Von Sümeyye Algan
Freitag, 21. September 2018

“Der Spaß fängt an, wenn die ersten Neins kommen”

Ortsunabhängiges, digitales und individuelles Lernen - das verspricht das junge Unternehmen Karriere Tutor. Oliver Herbig und Andrea Fischer haben von Anfang an an ihre Geschäftsidee geglaubt und sie vor drei Jahren in die Tat umgesetzt. Eine richtige Entscheidung.

Nach dem New-Work-Prinzip gründen Andrea Fischer und Oliver Herbig die Plattform Karriere Tutor. Innerhalb von sieben Monaten erreicht das Unternehmen den Break Even und erwirtschaftet aktuell mit 68 Angestellten und Honorarkräfte einen jährlichen Umsatz von 7,5 Millionen Euro. Doch bevor es sich aus eigenen Einnahmen finanzieren konnte, mussten die ersten Hürden genommen werden. Wie diese aussahen und wie die restliche Familie ins Unternehmen eingebunden ist, haben uns beide im Interview verraten.

Ihr habt eure Idee vor drei Jahren in die Tat umgesetzt. Was hat euch dazu bewegt? 
Oliver: Unseren unterschiedlichen Backgrounds haben wir es zu verdanken, dass wir auf die Idee kamen, Online Weiterbildungen mit einer Kombination an Präsenz- und Selbstlernunterricht in Deutschland anzubieten. Und zwar so, dass der Kunde das bekommt, was er möchte, nämlich mit einem Format, wie er es möchte, zu den Zeiten, wann er es möchte, und an einem Ort, wo er es möchte. Und das Ganze zu einem vertretbaren Preis.

Andrea: Wir waren beide in der Weiterbildungsbranche jeweils tätig. Ich war in einem sehr innovativen, nicht ganz so großen Bildungsanbieter tätig und habe gesehen, wo die Grenzen des herkömmlichen Unterrichtens waren und habe damals erkannt, welche Möglichkeiten die neuen Technologien und die Digitalisierung geboten haben, aber diese dort nicht ausgereizt wurden. Daraus ist die Idee entstanden, es anders zu machen.

Oliver: Das Match war einfach optimal zwischen uns beiden. Ich hatte erkannt, dass es diese große Menge an Weiterbildungsteilnehmern gibt. Und Andrea hatte die Technologie- und Innovationserfahrung, die Idee und ein Konzept, um den Kundennutzen disruptiv zu erhöhen. Die Weiterbildungsbranche in Deutschland ist sehr traditionell aufgestellt. Sie ist starr und stolz auf die Tradition, die ja schön und gut ist. Aber es geht vielmehr darum, den Kundennutzen extrem zu steigern.

Anfangs ward ihr zu zweit. Kanntet ihr euch schon vorher?
Oliver: Vier Monate (lacht). Ich war vor Karriere Tutor jahrelang als Franchisenehmer im Vorstand eines international agierenden Weiterbildungsanbieters tätig. Kennengelernt haben wir uns bei einem temporären Projekt dieses Anbieters, bei der Andrea als externe Beraterin tätig war. Andreas Konzeption der Online-Formate kam gut bei dem Vorstand an. Allerdings hatte die Führungsriege Bedenken, das Konzept intern umzusetzen und in die Firmenstrukturen integrieren zu können. Mich jedoch begeisterte die Idee, so beschlossen Andrea und ich, es außerhalb von der Firma in die Tat umzusetzen.

Andrea: Das Verständnis einer gemeinsamen Vision hat uns zusammengebracht. Wir merkten relativ schnell, dass wir gut zusammenpassen und uns gut ergänzen – in unseren Skills und Persönlichkeiten. So ist die Entscheidung nicht schwergefallen. Wir habe beide unsere vorherigen Funktionen gekündigt. Unsere bisher schnell getroffenen Entscheidungen und die schnelle Umsetzung, die für Startups essentiell sind, führten letzten Endes zum Erfolg von Karriere Tutor.

Was war eure Vision mit Karriere Tutor?
Andrea: Unsere Vision war und ist nach wie vor, dass wir ein Remote Unternehmen sind, online arbeiten und eine hohe örtliche und teilweise auch zeitliche Flexibilität haben – sowohl für unsere Kunden als auch für unsere Mitarbeiter. Das New Work-Prinzip ist bei uns tägliche Realität und funktioniert sehr gut.

