die handelnden Personen vor Ort kennt, erkennt Potenziale frühzeitig und kann Partner aus Wirtschaft und Finanzierung schneller zusammenbringen. Volluniversitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen bieten dafür besondere Voraussetzungen, weil moderne Deep-Tech-Innovationen häufig interdisziplinär entstehen, etwa an den Schnittstellen zwischen Physik, Chemie, Informatik, Medizin und Wirtschaft. Gerade in frühen Wachstumsphasen sind Vertrauen, persönliche Nähe und belastbare Netzwerke ein Erfolgsfaktor, den überregionale Strukturen nicht in gleicher Tiefe bieten können.

Warum Deep Tech andere Finanzierungslogiken braucht

Die klassische Venture-Capital-Logik, die stark auf schnelle Skalierung von Software-Modellen ausgelegt ist, greift bei Deep Tech strukturell zu kurz. Technologiegetriebene Unternehmen in den Bereichen KI, MedTech, mRNA, neue Materialien oder industrielle Automatisierung müssen früh in Produktentwicklung, regulatorische Prozesse, Vertrieb und internationale Markterschließung investieren. Anders als viele Software-Modelle lassen sich solche Unternehmen selten mit sehr geringen Anfangsinvestitionen testen und anschließend schnell skalieren. Entwicklungszyklen sind länger, technische Risiken höher, regulatorische Anforderungen komplexer und Kundenentscheidungen im B2B- oder Healthcare-Umfeld oft langsamer. Gleichzeitig können sie nicht über Jahre hinweg organisch wachsen und Investitionen aus dem laufenden Geschäft finanzieren.

Öffentliche Förderprogramme leisten dabei einen wichtigen Beitrag. Sie senken Einstiegshürden, schaffen Sichtbarkeit und ermöglichen erste Entwicklungsschritte. Ihre strukturelle Grenze liegt aber dort, wo aus einem Gründungsvorhaben ein professionell wachsendes Unternehmen werden muss. Eine staatliche Förderung über zwölf Monate schafft mitunter eine trügerische Sicherheit, während im B2B-Bereich Sales-Zyklen von 9 bis 12 Monaten keine Ausnahme sind. Förderung setzt Impulse, ersetzt aber keine unternehmerische Verantwortung.

Aus Transfer muss Unternehmertum werden

Deutschland spricht viel über Technologietransfer. Entscheidend ist aber nicht allein, Forschung aus der Universität herauszulösen. Entscheidend ist, ob daraus Unternehmen entstehen, die Kunden gewinnen, Kapital sinnvoll einsetzen, Teams aufbauen und international wachsen können. Dafür müssen Wissenschaft, Kapital und Unternehmertum früher zusammenkommen. Forschung liefert Ideen und technologische Substanz, Investoren bringen Kapital und Wachstumsperspektive ein, Unternehmerinnen und Unternehmer sorgen für Marktverständnis und Umsetzung. Transfer darf deshalb nicht erst dort beginnen, wo ein Forschungsergebnis fertig ist. Er muss früher als unternehmerischer Prozess gedacht werden – mit Markt, Kapital und Skalierung von Anfang an.

Über den Autor
Prof. Axel Winkelmann von der Universität Würzburg ist Experte für Forschungstransfer und Mitgründer des auf Technologieunternehmen spezialisierten Venture Capital-Fonds 14leafs. 

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