#Gastbeitrag

Warum Krisen ein guter Zeitpunkt sind, um zu gründen

Die COVID-19-Pandemie hat sich als Beschleuniger für die Digitalisierung erwiesen und die Technologie ist nun so ausgereift, dass sich selbst bislang skeptische Branchen wie das Gesundheitswesen oder das Bildungswesen von ihren Vorteilen überzeugen lassen (müssen).
Warum Krisen ein guter Zeitpunkt sind, um zu gründen
Montag, 8. Juni 2020Vonds-Team

Die COVID-19-Pandemie hat sich zur größten globalen Gesundheitskrise seit dem Ausbruch der Influenza-Pandemie im Jahre 1918 entwickelt und die Auswirkungen auf das soziale Leben und die Wirtschaft betreffen Menschen auf der ganzen Welt. Die Aktienmärkte sind zwischenzeitlich eingebrochen, zahllose Länder haben den Lockdown verhängt und die strikten Beschränkungen haben den Alltag auf der ganzen Welt auf den Kopf gestellt.

Auch der Early-Stage-Technologiesektor ist von der Krise betroffen. Aufstrebende Unternehmen wurden von jetzt auf gleich vor große Herausforderungen gestellt. Während Venture Capitalists (VCs) Warnungen in Bezug auf Kapitalbeschaffung ausgesprochen haben, hat selbst ein Unicorn wie Airbnb ein befristetes Darlehen in Höhe von 1 Milliarde Dollar aufnehmen müssen, um diese finanziell schwierige Zeit zu überbrücken. Die Krise hat insbesondere für Unternehmer ein Klima der Unsicherheit geschaffen.

Tatsächlich bietet die momentane Phase aber auch ungeahnte Möglichkeiten. Es genügt bereits ein Blick in die Vergangenheit, um zu erkennen, dass erfolgreiche Unternehmen wie Uber, Airbnb, WhatsApp, Slack, Asana, Square, Beyond Meat, GitHub, Zalando und sogar Branchenriesen wie Disney, CNN, Microsoft und Apple allesamt während einer Krise gegründet wurden. Das makroökonomische Timing scheint also längst nicht der einzige Faktor für den Erfolg einer Unternehmensgründung zu sein.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen, die COVID-19 mit sich bringt, sind zwar zutiefst beunruhigend, aber gerade weil wir inzwischen in einer digitalen Welt leben, bieten sich aufstrebenden Unternehmen unzählige Möglichkeiten. Wir sind überzeugt, dass die gegenwärtige Krise große Veränderungen anstoßen wird, von denen Start-Ups profitieren können.

Hier sind ein paar Ideen, wie Gründer Krisen nicht nur meistern, sondern diese auch zu ihrem Vorteil nutzen können. Denn wie sagte Winston Churchill einst: “Never let a good crisis go to waste.”

Neue Probleme erfordern neue Lösungsansätze

Während etablierte Unternehmen und größere Start-Ups an mehreren Fronten darum kämpfen, ihre Kunden nicht zu verlieren, Entlassungen zu vermeiden und die Finanzierung sicherzustellen, können sich Neugründer voll und ganz darauf konzentrieren, Lösungen für Probleme zu entwickeln, die früher vielleicht noch gar nicht existiert haben. Große Unternehmen, Universitäten und andere Institutionen sind auf innovative Ideen angewiesen, um die neue Normalität jetzt und nach dem Ende der Pandemie bewältigen zu können.

Die COVID-19-Pandemie hat sich gewissermaßen als gesellschaftlicher Beschleuniger für die Digitalisierung erwiesen und die Technologie ist nun so ausgereift, dass sich selbst bislang skeptische Branchen wie das Gesundheitswesen oder das öffentliche Bildungswesen von ihren Vorteilen überzeugen lassen (müssen). Neugegründete Unternehmen können sich in dieser Situation ihre technische Unabhängigkeit zu Nutze machen und Projekte “auf der grünen Wiese” beginnen, ohne Kosten für Legacy-Technologie zu tragen!

Dazu kommt, dass die Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen den Alltag massiv entschleunigt haben. Potenzielle Kunden haben nun mehr Zeit und Toleranz, sich mit neuen Geschäftsmodellen, Technologien und Anwendungen zu beschäftigen. Unternehmen wie Uber und Airbnb profitierten 2008 beispielsweise massiv von den Konsequenzen der Finanzkrise, indem sie Privatpersonen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten neue Einkommensquellen in Aussicht stellten. 

Spitzen-Talente finden den Weg in Start-Ups

Talente zu gewinnen ist immer schwierig – insbesondere in wirtschaftlich boomenden Zeiten. Die Big Player zahlen Spitzengehälter und überbieten sich gegenseitig mit Zusatzleistungen für ihre Angestellten. Eine Krise hingegen spült zahlreiche Top-Talente auf den Markt, die für kleine Unternehmen und deren begrenzte finanzielle Ressourcen unter normalen Umständen viel zu teuer oder gar nicht verfügbar gewesen wären. Gut möglich, dass die Krise den aktuellen Trend verstärkt, dass sich Start-Ups im Kampf um talentierte Arbeitskräfte immer öfter gegen etablierte Unternehmen durchsetzen – besonders bei Positionen auf Einstiegsebene.

