Von Malte Prien
Freitag, 21. September 2012

Disruptive Healthcare – Wer pflegt den Pflegemarkt mit guten Lösungen und Ideen?

Beim Kinderlied “Wir werden immer größer” werden sicherlich beim ein oder anderem Erinnerungen wach. Es stammt von Volker Ludwig, dem (Unternehmens-)Gründer des Grips-Theaters und Texter dieses Kinderliedes. Es beschreibt einen Teil der Kinder- und Jugendkultur in den 1980er Jahren. “Wir werden immer älter” würde es heute treffender heißen, denn seit den 1980ern veränderte sich die Altersstruktur in Deutschland:

1980:
6 % = unter 6 Jahre
12 % = 6-15 Jahre
16 % = 15-25 Jahre
28 % = 25-45 Jahre
22 % = 45-65 Jahre
16 % = über 65 Jahre

2010:
5 % = unter 6 Jahre
8 % = 6-15 Jahre
11 % = 15-25 Jahre
26 % = 25-45 Jahre
29 % = 45-65 Jahre
21 % = über 65 Jahre

Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt und hier findet sich eine grafische Darstellung und hier eine Tabelle der Entwicklung von 1980 bis 2010.

Die Veränderung ist Teil des demographischen Wandels, der zu einer Umkehrung der Alterspyramide und damit zur Herausforderung im Umgang mit dem Bedarf und den Anforderungen einer zunehmend älteren Gesellschaft führt. Dies betrifft im Gesundheitsbereich vor allem den Pflegemarkt.

Pflegemarkt Heute

Auf Basis der Klassifikation der Wirtschaftszweige stehen vom Statistischen Bundesamt für die Beschreibung des Pflegemarktes folgende Zahlen für das Jahr 2009 zur Verfügung:

46.974 Unternehmen
1.405.086 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte
ca. 13,592 Milliarden Euro Umsatz

Eine Tabelle mit den vom Statistischen Bundesamt zur Verfügung gestellten Zahlen findet sich hier.

Für das Jahr 2011 liefert Prof. Dr. Dominik Enste als Autor der Kurzstudie „Pflegewirtschaft 2011: Wertschöpfung, Beschäftigung und fiskalische Effekte“ u.a. folgende Zahlen:

Pflegebedürftige = 2,5 Millionen Personen
Beschäftigte = 970.000 Personen
Vollzeitäquivalente = 680.000 Personen
Umsatzvolumen = 33,0 Milliarden Euro

Pflegemarkt Zukunft

Professor Enste prognostiziert für den Pflegemarkt ein Umsatzvolumen in

2020 von ca. 45 Milliarden Euro
2030 von ca. 62 Milliarden Euro
2040 von ca. 70 Milliarden Euro
2050 von ca. 86 Milliarden Euro

Pflegemarkt Trends

Neben dem demographischen Wandel (Veränderung der Bevölkerungsstruktur, geringe Geburtenrate, andere Sozialstrukturen usw.), einer steigenden Frauenerwerbstätigkeit, beruflicher Mobilität und Professionalisierung der Pflege sieht der Autor auch

  • eine zunehmende Bedeutung der ambulanten Pflege:
    Die Versorgung durch Angehörige wird abnehmen und der Bedarf an ambulanter Versorgung wird zunehmen.
  • und ein begrenztes Arbeitskräftepotential:
    Es wird eine Fachkräftelücke von bis zu 200.000 Fachkräften innerhalb der nächsten 15 Jahre erwartet.

Die zunehmende Bedeutung der ambulanten Pflege und den Fachkräftemangel bestätigt die „BMBF-Onlineumfrage zur assistierten Pflege von morgen, Mai 2011, Bonn“. In dieser sehen über 80% der Befragten eine zentrale Herausforderung für die Pflegebranche für morgen und eine bedeutende Zunahme der ambulanten Pflege.

Die Onlineumfrage kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass Kostendruck in Zukunft ebenfalls eine wichtige und zentrale Rolle in der Pflege spielen wird. Das Thema Kostendruck wird in der Kurzstudie von Professor Enste nicht zentral behandelt und nur davor gewarnt: ein Anstieg der Beiträge zur Pflegeversicherung auf bis zu fünf Prozent bis zum Jahr 2050 lässt sich nur durch Innovationen verhindern.

