• Von Alexander Hüsing
    Dienstag, 22. Januar 2013
  • 9 Kommentare
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    “Das Worst Case-Szenario wäre, wenn unsere Domain komplett aus dem Google-Index fliegt” – Benjamin Patock von Noblego

    Der Zigarrenshop Noblego (www.noblego.de), der im Frühjahr des vergangenen Jahres an den Start ging, sieht sich derzeit verschiedenen Angriffen konfrontiert. Mit Interview mit deutsche-startups.de spricht Mit-Gründer Benjamin Patock über negative SEO- und DDoS-Attacken, […]

    Der Zigarrenshop Noblego (www.noblego.de), der im Frühjahr des vergangenen Jahres an den Start ging, sieht sich derzeit verschiedenen Angriffen konfrontiert. Mit Interview mit deutsche-startups.de spricht Mit-Gründer Benjamin Patock über negative SEO- und DDoS-Attacken, gestiegene Ausgaben sowie eine perfekte Welt.

    Noblego wird derzeit massiv angegriffen: Von negativen SEO- und DDoS-Attacken ist die Rede. Was genau ist in den vergangenen Wochen passiert?
    Wie in unserem Blogpost detailliert zu lesen ist, sind wir momentan von zwei Seiten unter Beschuss: Seit Ende des vergangenen Jahres ist unser Zigarren-Shop Noblego Ziel mehrerer negativer SEO-Kampagnen, bei denen zu Ungunsten unseres Shops Spam-Links aufgebaut wurden. Seit dem 14. Januar kamen zudem mehrere Wellen an DDoS-Attacken hinzu, die uns auch erst mal für fast zwei Tage ausknipsten. War auf jeden Fall einiges los hier.

    Was muss sich der SEO-Laie unter negativen SEO-Attacken vorstellen?
    Für die Domain Noblego.de, auf der unser Zigarren-Shop läuft, wurden von Unbekannten in den letzten Wochen massenhaft Links aufgebaut, die über ein natürliches Wachstum weit hinausgehen und zudem geografisch sehr weit verteilt sind. Und „massenhaft“ heißt wirklich massenhaft. Um das einzusortieren: Wir haben jetzt fast halb so viel verlinkende Domains wie etwa Zalando – und das binnen weniger Wochen!

    Der Google-Algorithmus, der die Bewertung der Websites vornimmt, kann ja nicht unterscheiden, wer diese Links aufgebaut hat, sondern sieht nur den unnatürlichen Anstieg. Ziel ist es hierbei, durch offensichtliche Manipulation die Domain durch Google abstrafen zu lassen oder gar aus dem Index zu schmeißen. Dann wäre sie dort nicht mehr auffindbar – was das bedeutet können sich jeder an einer Hand abzählen.

    Welchen Schaden haben die Attacken bisher verursacht?
    Der Schaden durch die DDoS-Attacke ist sehr gut zu beziffern, da wir fast zwei Tage vom Netz waren und dadurch natürlich Umsätze verloren gingen. Seit dem laufen wir mehr oder weniger stabil, obwohl die Attacken weitergehen. Allerdings rufen noch immer Kunden bei uns an, die wohl durch unsere Abwehrmaßnahmen im Moment nicht bestellen können. Da gibt es also zusätzlich eine Dunkelziffer. Dazu kommt die Tatsache, dass wir unsere IT-Ausgaben durch die Angriffe einfach mal eben vervielfachen mussten. Das sind alles Kosten, die jetzt bei uns hängen bleiben und die wir im Falle einer Verurteilung natürlich auch zivilrechtlich einfordern werden. Strafantrag ist jedenfalls schon gestellt. Die folgen des Negative SEO sind dagegen etwas schwerer zu beziffern. Bislang scheint sich der Schaden in Grenzen zu halten, wenn man auf gängige Kennzahlen schaut. Man weiß natürlich nicht, wie viel besser wir ohne den ganzen Mist dastünden, aber das ist nur Spekulation. Fakt ist aber: Es gibt bei Google immer eine gewisse Latenz, d.h. wir befürchten dass das dicke Ende eben noch kommt. Im Moment sind wir also zwischen Hoffen und Bangen.

    Was wäre das schlimmste “dicke Ende”?
    Das absolute Worst Case-Szenario wäre, wie oben beschrieben, wenn die Domain komplett aus dem Google-Index fliegt. Das wollen wir aber mal alle nicht hoffen.

