#Gastbeitrag
Gute Forschung reicht nicht. Wer nicht skaliert, verliert
Europas Universitäten und Forschungsinstitute gehören zur Weltspitze. Das gilt für Physik, Materialwissenschaften, Ingenieurwesen und Quantencomputing. Europa mangelt es nicht an Ideen – Europa mangelt es daran, aus diesen Ideen globale Technologieunternehmen aufzubauen.
Technologietransfer, Skalierung über viele nationale Märkte und insbesondere die Finanzierung der Skalierung bleiben jedoch große Herausforderungen. Bei Halbleitern hat Europa diese Entwicklung bereits erlebt. Bei der KI-Infrastruktur sehen wir ähnliche Muster. Beim Quantencomputing haben wir die Chance, es diesmal besser zu machen.
Europa lernt und handelt, aber nach Seed wird es dünn
Europa hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte beim Aufbau eines wettbewerbsfähigen Deep-Tech-Ökosystems gemacht. Es gibt mehr Seed-Fonds, erfahrenere Business Angels und bessere Förderinstrumente als noch vor zehn Jahren. Wer heute eine vielversprechende Technologie und ein starkes Team hat, findet in Europa gute Partner für die erste Finanzierungsrunde.
Die eigentliche Herausforderung beginnt aber nach der Seed-Phase. Wenn Unternehmen Kapital im zwei- bis hohen dreistelligen Millionenbereich benötigen, um Forschung in industrielle Produkte und Fertigungskapazitäten zu überführen, wird das Angebot an europäischem Wachstumskapital deutlich dünner.
Gerade im Deep-Tech-Bereich stößt dabei auch das klassische Venture-Capital-Modell teilweise an seine Grenzen. Softwareunternehmen können häufig innerhalb weniger Jahre skalieren. Der Aufbau industrieller Spitzentechnologien dauert dagegen oft ein Jahrzehnt oder länger. Wer Quantenhardware entwickelt, baut nicht nur Software, sondern Reinräume, Fertigungskapazitäten und industrielle Infrastruktur auf. Entwicklungszyklen und Kapitalbedarf unterscheiden sich deshalb grundlegend von klassischen Softwareunternehmen. Venture Capital bleibt dabei ein wichtiger Baustein – wird aber nicht immer die einzige oder passende Finanzierungsform sein. Das ist keine Kritik am Venture Capital. Vielmehr zeigt es, dass industrielle Deep-Tech-Unternehmen entlang ihres Wachstums unterschiedliche Kapitalformen benötigen – von Venture Capital über strategische Industriepartner bis hin zu projektbezogenen Finanzierungsinstrumenten.
Kapital ist mehr als Geld
Internationales Kapital ist grundsätzlich nichts Negatives. Viele der erfahrensten Technologieinvestoren der Welt sitzen in den USA. Ihr Netzwerk, ihre operative Erfahrung und ihre Risikobereitschaft sind ein echter Wettbewerbsvorteil.
Kapital ist jedoch nie neutral. Mit jedem Investor kommen Erwartungen, Governance-Strukturen und strategische Prioritäten hinzu. Fragen wie Board-Besetzung, Standortentscheidungen oder Internationalisierung wirken in frühen Finanzierungsrunden oft abstrakt. Tatsächlich prägen sie jedoch langfristig die Entwicklung eines Unternehmens.
Gerade im Quantencomputing ist das besonders relevant. Wertschöpfung entsteht hier nicht nur durch die Nutzung der Technologie, sondern auch durch die Entwicklung und Fertigung der Hardware. Wer diese Fähigkeiten nicht selbst aufbaut, läuft Gefahr, Abhängigkeiten zu schaffen, wie Europa sie bereits aus der Halbleiterindustrie oder der KI-Infrastruktur kennt.
Nicht zu wenig, nur zu selten am richtigen Ort
Europa verfügt über erhebliche Kapitalreserven. Die Herausforderung liegt heute weniger in der Verfügbarkeit von Kapital als in dessen Allokation. Europäische Gelder fließen regelmäßig in internationale Technologieunternehmen, während europäische Deep-Tech-Startups Wachstumskapital im Ausland suchen müssen.
Institutionelle Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen spielen bei der Finanzierung kapitalintensiver Technologien bislang nur eine begrenzte Rolle. Gleichzeitig braucht Deep Tech weit mehr als klassisches Venture Capital. Strategische Industriepartner, Projektfinanzierungen, öffentliche Förderinstrumente und langfristig orientierte Kapitalgeber sind entlang verschiedener Entwicklungsphasen wichtige Bausteine.
Die ersten Signale einer Trendwende sind bereits sichtbar. Der Scaleup Europe Fund soll künftig gezielt europäische Deep-Tech-Unternehmen finanzieren. Europäische Investoren haben zuletzt Quantenfinanzierungsrunden im dreistelligen Millionenbereich mitgetragen – vor wenigen Jahren wäre das kaum vorstellbar gewesen. Um dieses Momentum in die Wachstumsphase zu übertragen, müssen sich öffentliche wie private Finanzierungsstrukturen stärker an den Entwicklungs- und Industriezyklen von Deep-Tech-Unternehmen orientieren. Andernfalls laufen sie Gefahr, genau die Unternehmen auszubremsen, die sie fördern sollen.
Eine Entscheidung, die früh getroffen werden muss
Für Gründer bedeutet das vor allem eines: Finanzierungsinstrumente und Investoren so sorgfältig auswählen wie Mitgründer oder Mitarbeiter. Nicht nur Bewertung und Kapitalhöhe entscheiden über den langfristigen Erfolg, sondern auch strategische Passung, Governance und gemeinsame Ziele. Wer erst darüber nachdenkt, wenn das Term Sheet auf dem Tisch liegt, hat den wichtigsten Teil der Diskussion bereits verpasst.
Bei Series A und darüber hinaus wird sich zeigen, ob Europa bereit ist, Deep-Tech, wie Quantenhardware, in der nötigen Größenordnung zu finanzieren. Diese Entscheidung fällt nicht in Brüssel oder Berlin – sie fällt in den Investmentkomitees, die gerade entscheiden, wohin das Kapital fließt und wo die Wertschöpfung stattfinden wird. Europa hat die Forschung. Ob es auch die Wertschöpfung behält, entscheidet sich jetzt.
Über den Autor
Alexander Schult ist Co-Founder und CFO von Peak Quantum, einem Münchner Quantencomputing-Unternehmen, das inhärent fehlergeschützte, supraleitende Quantenprozessoren entwickelt. Nach seinem Studium der Bank- und Finanzwirtschaft und einem MBA an der London Business School war er als Project Leader bei der Boston Consulting Group im Bereich Corporate Finance & Strategy tätig und gründete und führte anschließend mehrere Unternehmen. Bei Peak Quantum verantwortet er Finance, Administration, HR, Legal und Investor Relations und gestaltet das Fundraising sowie den strategischen und kaufmännischen Aufbau des Unternehmens. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er daran, Peak Quantum als technologisch führendes und finanziell tragfähiges Unternehmen im europäischen Quantencomputing-Ökosystem zu etablieren.
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