#Interview

“Die Verantwortung für das eingesetzte Kapital ist immer präsent”

BMW i Ventures investiert bereits seit 2011 in Startups. "Kürzlich haben wir unseren zweiten Fund in Höhe von 300 Millionen US-Dollar gestartet, der einen besonders starken Fokus auf nachhaltige Technologien legt", sagt Sohaila Ouffata, Geschäftsführerin Europa bei BMW i Ventures.
“Die Verantwortung für das eingesetzte Kapital ist immer präsent”
Donnerstag, 18. November 2021VonTeam

Der Kapitalgeber BMW i Ventures, der seinen Hauptsitz im Silicon Valley (Mountain View) hat, unterstützt seit 2011 junge und aufstrebende Startups. Im Portfolio des Geldgebers befinden sich Unternehmen wie Lime, RideCell, Parkopedia, Tekion, Solid Power und AutoBrains. Im VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht Sohaila Ouffata, Geschäftsführerin Europa bei BMW i Ventures, über Verantwortung, Finanzkennzahlen und positive Ausreißer.

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Ein Investor trägt eine große Verantwortung, um das Ihm/Ihr anvertraute Kapital sinnvoll zu investieren. Hierbei geht es heutzutage sowohl um Vermehrung des Kapitals als auch um Leistung eines sinnvollen Beitrags für Gesellschaft und/oder Umwelt, genau diese Kombination finde ich reizvoll.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-Capital-Geber geworden?
Es gibt ganz unterschiedliche Wege in die Branche. Viele kommen über den klassischen Weg und starten ihre Karriere über eine Consulting-, Investment-Banking- oder Analysten Rolle in der Branche oder sie entscheiden sich Investor:In zu werden nach einer / oder mehrerer erfolgreicher Unternehmensgründungen. Persönlich hatte ich nie geplant zu einem VC zu gehen. Wie viele Dinge im Leben, war dies eine natürliche Entwicklung aus verschiedenen Rollen, die ich über einige Jahre innehatte. Dabei habe ich immer an der Schnittstelle zwischen großen Unternehmen und Start-ups gearbeitet. Ich hatte ein großes Netzwerk in der Start-up Branche und das Verständnis dafür wie die Zusammenarbeit zwischen Corporates und Start-ups erfolgreich realisiert werden kann. An der Rolle bei BMW i Ventures hat mich vor sieben Jahren besonders der enorme Veränderungsdruck in der Branche gereizt. Es gibt seither eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle, welche die Art, wie wir uns in Städten fortbewegen, bis hin zu wie unsere Städte aussehen, verändert haben. Bei dieser Veränderung wollte ich dabei sein.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
An die Summen gewöhnt man sich sehr schnell – das ist Teil des Jobs. Die Verantwortung für das eingesetzte Kapital ist immer präsent. Ein guter VC muss sich immer fragen: Würde ich auch mein eigenes Vermögen in diese Firma investieren?

Was sollte jede-Gründerin, jeder Gründer über Euch – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr Euch von anderen Investoren ab?
Wir investieren bereits seit zehn Jahren und sind ein erfahrenes Investment-Team. Kürzlich haben wir unseren zweiten Fund in Höhe von 300 Millionen US-Dollar gestartet, der einen besonders starken Fokus auf nachhaltige Technologien legt. Das sind z. B. Start-ups wie: Natural Fiber Welding, Prometheus, Turntide, Boston Metal oder Pure Cycle. Die Investmententscheidungen treffen wir ausschließlich in unserem Investment-Team, dadurch sind wir sehr schnell. In Abhängigkeit von der Stage investieren wir normalerweise um die 10 Millionen US-Dollar wenn wir leaden und drei bis fünf Millionen US-Dollar wenn wir in einem Syndikat followen. Für jedes Investment bilden wir entsprechende Rücklagen, um in späteren Runden Follow-On Investments tätigen zu können. Da wir als Fund auch klare finanzielle Ziele verfolgen, gehen wir gerne in den Lead bei unseren Investments. Anders als manch andere Corporate Venture Funds, haben wir keine exotischen Investment Bedingungen, sondern operieren wie ein klassischer Finanz-VC.

Welche Unterstützung bietet Ihr – neben Geld?
Wir haben eine Plattform Practice, welche die Portfolio-Firmen dabei unterstützt, Partnerschaften aufzubauen. Im Fokus stehen hier besonders Partnerschaften mit der BMW Group sowie den relevanten Automotive Zulieferern. Darüber hinaus unterstützen wir bei dem Zugang zu Industrie-Expertise. Hierzu nutzen wir vor allem das große Expertennetzwerk der BMW Group. Wann immer möglich binden wir zudem unsere Portfolio-Firmen in die Zusammenarbeit mit der BMW Group in große externe Events (z. B. Consumer Electronics Show oder die IAA.) ein. Der positive Ausstrahlungseffekt der Marke BMW ist für viele Firmen ein wertvolles Gut.