Kostendruck ist Zeitdruck

Der Deutsche Bundesverband für Pflegeberufe (DBfK) sieht durch den bereits jetzt schon vorherrschenden Kostendruck eine massive Arbeitsverdichtung im Pflegebereich der Krankenhäuser, die wiederrum zu erhöhtem Zeitdruck und Stress der Pflegekräfte führt. Die Belastungen in der Pflege führen zu einer fast doppelt so hohen Frühberentungsquote wie der Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Das ist vergleichbar mit der Prognose zur Verweildauer im Beruf der Bergleute.

Die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) schreibt in ihrer Handlungshilfe für die Pflegepraxis „Zeitdruck in der Pflege“, das 80% der Pflegekräfte den Zeitdruck als Hauptbelastungsfaktor in der Pflegearbeit sehen. Verstärkend wirkt neben der geringen Personaldecke auch die Notwendigkeit der Dokumentation des Pflegeablaufes.

Um eine Vorstellung für den Zeitdruck in der Pflege zu bekommen, hier ein paar Orientierungswerte zur Pflegezeitbemessung auf Basis der Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes zur Begutachtung von Pflegebedürftigkeit nach dem XI. Buch des Sozialgesetzbuches bei einer vollständigen Übernahme der Pflege eines Pflegebedürftigen durch eine Laienpflegekraft:

  • Körperpflege > Kämmen > 1 bis 3 Minuten
  • Körperpflege > Darm und Blasenentleerung > Wasserlassen 2 bis 3 Minuten
  • Körperpflege > Darm und Blasenentleerung > Stuhlgang 3 bis 6 Minuten
  • Ernährung > Aufnahme der Nahrung > 15 bis 20 Minuten für höchstens drei Hauptmahlzeiten

Lösungen und neue Probleme in Sicht

Auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress Gesundheit wurden Ansätze vorgestellt, wie die bestehenden Probleme im Pflegemarkt gelöst werden könnten. Die Vorträge des Gesundheitskongresses bilden die Arbeitsgrundlage für die nachfolgenden zwei Beispiele.

Projekt „Therapie von Patienten mit insulinpflichtigem Diabetes mellitus Typ 2 in den Pflegeheimen“

Dr. Sabine Meinhold stellte in ihrem Vortrag „Diabetesversorgung und Geriatrie unter Berücksichtigung der Aktivitäten im HaffNet im Bereich Versorgung geriatrischer Diabetiker und der AOK-Pflegeheim-Verträge“ ein Projekt vor, in dem erstens lang wirksame Insuline getestet wurden und zweitens die Abstimmung zwischen Ärzten und Pflegekräften zur Versorgung insulinpflichtiger Diabetiker verbessert werden sollte.

Sabine Meinhold ist Mitglied des Vorstandes der HaffNet GbR „Ärtzenetz“ im Landkreis Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern, dass 2001 mit dem Ziel gegründet wurde, erstens die Qualität und Wirtschaftlichkeit in der medizinischen Versorgung zu erhöhen und zweitens die Vernetzung der Beteiligten in der medizinischen Versorgung (Patienten, Ärzte, Pfleger, Schwestern, Apotheker, Angehörige usw.) untereinander zu verbessern.

Gerade Mecklenburg-Vorpommern (MVP) ist ein schönes Beispiel für eine weitere wichtige und zukünftige Herausforderung der Pflege: Urbanisierung und Landflucht. Denn MVP altert und vergreist. Die Bevölkerungszahl hat seit 1986 um 333 Tausend Menschen abgenommen und mittlerweile sind über 40% der Einwohner über 50 Jahre alt. MVP umfasst eine Fläche von ca. 23.180 Quadratkilometern (qkm), was einer Bevölkerungsdichte von 71 Einwohnern pro qkm entspricht. Die zunehmende Alterung der MVP-Bevölkerung und die geringe Bevölkerungsdichte führen zu einer zusätzlichen Beanspruchung der Pflege alleine durch An- und Abfahrtswege.

