iPad & Co.: Warum Tablet-PCs gerade Start-ups spannende Zukunftsperspektiven bieten

Was waren Apple-Jünger anfangs enttäuscht: Weder eine Kamera noch einen USB-Port geschweige denn einen erweiterbaren Speicher hatte Steve Jobs seiner angeblich wichtigsten Erfindung – dem Apple iPad – spendiert. Bereits kurz nach der […]
iPad & Co.: Warum Tablet-PCs gerade Start-ups spannende Zukunftsperspektiven bieten

Was waren Apple-Jünger anfangs enttäuscht: Weder eine Kamera noch einen USB-Port geschweige denn einen erweiterbaren Speicher hatte Steve Jobs seiner angeblich wichtigsten Erfindung – dem Apple iPad – spendiert. Bereits kurz nach der iPad-Präsentation Ende Januar diskutierte die Netz-Gemeinde daher schon nicht mehr darüber, wie wichtig das iPad als Vertriebsplattform für Online-Publisher und Shopbetreiber in Zukunft werden könnte. Sondern nannte nur noch Gründe dafür, warum das iPad letztlich floppen wird. Doch von einem Misserfolg ist inzwischen keine Rede mehr.

iPad_Pressefoto-Apple

Mehr als drei Millionen Exemplare seines iPads hat Apple allein in den ersten drei Monaten seit dem Verkaufsstart im April 2010 weltweit losgeschlagen. Damit wandern inzwischen stolze 26 iPads pro Minute über die (virtuellen) Ladentheken. Ein Verkaufserfolg, denn Apple vor allem mit cleverem Marketing und vergleichsweise günstigen Produktpreisen erreicht hat. So war bereits der Verkaufsstart in den USA eine Inszenierung erster Güte (siehe Video). Und mit Preisen ab 500 Euro ist das iPad auch für diejenigen Verbraucher interessant, die teuren Apple-Produkten bislang wenig abgewinnen konnten. Über fehlende USB-Ports jedenfalls klagt heute niemand mehr. „Die Leute lieben das iPad je mehr es Teil ihres Alltags wird“, berichtet Apple-Boss Steve Jobs.

„Die Leute lieben das iPad je mehr es Teil ihres Alltags wird“

Der Kassenschlager iPad jedenfalls verdeutlicht: Mit der Geräteklasse der Tablet-PCs ist künftig verstärkt zu rechnen. Das zeigt auch eine Prognose vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM), laut der Anbieter von Tablet-PCs allein 2010 in Deutschland bereits rund 500.000 Touchscreen-Devices verkaufen werden. Das ist zwar nach wie vor wenig im Vergleich zum klassischen PC-Geschäft, da deutsche Konsumenten im vergangenen Jahr mehr als 13 Millionen Desktop-Rechner gekauft haben.

Wenn nun Verbraucher aber tatsächlich in diesem Jahr rund 500.000 Tablet-PCs bis Jahresende in Deutschland kaufen, dann erreicht der Tablet-Markt bereits 2010 ein Volumen von 300 Millionen Euro und wächst damit im Jahresvergleich um den Faktor 25. Denn 2009 wurden hierzulande erst 20.000 Tablet-PCs veräußert. Vor diesem Hintergrund lässt sich also durchaus nachvollziehen, warum etwa US-Marktforscher wie Forrester Research bereits heute davon ausgehen, dass Konsumenten schon in fünf Jahren mehr Tablet-PCs nutzen werden als Netbooks.

Um Internetnutzer aber auf Tablet-PCs adäquat anzusprechen, müssen sich Online-Publisher und Shopbetreiber etwas einfallen lassen. Funktionieren auf diesen Endgeräten doch klassische Online-Angebote und Verkaufsansätze nicht zwangsläufig, nur weil sie bislang auf Desktop-Rechnern oder Notebooks den Erwartungen der Nutzer entsprechen. Zu diesem Fazit kommt jedenfalls die Studie „Couch Potatoe 2.0“ vom Kölner Marktforschungsinstitut Phaydon.

Couch Potatoe 2.0: iPad ist ein Lean-Back-Medium zum Sofa-Surfen

In persönlichen Interviews hatte Phaydon Anfang April 18 Teilnehmer zwischen 20 bis 65 Jahren bei der Nutzung des iPads beobachtet und befragt. Eines der zentrale Ergebnisse ist demnach, dass Nutzer den Tablet-PC aus Cupertino vor allem als Freizeit-Gerät sehen: beispielsweise um zu Hause nach Feierabend entspannt auf dem Sofa zu lümmeln und bequem per Touchscreen im Internet zu surfen. Das Spannende daran für Content-Anbieter ist: Online-Publisher oder Shopbetreiber können ihre Zielgruppe dank dem iPad nun auf einmal auch zu Zeiten erreichen, wo deren Aufmerksamkeit bislang vielleicht ausschließlich dem abendlichen Fernseh-Programm galt. Denn nur die wenigsten Verbraucher schnappen sich Notebook oder Netbook, um abends auf dem Sofa noch ein wenig im Web zu surfen. Gerade Verlagshäuser hoffen daher darauf, mit kostenpflichtigen Anwendungen und Paid Content für das iPad ihr bislang defizitäres Online-Geschäft langfristig sanieren zu können.

