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Klein schlägt groß: Was Startups vom „Navy-Team“-Prinzip lernen können

Der Druck, schnell groß zu werden, ist in der Startup-Welt allgegenwärtig. Doch nachhaltiger Erfolg entsteht selten dort, wo Strukturen früh aufgebläht werden. Er entsteht dort, wo Teams fokussiert arbeiten. Ein Gastbeitrag von Markus Hetzenegger (NYBA).
Klein schlägt groß: Was Startups vom „Navy-Team“-Prinzip lernen können
Mittwoch, 4. Februar 2026VonTeam

In kaum einem Bereich wird Wachstum so sehr glorifiziert wie in der Startup-Szene. Neue Mittel? Sofort mehr Hiring. Erste Traction? Marketingbudget hochfahren. Doch viele Gründer:innen übersehen dabei einen entscheidenden Punkt: Zu frühes Skalieren ist einer der häufigsten Gründe für das Scheitern junger Unternehmen. Strukturen wachsen schneller als Kompetenzen, Verantwortlichkeiten werden diffus, Entscheidungen dauern länger. Und plötzlich kämpft das Unternehmen mehr mit sich selbst als mit dem Markt.

Begrenzte Ressourcen können dagegen erstaunlich hilfreich sein. Wenn man nicht einfach mehr Budget oder Köpfe ins Team holt, ist man gezwungen, genauer hinzuschauen: Was ist wirklich wichtig? Was bringt uns heute weiter und was erst später? Kleine Teams schaffen dabei automatisch mehr Klarheit und funktionieren vor allem dann, wenn sie fehlende Kapazität durch systematische Prozesse ersetzen.

Warum Startups häufig zu früh skalieren

Der Impuls dahinter ist verständlich: Mehr Menschen im Team wirkt wie Fortschritt. Doch in der Praxis zeigt sich oft ein anderes Bild:

  • Rollen werden unklar, weil Strukturen noch gar nicht definiert sind.
  • Marketing skaliert zu früh, bevor Produkt und Positionierung sauber geschärft wurden.
  • Komplexität steigt, bevor Prozesse stabil laufen.

Das Ergebnis: Teams verbringen mehr Zeit in interner Koordination als in Wertschöpfung und verlieren an Geschwindigkeit.

Das „Navy-Team“-Prinzip: Kleine Einheiten, klare Mission, hohe Wirkung

Navy-Teams basieren auf einem einfachen, aber kraftvollen Organisationsprinzip: Wenige Expert:innen arbeiten an einer klar definierten Mission mit voller Verantwortung und ohne unnötige Zwischenebenen.

Das Modell folgt drei Grundprinzipien, die auch in Startups enorme Wirkung entfalten:

  1. Mission vor Ego: Entscheidungen orientieren sich an der Aufgabe, nicht an Hierarchien.
  2. End-to-End-Verantwortung: Teams tragen Verantwortung vom Problem bis zur Lösung.
  3. Extreme Klarheit: Jede Person kennt Ziel, Rahmen und Erfolgskriterium der Mission.

Was das in der Praxis bedeutet

Beispiel 1: Mini-Missionen statt großer Teams

Statt ein großes Team aufzubauen, das gleichzeitig Kampagnenstrategie, Creatives und Paid Media steuert, werden drei kleine, klar getrennte Einheiten gebildet. Jede fokussiert sich auf eine Mission und etabliert hier Prozesse.

Ergebnis: weniger Abstimmungsschleifen, schnellere Iterationen, messbar bessere Kampagnenqualität.

Beispiel 2: Tool-Rollouts wie Einsatzsimulationen

Neue Tools werden nicht „top-down“ eingeführt, sondern zuerst von einer kleinen Task Force getestet. Sie bewertet Nutzen, Stolpersteine und ROI und rollt das System erst dann aus, wenn es funktioniert.
Ergebnis: keine Reibungsverluste im Team, klarere KPIs, deutlich weniger Blindleistung.

Beispiel 3: Verantwortlichkeit ohne Mikromanagement

In Navy-Teams gilt: Wer am meisten weiß, entscheidet.
Übertragen heißt das: Wenn ein Performance-Marketer erkennt, dass eine Kampagne nicht performt, wartet er nicht auf eine Wochenbesprechung, er handelt.
Ergebnis: schnellere Reaktionen, weniger Budgetverschwendung, höhere Lernkurve.

Relevanz schlägt Reichweite: im Marketing wie im Produkt

Viele junge Unternehmen setzen auf größtmögliche Reichweite. Doch Reichweite ohne Relevanz erzeugt Kosten, keine Wirkung. Die entscheidende Frage ist nicht: Wie viele Menschen sehen uns? Sondern: Wie viele der Richtigen verstehen uns und handeln danach?

Relevanz entsteht, wenn…

  • ein Produkt ein konkretes Problem präzise löst,
  • Marketing klar positioniert ist und messbar wirkt,
  • Teams wissen, was sie priorisieren und was sie bewusst weglassen.

Startups, die früh Relevanz erzeugen, skalieren später deutlich effizienter. Diejenigen, die auf Reichweite ohne Fundament setzen, laufen Gefahr, Komplexität statt Wachstum aufzubauen.

Was Gründer:innen jetzt konkret tun können

Um nachhaltig zu skalieren, braucht es vor allem Klarheit. Die wichtigsten Schritte:

1. Prioritäten schärfen: Wenige, klare Ziele schlagen breite, unscharfe Roadmaps.

2. Teams bewusst klein halten: Drei exzellente Teammitglieder mit automatisierten Prozessen erzeugen oft mehr Wirkung als zehn Durchschnittliche, mit deutlich weniger Koordinationskosten.

3. Entscheidungen messbar machen: Nur wer Daten nutzt, kann Tempo, Richtung und Ressourcen intelligent steuern.

4. Komplexität reduzieren: Standardisierte Prozesse, klare Rollen, wenige Ausnahmen und Automatisierung schaffen Geschwindigkeit, Resilienz und ersetzen Hiring.

5. Relevanz als strategische Leitgröße verankern: Wachstum darf kein Selbstzweck sein. Es muss ein Ergebnis von Wirkung sein.

Der Wendepunkt: Wirkung vor Wachstum

Der Druck, schnell groß zu werden, ist in der Startup-Welt allgegenwärtig. Doch nachhaltiger Erfolg entsteht selten dort, wo Strukturen früh aufgebläht werden. Er entsteht dort, wo Teams fokussiert arbeiten, Daten als Grundlage nutzen und frühzeitig Prozesse etablieren und automatisieren.

Das „Navy-Team“-Prinzip ist kein theoretisches Konzept. Es ist ein praktischer Weg, Startups widerstandsfähiger, schneller und wirkungsvoller zu machen, gerade in dynamischen Märkten.

Über den Autor
Markus Hetzenegger ist Gründer & CEO von NYBA. 2018 gegründet, zählt NYBA heute zu den führenden Marketing-Unternehmen im Live-Entertainment. Jährlich unterstützt NYBA rund 700 Künstler:innen weltweit, darunter Adele, Blue Man Group und Cirque du Soleil, und hat über 75 Mio. Tickets verkauft. Mit KI-, daten- und performancegetriebenem Marketing setzt NYBA neue Maßstäbe in der digitalen Ticketvermarktung und expandiert in die USA, UK und den Mittleren Osten.

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Foto (oben): Shutterstock