Für MVP wird mit einer Zunahme der altersassozierten Erkrankungen gerechnet:

Steigerung Hypertonie Fälle von ca. 5,7 % (ca.  35.285 Fälle)
Steigerung Diabetes Fälle von ca. 20,5 % (ca. 24.212 Fälle)
Steigerung Myokardinfarkt Fälle von ca. 27 % (ca. 11.078 Fälle)
Steigerung Schlaganfall Fälle von 17,1 % (ca. 5.373 Fälle)
Steigerung Osteoporose Fälle von 19,1 % (ca. 12.714 Fälle)
Steigerung Demenz Fälle von ca. 85,6 % (ca. 16.504 Fälle)

Mit dem vorgestellten Projekt sollte nun u.a. geprüft werden, in wie weit in der stationären Pflege der Ablauf optimiert und Zeit eingespart werden kann. Das Projekt führte zu dem Ergebnis, dass pro Monat durchschnittlich ca. 60 Stunden eingespart und so für andere Tätigkeiten genutzt werden könnten.

Evocura „Vernetzung und Einsatz mobiler Endgeräte in der stationären Pflege“

Der Einsatz moderner Informationstechnologie in der Pflege kann ebenfalls zu einer Zeitersparnis führen. Christoph Meyer-Delpho von T-Systems International sprach in seinem Vortrag „Unterstützung neuer Versorgungsformen am Beispiel der Palliativversorgung“ von einer Zeitersparnis von bis zu 15% durch Touchscreen-Geräte und von bis zu 30% durch mobile Endgeräte.

Diese Aussage unterstützt Michael Krauß, Geschäftsführer und Mitgründer der Evocura GmbH in seinem Vortrag „Das Ende der Unsicherheit – Evolution der Pflege durch EDV“. Die Zeitersparnis sei zwei grundsätzlich richtig, doch noch viel wichtiger erscheinen Michael Krauß die Aspekte der Vernetzung aller Beteiligten und eine lückenlose und unmittelbare Dokumentation des Pflegeablaufs. Werden beide Aspekte intelligent gelöst, bietet dies wiederum Potential zur Zeitersparnis und Kostensenkung.

Für die Sicherstellung der Qualität ist eine gesetzliche Fachkräftequote von 50 % vorgeschrieben. D.h., das in stationären Einrichtungen mindestens 50 % der Pflegestellen mit Pflegefachkräften besetzt werden müssen. Die restlichen 50 % können mit Pflegehilfskräften besetzt werden. Pflegefachkräfte sind teuer und bereits heute schwer zu finden. Eine Verbesserung der Kommunikation und Vernetzung der Beteiligten im Pflegeablauf schafft den Vorteil einer Verbesserung der Informationsversorgung und der Koordination untereinander. D.h. eine Pflegefachkraft wäre mit Hilfe moderner EDV, in der Lage mehr Pflegehilfskräfte zu steuern und zu koordinieren. Die gesetzliche Fachkräftequote könnte somit gesenkt werden.

Für die Sicherstellung der Qualität und damit auch die Überprüfbarkeit und Bewertung der Pflegequalität ist eine unmittelbare und lückenlose Dokumentation notwendig. Der klassische Pflegeablauf ist dadurch gekennzeichnet, dass das Pflegepersonal erst zum Schichtende den Pflegeablauf (aus dem Gedächtnis) aufschreibt und festhält. Dies führt dazu, dass vor allem zeitkritische Informationen nicht rechtzeitig vorliegen und dass eine unzureichende Dokumentation möglicherweise einer spontanen, unangekündigten Überprüfung durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) schwer standhält.

Ambulante Pflege

Die beiden genannten Beispiel HaffNet und Evocura beziehen sich auf den stationären Pflegebereich. Wie die Kurzstudie „Pflegewirtschaft 2011: Wertschöpfung, Beschäftigung und fiskalische Effekte“ und die „BMBF-Onlineumfrage zur assistierten Pflege von morgen, Mai 2011, Bonn“ zeigten, wird die ambulante Pflege in Zukunft zunehmen. Insbesondere vor dem Hintergrund einer Vergreisung ländlicher Gebiete sind zusätzliche Herausforderungen zu erwarten.

Die Pflege ist und wird ein zentrales Thema der Gesundheitsversorgung bleiben. Vor dem Hintergrund der Problemstellungen und Entwicklungen sind Unternehmer gefragt, die diesen Markt mit schlauen und sinnvollen Lösungen pflegen.

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