Crowdsourcing: Gut geteilt ist viel gewonnen – Gastbeitrag von Christine Weißenborn

Um sich effizienter und schlanker aufzustellen, setzen immer mehr Unternehmen auf Crowdsourcing. Statt komplexe Problemfälle selber zu lösen lagern sie diese in die digitale Crowd aus. Das Prinzip revolutioniert Arbeitsprozesse ähnlich wie einst […]

Um sich effizienter und schlanker aufzustellen, setzen immer mehr Unternehmen auf Crowdsourcing. Statt komplexe Problemfälle selber zu lösen lagern sie diese in die digitale Crowd aus. Das Prinzip revolutioniert Arbeitsprozesse ähnlich wie einst Henry Ford mit seinem Fließband – ruft allerdings auch Kritiker auf den Plan.

Es gibt digitale Aufgaben in Unternehmen, die sind so aufwendig und umfangreich, dass alleine schon der Gedanke daran jedem Manager Magenschmerzen bereiten dürfte. Vor allem, wenn dem Problem mit dem Computer nicht zu begegnen ist. AOL etwa stand im vergangenen Jahr vor einem solchen: das gigantische Video-Archiv des US-Konzerns sollte einer Inventur unterzogen und kategorisiert, verschlagwortet, ausgemistet werden. Die Zeit war knapp bemessen und der Einsatz von Software insofern keine Alternative. Zwei bis drei Freelancer wiederum, die man für das Fleißprojekt hätte anstellen können, wären vermutlich auf Jahre damit beschäftigt gewesen, sich durch die zig Millionen Webseiten zu wühlen. Warum also nicht, dachte sich Projektmanager Daniel Maloney, das riesige AOL-Archiv zerpuzzeln und Stück für Stück aufteilen: auf die Crowd, die Masse.

Gesagt getan. Crowdsourcing nennt sich das Prinzip, mittels dessen Maloney sein Problem innerhalb von nur wenigen Monaten lösen konnte. Der Begriff ist ein Neologismus, der sich aus „Crowd“ und „Outsourcing“ zusammensetzt. „Outsourcing“ ist dabei ein alter Hut und den meisten bekannt. Er bedeutet, dass Unternehmen bestehende Arbeitsprozesse auslagern, häufig in Billiglohnländer. Beim Crowdsourcing wiederum geht es darum, diese in ihre Kleinstteile zu zerlegen und an bzw.in die Crowd zu geben. Die vielen Arbeitskräfte, aus denen sie besteht, knüpfen sich dann jeweils einzeln ein solches Kleinstteil vor, bearbeiten es und werden dafür je nach Zeit und Aufwand entlohnt.

Faszinierend daran ist, dass der digitale Arbeiter für seinen Job nicht mehr braucht als einen Computer und Internetzugang, inzwischen mitunter sogar nur noch ein Smartphone, denn Crowdsourcing-Dienstleistungen werden in aller Regel online abgefragt. Er kann von überall tätig werden, vom heimischen Schreibtisch aus, im Hörsaal, beim Warten auf den nächsten Bus oder bei Cafe und Kuchen im Wohnzimmercafe. Den Unternehmen wiederum spart diese Form der Arbeitsteilung dreierlei, nämlich Zeit, Nerven und Kosten, vor allem Personalkosten.

„Crowdsourcing macht mit Arbeitsprozessen das gleiche wie Henry Ford einst mit seinem Fließband – nur digital“, sagt Christian Vennemann, Geschäftsführer von CrowdGuru (www.crowdguru.de). Das Start-up sitzt in Berlin Kreuzberg und koordiniert über die firmeneigene Webseite mit nur ein paar Festangestellten tausende sogenannter Gurus, die für Unternehmen vor allem aus dem Bereich Handel jene Aufgaben ausführen, die sich mittels Computer nicht erledigen lassen. So müssen Adressverzeichnisse sowie Webseiten aktualisiert und Suchwörter verschlagwortet werden. Es gilt SEO-Texte und vor allem im Online-Handel abertausende von Produktbeschreibungen zu erstellen. „Wir schaffen innerhalb weniger Tage das, was vorher Monate gedauert hat“, sagt Vennemann. „Natürlich zu deutlich geringeren Kosten, denn die Arbeitsverteilung ist ja eine ganz andere.“ Panagiotis G. Opeirotis, Wissenschaftler an der Stern Business School in New York, spezifizierte das gegenüber dem Wallstreet Journal kürzlich: Er halte Crowdsourcing für nur halb so teuer wie traditionelle Maßnahmen, sagte er.