Wie organisiert Ihr den Austausch mit Euren Portfolio-Firmen, welche Tools nutzt Ihr?
Mit den Firmen stehen wir direkt im Kontakt und nutzen beispielsweise. ein Tool um die Finanzkennzahlen zu sammeln. Intern haben wir ein sehr ausgefeiltes Business Development Tool in dem jede Interaktion mit dem Start-up und spezifische Business Development Möglichkeiten im Rahmen eines individuellen Entwicklungsplans für jede Firma getrackt wird. Hierdurch hat jeder im Team jederzeit den vollen Zugriff auf den Business Development Status der Portfolio-Firmen.

Was ist wichtiger: Das Team oder die Idee?
Eine gute Idee kann ohne ein gutes Team nicht zu einer wertvollen Firma mit attraktiven Geschäftsmodell ausgebaut werden. Eine Idee, die am Markt nicht funktioniert, wird jedoch durch ein gutes Team verändert und damit ist aus meiner Sicht die Qualität des Teams und dessen Exekution entscheidend. Die meisten Teams pivoten an einem gewissen Zeitpunkt und passen ihr Geschäftsmodell an.

Wie sieht das ideale Gründerteam aus bzw. gibt es überhaupt das ideale Gründerteam?
Das ist immer abhängig von der Geschäftsidee. Das Management-Team sollte immer die Kompetenzen mitbringen, die benötigt werden, um die spezifische Firma aufzubauen. Das können Industrie-Expertise sein, technisches Know-how oder relevante vorherige Gründungserfahrung. Besonders wertvoll finde ich es, wenn das Team divers aufgestellt ist – sowohl in Bezug auf Herkunft, Geschlecht, Erfahrungen und als auch in weiteren Dimensionen. Diese Teams performen am besten.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Startup investiert: Bauchgefühl, Daten, Beides oder was ganz anderes?
Definitiv datenbasiert. Im Rahmen der Due Diligence bewerten wir die Reife der Technologie, das Geschäftsmodells, die Umsetzungsstärke des Teams, die Marktgröße, die Position im Wettbewerbsumfeld, die möglichen Exit-Paths und damit treffen wir eine Entscheidung auf Basis einer datenbasierten Einschätzung über den prognostizierten zukünftigen Wert der Firma. Kommen wir zu der Einschätzung, dass es sich um eine attraktive Investmentmöglichkeit handelt, investieren wir. Wir sind allerdings sehr selektiv. Deutlich weniger als 1 % der Firmen, die wir anschauen, nehmen wir in unser Portfolio auf.

Nicht jedes Startup läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
Wenn eine Firma vor Herausforderungen steht, setzten wir uns im Rahmen unserer Investoren-Verantwortung ein, um die Firma zu unterstützen. Das kann je nach Situation und Grund der Herausforderungen sehr unterschiedlich sein. Letztendlich ist das Board immer auch in der gestaltenden Rolle eines Advisors – in besonders schwierigen Situationen müssen Boardmitglieder auch hands-on unterstützen und Krisenmanagement betreiben. Ich glaube, dass sich die Qualität einer Investorin oder eines Investors besonders in solchen schwierigen Zeiten zeigt.

Und woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem Startup die endgültige Reißleine ziehen müsst?
Als Investor verfolgen wir die Finanzlage unserer Portfolio-Unternehmen sehr genau. Das Investment ist immer langfristig angelegt und daher steht im Fokus, wie sich eine Firma langfristig entwickelt. Herausforderungen müssen auf diesem Weg gemanagt werden. Das macht letztendlich eine vertrauensvolle Partnerschaft mit einem verantwortungsvollen Investor aus.

Wie wichtig und bindend ist ein Businessplan?
Der Businessplan gibt die Zielrichtung und Ambition an. Die meisten Business-Pläne sind jedoch zum Zeitpunkt der Investmentrunden sehr optimistisch. Daher erstellt jeder VC sein/ihr eigenes Finanzmodell, um die Firma zu bewerten. Es gibt allerdings auch positive Ausreißer – also Firmen, die ihre eigenen Prognosen übertreffen. Ich kenne keinen Investor:in, der/die sich darüber jemals beschwert hat.

Wie spricht man als Gründer:in am besten einen Investor an?
Am sinnvollsten sind “warme” Intros – also Verbindungen über jemanden, der/die den Investor:in kennt.

Was sollten Gründer:innen vor Investoren niemals sagen oder machen?
Persönlich finde ich sehr überhebliche Gründer:innen schwierig. Zum Aufbau einer Firma gehört viel Arbeit und Hingabe. Ein absolutes No Go sind auch falsche Angaben zur Firma, der Investmentrunde oder andere Punkte, die letztendlich an der Ehrlichkeit der Gründer:innen zweifeln lassen.

Gibst Du uns zum Abschluss noch einen Einblick in Dein bzw. Euer Anti-Portfolio – bei welchen, jetzt erfolgreichen, Firmen bist Du, seid Ihr leider nicht eingestiegen?
Das ist immer eine schwere Frage – letztendlich würde ich mir aus heutiger Hinsicht natürlich wünschen, dass wir bei Celonis investiert hätten. Es gibt immer verpasste Gelegenheiten und dafür aber auch sehr viele erfolgreiche Investments. Unser Track-Record kann sich in jedem Fall sehen lassen.