Von Team
Freitag, 16. Oktober 2020

Wie ein Startup mit Blockchain und Nachhaltigkeit die Modewelt revolutionieren will

Mit Blockchain-Technologie will das Startup Retraced Lieferketten transparenter und die Modewelt nachhaltiger machen. t3n sprach mit Gründer Lukas Pünder und Torsten Klink von der NRW.BANK darüber, was Startups brauchen und wie sie Krisen bewältigen können.

Herr Pünder, können Sie sich und Ihr Geschäftsmodell kurz vorstellen?


Lukas Pünder
Lukas Pünder ist einer der drei Gründer von Retraced. Im Gespräch mit t3n und Torsten Klink von der NRW.BANK erzählt er von seinem Geschäftsmodell und den Auswirkungen der Coronakrise auf sein Startup.

Ich bin einer der drei Gründer von Retraced. 2019 habe ich das Unternehmen zusammen mit zwei Freunden, Philipp Mayer und Peter Merkert, gegründet mit dem Ziel, mehr Transparenz in die Modeindustrie zu bringen. Wir waren mit einer eigenen nachhaltigen Schuhmarke bereits selbst am Modemarkt unterwegs und haben schon seit längerem beobachtet, dass Nachhaltigkeit und Transparenz in dieser Branche immer wichtiger werden. Wir haben deshalb eine App entwickelt, mit der Verbraucher mit dem Scannen eines QR-Codes nachverfolgen können, aus welchen Rohstoffen und unter welchen Bedingungen ihre Kleidungsstücke gefertigt wurden. Das hilft auf der einen Seite den Konsumenten bei ihren Kaufentscheidungen, vor allem aber auch den Modemarken, die sich für faire Produktion und gute Arbeitsbedingungen einsetzen.

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Wie funktioniert das auf technischer Ebene?

Unsere Kunden sind Modemarken. Mit diesen arbeiten wir im ersten Schritt daran, ihre Wertschöpfungskette eines Produktes aufzuzeichnen. Alle, die an der Produktion beteiligt sind, vom Lieferanten der Rohstoffe bis hin zum Mitarbeiter in der Produktionsstätte, werden auf unserer Plattform miteinander vernetzt und speisen ihre Daten in das System ein. Da uns die Sicherheit der Daten extrem wichtig war, haben wir uns hier für die Blockchain-Technologie entschieden. Die sorgt für volle Transparenz, denn Daten, die einmal in der Blockchain abgespeichert sind, lassen sich nicht mehr verändern oder bearbeiten. Es lässt sich aber jederzeit nachvollziehen, wer sie wann eingespeist hat – das erzeugt Druck, keine Falschinformationen zu geben.

Wie haben Sie das finanziert?

Wir hatten schon etwas Kapital aus unserer eigenen Modemarke und konnten dadurch die Stammeinlage selbst aufbringen. Wir brauchten aber zusätzlich auch Beteiligungskapital und hatten von Anfang an das Ziel, auch Business-Angels für uns zu gewinnen. Ein befreundeter Gründer hat uns von der NRW.BANK und deren Programm NRW.SeedCap erzählt, für das wir uns dann ebenfalls beworben haben. In ersten Gesprächen hat sich relativ schnell rausgestellt, dass wir dafür infrage kommen würden, und Ende 2019 sind wir tatsächlich auch gefördert worden.

Herr Klink, was hat die NRW.BANK dazu bewogen, Retraced zu unterstützen?  


Torsten Klink
Torsten Klink leitet das Venture Center und die Frühphasen-finanzierung und vernetzt Startups und junge Unternehmen mit innovativen Investoren – und umgekehrt. Im Gespräch mit Lukas Pünder von Retraced erklärt er, welche Hilfe Gründer in Krisensituationen brauchen.

Als Förderbank für das Land Nordrhein-Westfalen fördern wir hier ansässige Unternehmen und unterstützen dabei besonders solche, die einen innovativen und wachstumsorientierten Charakter haben. Uns ist extrem wichtig, dass in NRW keine gute Idee an der Finanzierung scheitert. Wir wollen zu einer ökologischen, sozialen, nachhaltigen und digital modernen Struktur der Wirtschaft beitragen und investieren deshalb in Unternehmen, die genau diese Ansätze ebenfalls verfolgen. Retraced passt da natürlich perfekt rein. Ein junges Unternehmen, das sich für mehr Nachhaltigkeit in der Modebranche einsetzt und dafür auch noch innovative Technologie nutzt – das ist ein Geschäftsmodell, das die NRW.BANK gerne unterstützt. Da Unternehmensgründer in unterschiedlichen Phasen auf uns zukommen, haben wir auch unterschiedliche Förderprogramme. NRW.SeedCap, mit dem Retraced gefördert wurde, ist ein Programm für die frühe Wachstumsphase junger Unternehmen. Um dafür als Fördernehmer infrage zu kommen, müssen einige Voraussetzungen gegeben sein. Retraced hat alle Anforderungen an eine Förderung erfüllst, sodass wir das Engagement eines Business-Angels spiegeln konnten.

Mit Retraced sollen Produkte ihre eigene Geschichte erzählen können. (Foto: NRW.BANK / Udo Geisler)

Herr Pünder, wie haben Sie von der Förderung der NRW.BANK profitiert?

Gerade in der Wachstumsphase war es für uns sehr wichtig, investieren zu können – sowohl in neue Absatzwege im Vertrieb als auch in die technische Lösung, basierend auf dem Feedback, das wir vom Markt bekommen. Das geht natürlich nur mit entsprechendem Kapital. Das Geld kam Anfang 2020 genau zum richtigen Zeitpunkt und wir konnten damit unsere Lösung sehr erfolgreich auf den Markt und an viele Brands bringen. Zunächst hat das auch sehr gut funktioniert.