Ein Rechenbeispiel gefällig? Bei WorkHub (www.workhub.com), einem frisch gestarteten Start-up, ebenfalls in der Gründerhochburg Berlin, erhalten die Arbeiter nach Angaben der Online-Seite netzwertig.org für jeden abgearbeiteten Job eine je nach Umfang variierende Anzahl an WorkHub Credits (1 Credit = 0,01 Euro). Eine Tätigkeit, die etwa eine Minute dauert, bringt beispielsweise 15 Credits. Die Mini-Aufgaben, die die Anwender dafür erfüllen müssen, lassen sich mithilfe einer mobilen Browser-App per Smartphone in der Bahn, im Wartezimmer oder in sonstigen unfreiwillig auftretenden Pausen erledigen. Sie reichen vom Korrigieren von Texten über das Beschreiben von Bildinhalten, Verschriftlichen von Audiodateien bis hin zum Zählen von Objekten. Einzeln sind die Aufgaben simpel – in Summe aber stellen sie ein komplexes und teures Problem dar – wie jenes, mit dem AOL sich konfrontiert sah.

Das US-Unternehmen hat für das Update seines Video-Archivs Amazon Mechanical Turk mit ins Boot geholt, einer der vielen Dienstleister, die in den vergangenen Jahren aus dem Boden geschossen sind, um Crowdsourcing-Aufträge zu vermitteln – und deren Gewinne in 2011 nach Angaben des Branchendiensts Crowdsourcing.org um 74 Prozent gewachsen sind. Drei neue Crowdsourcing- oder Crowdfunding-Seiten gehen der Seite zufolge jede Woche an den Start. Aber auch in der Old Economy, bei Großkonzernen und im öffentlichen Sektor, habe das Interesse an dem Thema und die Nutzung von crowdsourcing signifikant zugenommen, insbesondere im politischen und Hightech-Bereich je um 17 Prozent und im Konsumgüterbereich um 14 Prozent.

Bei Amazon Mechanical Turk sind inzwischen über 500.000 Nutzer aus 190 verschiedenen Ländern angemeldet. Die kleinsten Aufgaben, die sie erledigen, nehmen nur einige Sekunden in Anspruch und bringen wie auch bei WorkHub nur einige Cent. Umfangreichere Schreibarbeiten oder Texte, die übersetzt werden müssen, spülen dafür deutlich mehr Geld in die Kasse. Inzwischen gibt es auch immer mehr Aufgaben, etwa das Testen von Software, was in Deutschland Unternehmen wie testcloud (www.testcloud.de) via crowdsourcing durchführen, die nur von hochqualifizierten Kräften ausgeführt und inzwischen sehr gut vergütet werden– denn lange Zeit galt Crowdsourcing als ein ausschließlich niederen Arbeiten vorbehaltenes Prinzip.