    Wie kann man sich gegen solche Angriffe wehren, wie gar verhindern?
    DDoS-Attacken kann man wie gesagt durch Investition in Technik und Dienstleistungen zumindest sehr gut eindämmen. Und den Rest müsste eigentlich Google beantworten. Man sollte allerdings wissen, dass es das Thema per se in der offiziellen Google-Diktion bis vor kurzem nicht einmal gab. Jetzt formuliert man das Ganze schon etwas vorsichtiger und hat meiner Meinung nach durch die Einführung des „Disavow-Tools“ zumindest ein kleines Zeichen gegeben, dass ein Problempotenzial besteht. Allerdings ist dieses Tool ja noch so neu, dass sich viele – inklusive uns – bislang noch scheuen, es massiv einzusetzen. Vorallem was bringt es mir heute 10.000 Links entwerten zu lassen, wenn morgen 50.000 neue hinzukommen? Da müssen andere Lösungen her.

    Was für Lösungen meinen Sie?
    Gute Frage! In einer perfekten Welt würde Google das automatisch erkennen und diese Links einfach entwerten. Unsere Linkstruktur war von diesem Vorfall ja auch absolut sauber, fast schon moderat. Aber wie Google das unterscheidet? Wie gesagt: Gute Frage.

    In den Kommentaren auf ihrem Unternehmensblog wurde Ihnen vorgeworfen, dies alles sei für Noblego eine tolle PR-Aktion. Hat es sich gelohnt, dass Sie den Vorgang öffentlich gemacht haben?
    Ganz ehrlich: Sorry, aber das ist einfach eine saudumme Frage. Wie soll sich denn solch eine Aktion „lohnen“ bei dem Schaden? Klar gibt es immer komische Kommentare, wer aber nur mit einem bisschen unternehmerischen Sachverstand an die Sache heran geht, sollte doch schnell merken, dass so etwas nicht nachhaltig wäre. Deshalb haben wir diese auch veröffentlicht und nicht einfach gelöscht. Die Leute machen sich selbst doch nur lächerlich. Richtig ist, dass wir bewusst an die Öffentlichkeit gegangen sind, um auch Zeichen zu setzen: An die Täter, dass wir uns weder abschrecken noch unterkriegen lassen. An uns selbst, dass wir auf dem richtigen Weg sind, sonst würde sich wohl niemand die Mühe machen, uns zu schaden. Und auch an Google, dass es das Phänomen wirklich gibt. Als Einzelner hat man eben auch dort nicht so viel Gehör, aber wenn sich eine breitere Masse des Themas annimmt, erhoffen wir uns schnellere Reaktionen und Lösungsstrategien, von denen dann hoffentlich auch wir profitieren. Ist das nicht auch eine der coolsten Sachen am Internet? Dass wir uns vernetzen können und so eben effektiver sind? Das sollte doch jeder verstehen. Ansonsten täte ich ehrlich gesagt nichts lieber, als einfach wieder Zigarren zu verkaufen.

    Bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen: Wer könnte hinter den Attacken stecken?
    Jede Antwort hier wäre reine Spekulation. Die Einen sagen es war bestimmt die Konkurrenz, die Anderen denken eher an etwas Persönliches und Dritte vermuten Erpressung und mafiöse Strukturen. Wir hatten auch schon überlegt, ob es sinnvoll ist, eine Belohnung für Hinweise zur Ergreifung auszuloben. Mir ist es ehrlich gesagt auch egal, wer dahinter steckt. Sollte sich ein Täten identifizieren lassen, werden wir jedoch jedes legale Mittel auch zivilrechtlich bis zum Äußersten ausschöpfen.

    Zur Person
    Benjamin Patock startete im Jahr 1999 zu Beginn seines Studiums der Medienwirtschaft mit zwei Kollegen eine eigene Webagentur und arbeitete später während seines Studiums für verschiedene Firmen in Deutschland und den USA im Online-Marketing. Nach einem Master in Marketing Management an der EDHEC Business School in Frankreich, schloss er sich der internationalen Dialogmarketing-Agentur Wunderman an und betreute verschiedene Online-Accounts. 2006 ging er als Marketing Director zum frisch gegründeten Startup Hitflip.de nach Köln, bevor er nach knapp 1,5 Jahren als Director das Ressort Produktmanagement des Schwester-Marktplatzes Hitmeister.de übernahm. 2009 gründete er mit zwei Kollegen Motivado.de in Berlin, stand dem Unternehmen als Co-Geschäftsführer vor und verantwortete ebenfalls das Marketing und Produktmanagement. Im November 2011 gründete er schließlich das Genussmittel-Start-up Noblego.de und ist bis heute geschäftsführender Gesellschafter.

    Alexander Hüsing

    Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.

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