M&A-Trends im Internet – Gastbeitrag von Mark Miller (CatCap)

Nicht nur für die Venture Capital-finanzierten Start-ups ist der Verkauf ihres Unternehmens die Königsdisziplin. Der Wert, der in Jahren, manchmal auch nur Monaten, aufgebaut wird, kann mit dem Exit realisiert werden – siehe auch “Exitklauseln – die wichtigsten Regelungen, die jeder Gründer kennen sollte“. Die meisten können danach von der Droge Unternehmertum nicht lassen und gründen wieder – und wieder oder multiplizieren gleich ihre Erfahrungen, in dem sie mit eigenem und fremdem Geld Venture Capital-Geber oder Inkubator werden.

Besonders beliebt ist bei den „Infizierten“ der Internetmarkt, auf welchen daher immer mehr Unternehmen strömen, die besser früher als später wieder verkauft werden wollen. Vor diesem Hintergrund soll einmal aus der Vogelperspektive analysiert werden, was bei M&A im Internetsegment derzeit geht und welche Trends auf uns zukommen.

Deutsches Internet-Transaktionsgeschehen auf Rekordniveau

Eine positive Grundstimmung im Wirtschaftsumfeld hat, trotz Euro-Krise, die M&A-Aktivitäten in der deutschen Internet-Industrie im vergangenen Jahr auf ein Rekordhoch ansteigen lassen. Dieser positive Trend ist auch im europäischen „Silicon Valley“ Berlin spürbar, das mit seinem Spirit und seiner zunehmenden Reife immer mehr ausländische Unternehmen und Investoren anzieht.

Wir von CatCap haben nachgezählt und kamen 2011 auf 350 Transaktionen, bei denen eine Beteiligung an einem deutschen Internet-Unternehmen erfolgte, eindrucksvolle 37 % mehr als im Jahr davor. Der Nachschub läuft auf Hochtouren, gut 60 % der Transaktionen waren Finanzierungsrunden.

Steigende Nachfrage führt zu höheren Bewertungen

Nicht nur die Gesamtanzahl an Transaktionen, sondern auch das durchschnittliche Deal-Volumen ist im letzten Jahr signifikant gestiegen. Während in 2010 lediglich 5 Deals mit einem Volumen von über 12 m EUR veröffentlicht wurden, sind aus dem Jahr 2011 15 solcher Transaktionen bekannt. Dieser Anstieg ist neben hohen zweistelligen Finanzierungsrunden vor allem auf Akquisitionen durch Private Equity-Unternehmen sowie strategische Buy & Build-Aktivitäten von Unternehmen in der Wachstumsphase zurückzuführen. Insbesondere das Diversifikationsbestreben der Medien- und Verlagshäuser sowie die Ambitionen der „Old-Economy“ (Offline-Händler) Online Fuß zu fassen führte zu einer erhöhten Nachfrage nach Internetunternehmen und gleichzeitig zu einer höheren Preisbereitschaft (Prämienanstieg) der strategischen Investoren.

Deutsche Internetunternehmen rücken ins Blickfeld von US-Investoren

Übernahmen von und Beteiligungen an deutschen Internet-Unternehmen werden nach wie vor überwiegend von deutschen Unternehmen und Investoren verfolgt. Jedoch nimmt das Interesse ausländischer Unternehmen und Investoren mit einem Anteil von 31 % in 2011 weiter zu. Die für deutsche Internet-Firmen bedeutendsten ausländischen Käufer und Investoren kommen aus der Schweiz und den USA, die 36 % respektive 28 % der internationalen Käufer und Investoren darstellen. Beeindruckend im Vergleich zum Jahr 2010 ist insbesondere das Interesse von Investoren und Unternehmen aus den USA, deren Anzahl sich im letzten Jahr mehr als verdreifachte. Insbesondere amerikanische Internet-Unternehmen zeigten eine große Kaufbereitschaft. Der Exit deutscher Firmen an Internet Giganten wie Google oder Ebay konnte sich somit 2011 zu einer relevanten strategischen Möglichkeit entwickeln.

Cloud-Computing als „Hidden Champion“

Haupttreiber für das M&A Geschäft im Internet-Sektor waren nach wie vor Transaktionen im Bereich Commerce (35 %), gefolgt von dem durch Technologien getriebenen Segment Enabling/Analytics/ Ad Serving (24 %). Bei Letzterem steht mit einem Anteil von 54 % vor allem der Wachstumsbereich ´Cloud-Computing´ im Fokus von Risikokapitalinvestoren und strategischen Käufern. Bis 2016 wird für dieses Teilsegment ein jährlicher Umsatzanstieg von 35 % erwartet. Anbieter von Cloud Lösungen drängen daher verstärkt auf den Markt, sodass in den nächsten Jahren auch von zunehmenden Konsolidierungs- bzw. M&A- Aktivitäten ausgegangen werden kann.