Ein weiterer Vorteil für Start-ups ist die derzeitige Home-Office-Situation. Durch kleine Teams und moderne Kommunikation sind sie viel flexibler und deshalb effizienter, während große Unternehmen erst einmal ihre riesigen Teams managen und Mitarbeiter im Umgang mit Remote Work schulen müssen.

Machen wir uns nichts vor: Es ist ein steiniger Weg ein erfolgreiches Start-Up während einer Krise aufzubauen. Allerdings bietet sich die Möglichkeit ein loyales, eingeschworenes Team zu bilden, das Krisen-erprobt ist und schon sehr früh gemeinsam durch dick und dünn gegangen ist.

Das Geld ist knapp: Nachhaltiges Wachstum zahlt sich aus

Kurzfristig an Geld zu gelangen, ist aktuell schwieriger, wie meine Kollegin Maja bereits hier erklärt. Nichtsdestotrotz sind Investoren nach wie vor liquide und an die Verpflichtungen gegenüber ihren Limited Partners gebunden: Sie müssen investieren, um Rendite zu erzielen.

Wir beobachten, dass sich der Wagniskapitalmarkt gerade selbst reguliert:

  • Ein Finanzierungsüberschuss hat vor der Krise zu sehr hohen Unternehmensbewertungen geführt, insbesondere in den USA.
  • Schwerwiegende Fehlentscheidungen, die im Falle von WeWork und Theranos in finanziellen Katastrophen endeten, werden sich (zumindest zeitnah) nicht wiederholen, weil die Investoren vorsichtiger geworden sind.
  • Wir beobachten weniger Gründungen und geringere Pre-Seed-Aktivität und rechnen daher mit weniger Seed-Folgefinanzierungsrunden.
  • Dennoch, VC-Fonds sind geraised und aktiv. Wir gehen davon aus, dass dies zu größeren Runden für den konzentrierten Markt führen wird.

Wir sind überzeugt, dass außergewöhnliche Gründer auch in Zukunft in der Lage sein werden, Geld zu beschaffen und werden daher auch weiterhin investieren. Unternehmen, die sich an das neue Marktklima erfolgreich anpassen, können sogar sehr gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Die durch die Pandemie beschleunigte Digitalisierung bietet für Start-Ups die Gelegenheit, sich nachhaltiger aufzustellen. Die Validierung von Ertragsmodellen rückt noch früher als bisher in den Vordergrund – einfach deshalb, weil sie von den Marktbedingungen der jeweiligen Branche und den meisten VC-Firmen verlangt wird.

Für Gründer bedeutet dies, dass sie künftig jeden Cent dreimal umdrehen müssen. Diese Tatsache wird den schonenden Umgang mit Ressourcen fördern und dazu führen, dass Gründer ihre Unternehmen nachhaltiger aufbauen. Statt voreilig unqualifizierte Mitarbeiter einzustellen, falsche Marketingentscheidungen zu treffen und zu viele Märkte auf einmal erschließen zu wollen, können sich Gründer nun ausschließlich darauf konzentrieren ein schlankes und gesundes Unternehmen aufzubauen und erhöhen damit ihre Chancen auf nachhaltigen Erfolg. 

Kundenbedürfnisse besser kennen denn je

Getreu dem Motto „Schmerzmittel verkaufen sich besser als Vitamine.“ kaufen Kunden aktuell, wo das Geld knapp ist, nur Dinge, die sie wirklich brauchen. Es kommt also mehr denn je darauf an, Kundenbedürfnisse zu (er-)kennen und diese zu bedienen. Wertversprechen und Marktrealitäten müssen in Einklang gebracht werden.

Junge Unternehmen haben den Vorteil, dass sie zu Beginn ihrer Existenz geringe Fixkosten haben (z.B. durch überschaubare Lohn- und Mietkosten). Sie können die Preise der Konkurrenz deshalb unterbieten, ohne sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Zwar kann es sein, dass das Wachstum während der Krise etwas langsamer vorangeht als zu Zeiten der Hochkonjunktur – dafür ist das Unternehmen für die Growth Phase und Zukunft solide aufgestellt. Gründern bietet sich also mehr denn je die Gelegenheit, heute schon den Grundstein für den Erfolg von morgen zu legen. Möglicherweise ist der Wettbewerb sogar kleiner, weil weniger Menschen den Mut haben, gerade jetzt ein neues Unternehmen zu gründen.

Wir hoffen, dass wir ein bisschen inspirieren und Hoffnung schenken können, vielleicht sogar dazu motivieren, zu gründen, weiterzumachen und die Chancen, die sich gerade bieten, zu ergreifen. Dazu passend endet dieser Artikel mit einem Zitat von Walt Disney: „Ich habe gehört, dass es eine Rezession geben wird. Ich habe beschlossen, nicht daran teilzunehmen.“

Über den Autor
Moritz Kelm gehört zum Dealflow and Selection Team von APX. Er ist zuständig für das Finden von innovativen und disruptiven Startups mit außerordentlichen Gründer-Teams und Unicorn Potential. APX ist ein Frühphaseninvestor und Accelerator-Programm mit Sitz in Berlin, der branchenübergreifend in Early Stage Startups in ganz Europa investiert – oft als erster Investor.  APX ist ein Joint Venture von Axel Springer und Porsche und hat seit 2018 in über 50 Unternehmen mit Gründern aus über 20 Ländern investiert.

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Foto (oben): Shutterstock