Nun ist dieses Jahr ja vor allem wirtschaftlich sehr anders verlaufen, als erwartet und erhofft. Inwiefern waren oder sind Sie mit Retraced von der Coronakrise betroffen?

Da wir unsere Umsätze mit Modemarken generieren und die gesamte Modeindustrie stark von Corona betroffen war, haben auch wir das deutlich gemerkt. Der stationäre Einzelhandel brach während des Lockdowns komplett zusammen, dort fielen alle Umsätze weg. Die Verbraucher waren vor allem am Anfang der Krise verunsichert und passten ihr Konsumverhalten an, indem sie eher Klopapier kauften statt etwas „Unnötiges“ wie Modeartikel. Dadurch mussten sich auch die Brands auf ihr reines Überleben konzentrieren und hatten in dieser Zeit kein Interesse an Lösungen wie Retraced. Das ist für ein junges Startup schädlich. Wir hatten ja mit weiterem Wachstum und fortlaufenden Einnahmen kalkuliert. Wenn es dann zu solchen Einschnitten kommt, dass sich über Monate keine neuen Kunden finden lassen, wirft das den kompletten Businessplan über den Haufen. In so einer frühen Phase des Wachstums ist das schwierig, da Startups kaum Rücklagen haben und Fremdkapital über Banken selten möglich ist.

Herr Klink, wie ist die NRW.BANK mit der Corona-Situation dieses Jahr umgegangen? 

Die NRW.BANK will Unternehmensgründer in jeder Situation unterstützen. Auch in der aktuellen Corona-Krise stehen wir Unternehmen zur Seite. Uns war bewusst, dass wir auf diese Situation sehr kurzfristig reagieren mussten. In nur wenigen Wochen entwickelten wir deshalb gemeinsam mit dem Land Nordrhein-Westfalen ein neues Förderprogramm speziell für Gründer, das sich NRW.Start-up akut nennt. Das Interessante ist, dass wir mit diesem Programm ein Wandeldarlehen vergeben können, das über eine Laufzeit von sechs Jahren nicht bedient werden muss und gleichzeitig jederzeit kostenfrei zurückgezahlt werden kann. Dank dieses Programms konnten wir bisher insgesamt 70 Startups – unter anderem Retraced – fördern und in der Krise mit Liquidität versorgen.

Das NRW.Start-up akut-Programm auf einen BlickInnovative Jungunternehmen, die nicht älter als 36 Monate sind, können über das neue Förderprogramm NRW.Start-up akut zwischen 15.000 und 200.000 Euro erhalten. Sechs Jahre lang muss dieser Kredit nicht bedient werden, ist also zins- und tilgungsfrei, kann aber jederzeit vorzeitig kostenfrei zurückgezahlt werden. Das Darlehen ist endfällig oder kann zum Ende der Laufzeit bzw. mit Eintritt eines neuen Investors in Eigenkapital gewandelt werden.

Herr Pünder, wie haben Sie mit Retraced vom NRW.Start-up-akut-Programm profitiert?

Als wir im März 2020 gemerkt haben, dass sich die Situation mit Corona weiter verschärft, mussten wir neu kalkulieren und kamen zu dem Ergebnis, dass wir durch die Krise wahrscheinlich vier bis sechs Monate in unserer Wachstumsplanung verlieren werden. Uns war klar, dass wir genau für diese Zeit Kapital benötigen, um die verlorene Zeit wiederzubekommen. Genau hierbei hat uns die NRW.BANK mit einem Wandeldarlehen in Höhe von 100.000 Euro geholfen und wir konnten die kritischen Monate überbrücken.

Wie geht es Retraced heute und wie sehen Sie in die Zukunft?  

Wir sind optimistisch. Die Monate, in denen der klassische Vertrieb nicht möglich war, haben wir für die Weiterentwicklung unseres Produkts genutzt. Anfang Juli gingen wir dann mit einem verbesserten Produkt wieder an den Markt. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die Brands wieder innovationsfreudiger. Die letzten Wochen waren für uns sehr positiv, wir haben einige neue Kunden dazugewonnen und sind davon überzeugt, dass der Markt für unser Produkt nach wie vor groß ist. Denn eins hat die Coronakrise gezeigt: Die Digitalisierung und vor allem der E-Commerce werden weiter zunehmen. Auch Nachhaltigkeit ist und bleibt ein riesiges Thema. Immer mehr Menschen – auf Produzenten- und Verbraucherseite – wollen sich aktiv für eine ökologischere, soziale, ja einfach nachhaltigere Wirtschaft einsetzen. Diesen Wandel wollen wir mitgestalten.

Mit Unterstützung der NRW.BANK kann das Team von Retraced weiterhin an mehr Transparenz und Nachhaltigkeit in der Modebranche arbeiten. (Foto: NRW.BANK / Udo Geisler)

Du bist ebenfalls Unternehmensgründer aus Nordrhein-Westfalen und auf der Suche nach weiteren Finanzierungsmöglichkeiten? Oder du hast eine gute Idee für ein innovatives und nachhaltiges Geschäftsmodell und brauchst finanzielle Unterstützung bei der Gründung? Dann nimm Kontakt zur NRW.BANK auf – denn hier soll keine gute Idee an der Finanzierung scheitern!

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Dieser Artikel erschien zuerst bei t3n; Autor: t3n Redaktion

Fotos (oben): NRW Bank / Udo Geisler