Gründerinnen. “Die Deutschen analysieren zu viel” – Daria Saharova von Bellegs

Vielleicht zeigt sich die Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern vor allem im Einkaufsverhalten. Eine Überzeugung, die Daria Saharova teilt. Die gebürtige Lettin betreibt mit Bellegs (www.bellegs.de) einen Online-Shop für edle Strumpfwaren. Dort gibt es das leicht zerreißbare Kleidungsstück auf Wunsch auch im Abonnement. Bei dem rein auf Frauen ausgerichteten Shop geht es aber längst nicht nur um die Pragmatik eines Abo-Modells. Stattdessen spielen Ästhetik, Verpackung und Emotionalität eine große Rolle. „Frauen kaufen eben anders“, ist Saharova überzeugt – und wünscht sich, dass in Deutschland noch mehr Menschen den Sprung ins Gründertum wagen würden.

Am Anfang von Bellegs stand für Saharova die Frage, warum es Blacksox (www.blacksocks.com) eigentlich nicht für Frauen gibt. Das Schweizer Unternehmen ist die männliche Entsprechung zu Bellegs, über den Online-Shop bekommen Männer regelmäßig und schon seit 1999 Care-Pakete mit Socken zugeschickt – um „die Welt Schritt für Schritt von Socken-Sorgen zu befreien“, wie es auf der Webseite heißt. Für Saharova hat das Thema noch eine besondere Brisanz: „Ich kleide mich gerne weiblich, trage oft Röcke und Feinstrüpfe. Egal wie hochwertig diese sind: Sie gehen einfach öfters kaputt und das ständige Nachkaufen ist nervig.“ Deshalb hat sie einen Online-Strumpfshop gegründet, in dem es die begehrte Beinbekleidung sowohl als Einzelexemplare als auch im Abo gibt. Weil Einkaufen für Frauen ein „sehr emotionales Thema“ ist, finden sich bei Bellegs ästhetische Produktbilder mit Vergrößerungsfunktion und ausschließlich hochwertige, italienische Waren. Auch auf hübsche Verpackung wird viel Wert gelegt. Dafür bezahlt die Zielgruppe dann auch gerne mehr als 1,99 Euro pro Feinstrumpfhose.

Saharova erinnert sich noch genau an den Tag im Frühjahr 2011, als sie mit Bellegs live ging und die ersten Bestellungen eintrudelten. „Das waren natürlich alles Leute aus dem Familien- und Freundeskreis, aber es war trotzdem toll“, freut sich die 28-Jährige. Noch heute ist sie über jedes persönliche Feedback glücklich, das bei ihr eintrifft. „E-Commerce hat viel mit Analytik zu tun, man kann vieles ganz genau planen und so einen für den User optimierten Shop bauen. Aber am Ende, wenn das Produkt nicht stimmt und die Kunden nicht zufrieden sind, bringt das alles nichts.“

Die in Riga aufgewachsene Unternehmerin strebte eigentlich eine Tänzerkarriere an, so wie ihre Mutter, die als professionelle Ballett-Tänzerin und Choreographin ihre Tochter quasi im Theater großzog. Doch dann erlebte Saharova, wie ihre Mutter eine Tanzschule eröffnete und sich plötzlich in viele neue Dinge einarbeiten musste, von denen sie keine Ahnung hatte. „Das fand ich spannend, außerdem wollte ich meiner Mutter gerne helfen und das nötige Werkzeug selbst kennen lernen – also habe ich BWL studiert.“

Von der Ballett-Karriere zum Investment-Banking

Das Studium führte sie nach München und später ins Investmentbanking, unter anderem bei Holtzbrinck Ventures. Während dieser Jahre habe sie Analysieren gelernt und den Umgang mit Männern. Ein sehr kompetatives Umfeld, erinnert sie sich. Manches davon spürt sie auch heute im Gründertum: „Es gibt keine Verschwörungstheorien gegen Frauen, aber egal ob als Gründerin bei Investorengesprächen oder im täglichen Büroalltag: Im ersten Moment ist das Vertrauen in Frauen oft geringer als in Männer. Das ändert sich dann aber zum Glück meist schnell.“

Das perfekte Gründungsteam bestehe eigentlich aus Männern und Frauen, findet sie, da die Geschlechter schon recht unterschiedlich an die Sache herangingen. Frauen etwas emotionaler und mit einem stärkeren Fokus auf die Mitarbeitermotivation, Männer mit etwas mehr Druck. „Am Ende zählt das Ergebnis und das wird von beiden Seiten gleich gut erzielt – die Wege sind nur unterschiedlich.“ Eines jedenfalls will Saharova nicht: selbst in eine Männerrolle schlüpfen. Mehr Frauen-Power im E-Commerce-Bereich wäre wünschenswert, aber auch generell könnte Deutschland noch mehr Gründertum vertragen. „Die Deutschen sind im Vorfeld zu gründlich, analysieren zu viel. Analyse ist wichtig, aber irgendwann muss man halt auch springen und es einfach tun – das Schlimmste, das passieren kann, ist doch nur dass es nicht klappt! Der Lerneffekt ist dabei besser als jedes MBA.“ Aber die Probleme seien auch auf Investorenseite vorhanden: „In ganz Deutschland wird so viel investiert wie in so mach einer Stadt in den USA!“ Bellegs selbst ist bisher eigenfinanziert. Nun muss sich zeigen, ob tatsächlich so viele berufstätige Frauen vom Strumpfhosen-Kauf genervt sind wie Saharova – auf jeden Fall ist Abo-Commerce ein aktueller Trend und in diesen passt Bellegs perfekt hinein.

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