Victoria Caro-Wiegand, 25, etwa arbeitet seit August letzten Jahres für diverse Dienstleister, unter anderem Crowdguru. „Wenn ich nicht schlafen kann, könnte ich theoretisch auch mitten in der Nacht Geld verdienen“, sagt die Mutter von drei Kindern. Besonders für Frauen in ihrer Situation, die zeitlich und räumlich wenig flexibel sind, sei die freie Zeiteinteilung ideal.“ Auch Claudia Fischer, gelernte Buchhalterin, ist in der Crowd tätig. In einem kritischen Alter verlor sie ihren Job – krisenbedingt. Anschließend schrieb sie „unendlich viele Bewerbungen“ wie sie sagt. Irgendwann landete sie bei einer Zeitarbeitsfirma. Glücklich war sie dort nicht, die Wertschätzung ihrer Arbeitskraft genauso niedrig wie ihr Gehalt. Heute würde sie die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten, nicht mehr eintauschen wollen. „Jetzt entscheide ich wann und wie viel ich arbeite”, sagt die 57-Jährige, die für expertcloud.de (www.expertcloud.de), ein virtuelles Callcenter, als Agentin in Heimarbeit arbeitet. „Und wenn ich möchte“, so Fischer, setze ich mich in der Jogginghose an den Schreibtisch.“

Diese Entwicklung schmeckt natürlich nicht jedem. Denn wie das mit neuen Trends immer so ist: sie wecken Ängste. Viele Unternehmer scheuen Crowdsourcing noch, weil sie nicht wissen, wer genau an dem Projekt arbeitet, ob die Vorstadt-Hausfrau oder jemand aus einem Flüchtlingscamp in einem Dritte-Welt-Land. Kritiker haben deshalb im Zuge des aufkommenden „Job-Wunders“ ihre Besorgnis dahingehend geäußert, dass Crowdsourcing als neue Form der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme rund um den Globus neue, digitale Arbeitslager entstehen lassen könnte, in denen im schlimmsten Falle Minderjährige im Akkordtempo und zu Hungerlöhnen malochen. Auch gibt es Studien, die davon ausgehen, dass etwa 40 Prozent der Arbeitskräfte auf der Seite des Branchenstars Mechanical Turk Spam anstelle von qualifizierten Arbeitsergebnissen produzieren. Wie das Wallstreet Journal berichtet weist Amazon die Ergebnisse dieser Studie aber weit von sich und betont, aggressiv gegen Spammer vorzugehen.

Trotzdem werden gerade die Themen Qualität und faire Bezahlung heiß disskutiert. Kann crowdsourcing beides gewährleisten?

Jan Hendrik Ansink, Geschäftsführer bei expertcloud.de, ist davon überzeugt, weiß aber auch, dass es in der schnell wachsenden Branche ähnlich wie in der der Zeitarbeit schwarze Schafe gibt. Er hat für expertcloud.de wie inzwischen viele andere Unternehmen auch, verschiedene Tests eingebaut, mittels derer die Zuverlässigkeit der Web-Arbeiter überwacht werden soll. Um überhaupt Teil der Crowd zu werden muss ein solcher absolviert werden, für jeden einzelnen Auftrag ein weiterer und stichprobenartig untersucht Ansink auch die Ergebnisse des Einzelnen, indem er manuelle Qualitätsproben nimmt. Außerdem setzt er verstärkt neue Technologien ein, um die Qualitätskontrolle zu systematisieren und auf Supervisoren, die Abweichungen nachgehen.

Zum einen weiß Ansink dann sehr genau wer und zum anderen wie dieser für ihn arbeitet. „Man muss die Masse individualisieren und in der Lage sein, Arbeitsleistung bewerten und entsprechend entlohnen zu können“, sagt er. Nur so sei es möglich, Qualität sicherzustellen, Talente zu erkennen, diese zu fördern und Crowdsourcing langfristig als neue Form von Arbeit zu etablieren. Wenn dies gelingt, dann, so ist er sich sicher, werden auch die kritischen Stimmen verstummen.

Zur Person
Christine Weißenborn ist freiberufliche Journalistin für Print/Online/Radio – und interessiert sich für alles rund um die Themen „Entrepreneurship“ und „Crowdsourcing“. Nach einem Studium der Kulturwirtschaft in Passau und Chile, Stationen unter anderem beim ZDF, dem Tagesspiegel, der Zeit und einem Volontariat bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, schrieb sie mehrere Jahre über Handels- und Konsumgüterthemen für das Handelsblatt.

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