iPad-App-iKiosk-von-Axel-Sp

Als einer der ersten deutschen Publisher hat der Axel-Springer-Verlag zum Launch des iPad eine eigene Anwendung vorgestellt. In der so genannten iKiosk-App können iPad-Nutzer momentan PDF-Ausgaben der Zeitungen „Die Welt“, „Welt Kompakt“ sowie der „Welt am Sonntag“ abrufen. Während allerdings das Online-Angebot der Welt allen Nutzern kostenfrei zur Verfügung stehen, hält der Springer-Verlag auf dem iPad die Hand auf. Gleich 1,59 Euro pro Ausgabe oder 29,99 Euro im Monat sollen Leser etwa für „Die Welt“ auf dem iPad zahlen. Wobei die Inhalte aktuell in einer „einmaligen Einführungsphase“ noch kostenlos verfügbar sind.

Fraglich aber, ob Verbraucher in der breiten Masse überhaupt einmal 30 Euro für PDF-Ausgaben von Tageszeitungen ausgeben werden. Schließlich haben Nutzer über den Safari-Browser auch auf dem iPad jederzeit Zugriff auf zahlreiche Websites, die Nachrichten in ähnlicher Form kostenlos anbieten. Dass Steve Jobs mit dem iPad die Verlagsindustrie rettet, kann man daher nicht so stehen lassen. Selbst wenn sich Springer-Chef Matthias Döpfner das eindringlich wünscht.

Verlage auf dem iPad: Paid Content funktioniert auch künftig kaum

Paid Content dürfte auf dem iPad nur dann funktionieren, wenn es die Inhalte nicht an anderer Stelle umsonst gibt. Bessere Chancen haben daher Anbieter von eBooks, die Nutzer an PC oder Netbook einfach nicht entspannt lesen können. „Das Lesen von Büchern erfährt durch das iPad eine neue Qualität, die überrascht und begeistert“, berichtet Daniel Schmeißer, Gründer vom Kölner Marktforschungsinstitut Phaydon, von seinen Studienergebnissen. „Der virtuelle Buchshop von Apple (“iBooks”) besticht durch eine positive User Experience und macht daher das Lesen längerer Texte auf elektronischen Geräten auch im privaten Kontext für Nutzer erstmals wirklich attraktiv.“

Attraktive Umsatzperspektiven ergeben sich auf Tablet-PCs aber nicht nur für Buchverlage, sondern auch für Online-Händler. Schließlich können nun auch Shopbetreiber nach Feierabend auf dem iPad an ihre Zielgruppe verkaufen. Um Internetnutzer aber in einer entspannten Lean-Back-Atmosphäre emotional anzusprechen, sind andere Verkaufsansätze als im stationären Internet gefragt: auch wenn sich natürlich klassische Online-Shopping-Angebote auf dem iPad prinzipiell darstellen lassen. Nur gehen klassische Shop-Frontends mit Produktlisten und Suchfunktion etwas am iPad-Bedarf vorbei.

Online-Händler erwirtschaften immer mehr Umsatz über Tablet-PCs

„Suchaufträge mache ich immer noch am Schreibtisch“, berichtet Stephan Uhrenbacher, Gründer vom Bewertungsportal Qype (www.qype.de), von seinen ersten iPad-Erfahrungen. „Wenn ich weiß, was ich will, dann wird das schnell vom Schreibtisch aus erledigt“, erzählt er. „Aber wenn stöbern will, ähnlich wie früher im Versandhauskatalog, dann nehme ich das iPad.“ Es kommt daher nicht von ungefähr, dass erste Online-Händler wie GAP (www.gap.com) ihre Kundschaft auf dem iPad vor allem über audiovisuelle Inhalte zu Einkäufen inspirieren wollen (siehe Video). Nutzer können sich daher durch eine Nutzeroberfläche klicken, die mit einem klassischen Shop-Frontend nur noch wenig gemein hat. Ähnlich aufgebaut ist auch die iPad-App von La Redoute (www.laredoute.com).

Gerade für hungrige Start-Ups aus dem E-Commerce-Segment ist das iPad daher eine interessante Spielwiese, um neue (audiovisuelle) und vielleicht auch spielerische Verkaufsansätze zu erproben. Ob der Online-Handel allerdings über Tablet-PCs prinzipiell mehr Umsatz erwirtschaften kann, sei einmal dahingestellt. So ist es zwar wahrscheinlich, dass Händler mit der richtigen Ansprache auf dem iPad schnell nennenswerte Umsätze erzielen können. Doch manche Händler werden damit unter Umständen auch ihr klassisches Online-Geschäft kannibalisieren. Qype-Gründer Uhrenbacher etwa geht davon aus, dass die Internetnutzung langfristig immer weniger auf stationären Desktop-Rechnern stattfindet und sich stattdessen auf Tablet-PCS verlagert (siehe Grafik).

iPad-Effect-nach-Stephan-Uh

Wer dieses Mediennutzungsverhalten selbst einmal beobachten will, kommt an einem iPad nicht vorbei. Im Online-Store von Apple müssen Interessenten aber nach wie vor mit bis zu zehn Tagen Wartezeit rechnen. Obwohl dem iPad sowohl eine Kamera als auch ein USB-Anschluss fehlt.