Gaming: Mobile und Social treiben das Transaktionsgeschehen

Weiterer Treiber war der Bereich Online-Gaming. Dieser gewinnt durch die zunehmende Breitbandversorgung und die steigende Anzahl an Smartphones an Popularität und geriet in 2011 durch Deals wie die Übernahme von Scoreloop durch Research in Motion oder das 240 Millionen Euro Investment von TA Associates und Summit Partners in Bigpoint in den Mittelpunkt.

B2B entdeckt das Internet

Nachdem Onlinebasierte Geschäftsmodelle von B2C-Unternehmen lang erprobt wurden, drängen nun auch vermehrt B2B-Unternehmen ins Internet. Zum einen versuchen bestehende Offline Unternehmen ihr Geschäft im Internet zu skalieren, zum anderen entstehen neue onlinebasierte B2B Geschäftsmodelle und Unternehmen. Folglich geraten diese Unternehmen auch vermehrt in den Fokus von Venture Capital- und Private Equity-Häusern, wie zum Beispiel die Übernahme von Transporeon durch Riverside veranschaulicht.

Private Equity zeigt steigendes Interesse am Internetsektor

Aufgrund der zunehmenden Reife und Umsatzstärke deutscher Internetunternehmen, rücken diese vermehrt in den Fokus von Private Equity-Investoren, die im Rahmen von Buy & Build-Konzepten die eigenen Portfolio-Unternehmen durch flankierende Zukäufe stärken und neue Flagship Unternehmen für dieses Konzept aufbauen. Diese bereits erkennbaren Konsolidierungstendenzen werden in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter zunehmen.

Ausblick 2012

Insgesamt werden die deutschen Internet-Unternehmen aufgrund ihrer Technologie und ihres Marktzugangs zur attraktiven D-A-CH Region auch weiterhin verstärkt im Fokus internationaler Strategen liegen. In diesem Jahr werden zudem Transaktionen mit wirklichem strategischem Mehrwert verstärkt stattfinden, da erfolgreich etablierte Marktteilnehmer durch anorganisches Wachstum die eigene Marktstellung stärken wollen. Folglich wird die Konsolidierung einzelner Segmente weiter beschleunigt voranschreiten und damit auch ein weiter ansteigendes Interesse nationaler und internationaler Private Equity-Häuser nach sich ziehen.

Auch für das Jahr 2012 wird mit einer hohen Marktaktivität im Bereich Commerce, Gaming, Web Applications / Cloud Computing und Online Marketing gerechnet. Das Angebot im Bereich E-Commerce wird weiter ansteigen und Konsolidierungswellen nach sich ziehen. Die Umsätze im Bereich Online Gaming, insbesondere Mobile Gaming, werden in den nächsten Jahren von hohen zweistelligen Wachstumsraten geprägt sein und die traditionellen PC Spiele überholen. Cloud Computing wird sich aufgrund der resultierenden Effizienz- und Mobilitätsvorteile weiter etablieren und neue technische Lösungen werden vorangetrieben. Der Bereich Online Marketing, dessen Transaktionsaktivität bereits in 2011 um 48% gestiegen ist, gilt als eines der Top Themen der Zukunft, begründet durch geringer werdende Streuverluste (z.B. durch Real-time Bidding) sowie eine sehr große Reichweite durch die zunehmende Nutzerzahl.

Also alles eitel Sonnenschein 2012/2013?

Seit Jahren korreliert das Transaktionsgeschehen stark mit den Ifo-Geschäftserwartungen. Und die sind gut! Daher wird die seit 2 Jahren andauernde Internet-Hausse auch 2012/13 weitergehen.

Aber die Spielfelder, Spielregeln und die Spieler ändern sich: Was eben noch ein sexy Wachstumsmarkt war, wird zum Verdrängungs- und Konsolidierungsspielfeld. Da zählen dann nicht mehr Businesspläne und Phantasien, sondern stabile Ist-Zahlen und Synergien. Die Investoren und Käufer tragen auf einmal Krawatte und kommen aus der Private Equity-Branche oder sprechen gar nur noch American English und sagen (nicht immer): Can’t believe it’s so cheap.

Das Internet wird nun auch in Deutschland erwachsen. Und doch gibt es immer wieder neue Bereiche wie Cloud Computing oder alte, sich neu erfindende Bereiche wie das Online Marketing mit dem Real Time Bidding, die Kapital und mit zeitlicher Verzögerung Käufer anziehen.

Im Fokus: Alle Finanzspritzen und Exits in der Internetbranche gibt es in unserem Deal-Monitor

Zur Person
Mark Miller ist Geschäftsführer der Corporate Finance-Beratung CatCap (www.catcap.de), die mit 16 Angestellten im letzten Jahr 19 Transaktionen begleitet hat, davon 9 grenzüberschreitend. CatCap ist Teil des internationalen M&A-Netzwerks Globalscope (#2 im deutschen Thomson Reuters Ranking bei Transaktionen mit einem Dealvolumen bis 500 Mil. USD).