Oliver: An unserer Vision der People First-Kultur halten wir auch nach wie vor fest. Wir tun außergewöhnlich viel für die Weiterentwicklung unserer Mitarbeiter. Neben der fortlaufenden fachlichen Entwicklung ist uns ihre Persönlichkeitsentwicklung wichtig, von dem unser Unternehmen enorm profitiert. Es arbeiten fast nur 9 und 10-er Persönlichkeiten für uns. Auf dem Balance Sheet tut es zwar weh, aber das sind die Highlights für die Mitarbeiter, wenn man sie fragt. Und es sind ja die Menschen, die ein Unternehmen ausmachen.

Wie funktioniert euer Geschäftsmodell?
Oliver: Beim Weiterbildungsanbieter muss niemand zur Arbeit aus dem Haus, weder die Angestellten, noch die Kunden. Das eigene Büro lässt sich also überall aufschlagen, wo es Internet gibt. Alle Kommunikation läuft übers Netz. Der Fokus liegt zu 100 Prozent auf den gefragten Themen IT und Digitalisierung. Bei uns handelt es sich um einen von der Bundesagentur für Arbeit zertifizierten Anbieter. Auch die Bundeswehr lässt hier Angehörige schulen. Arbeitssuchende und Soldaten melden sich ebenso nach eigener Recherche an wie Berufstätige.

Wie sahen eure ersten Schritte bei der Umsetzung der Idee aus? 
Oliver: Das waren erst die Erstellung eines umfangreichen und verständlichen Businessplans und die Finanzierung.

Andrea: Bei einem Finanzierer gab es zum Beispiel nicht die Möglichkeit, die Personen persönlich zu kontaktieren, die den Plan bewertet haben. Das hieß, dass der Business Plan für sich sprechen musste. Das Produkt und wie wir die Umsätze realisieren, mussten quasi auch für Branchenfremde verständlich sein. So war die Finanzierungssuche alles andere als einfach. Wir haben sehr viele Absagen kassiert, haben aber nicht aufgegeben. Nach einem Quartal, in dem wir beide fast Tag und Nacht aktiv gesucht haben und alles aus der eigenen Tasche gezahlt haben, sind wir fündig geworden.

Wer hat euch finanziert?
Andrea: Eine Bank zusammen mit der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft in Kiel, die Gelder des Europäischen Sozialfonds verwaltet.

Was hat sich für euch privat und beruflich durch Karriere Tutor in den vergangenen drei Jahren geändert? 
Andrea: Was ich in meiner täglichen Arbeit mache, hat sich verändert. Meine Arbeit wird immer weniger operativ und es geht immer mehr darum, mit Menschen zu arbeiten und um Führung von Personal. Und privat ist Karriere Tutor Thema Nummer eins und sehr präsent bei mir in der Familie, weil alle meine vier Kinder mitarbeiten. Es ist also durch und durch ein Familienunternehmen und deswegen lässt sich Privates und Berufliches in meinem Fall nicht trennen.

Oliver: Ich kann mich Andrea nur anschließen. Ein Großteil meiner Familie arbeitet mit. Und von einer Trennung kann auch bei mir keine Rede sein. Karriere Tutor ist für mich außerdem keine Arbeit, sondern ein Hobby und eine Berufung, gemäß dem Motto: „Finde einen Job, der dir Spaß macht und du arbeitest dein Leben lang nicht mehr“. Ich kann also dankenswerter Weise sagen, seit Karriere Tutor arbeite ich nicht mehr.

Seht ihr Standortvorteile für Startups in Deutschland
Andrea: In Deutschland gibt es generell eine sehr gute Infrastruktur und hochentwickelte Städte. Ich denke, dass die Bankenlandschaft in Deutschland es einem Gründer einfacher macht, als in anderen europäischen Ländern. In Ländern wie Spanien und Italien haben die Banken viel mehr mit sich selbst zu tun. Die haben gar kein Ohr für Gründer. Wir haben schon eine ganz gute Gründerkultur, doch die USA und Großbritannien machen uns im dem Punkt einen vor.

Last but not least, was würdet ihr Neugründern und neuen Startups heute mit auf den Weg geben?
Andrea: Wenn ihr von Eurer Idee überzeugt seid, lasst euch nicht sagen, dass es nicht geht. Der Spaß fängt erst dann an, wenn die ersten Neins kommen. Bis dahin kommt jeder. Danach zeigt sich erst, wer das Zeug hat, ein Unternehmen zu gründen. Gehörst du zu den Menschen, die durchhalten und sich auf die Lösungsfindungen fokussieren? Oder zählst zu denen, die vor den Herausforderungen, die sich auf dem Weg immer auftun, kapitulieren, panisch werden und denen Zweifel hochkommen? Genau dadurch entscheidet sich, was aus einer Gründung wird. Also haltet durch und konzentriert euch auf die Lösungen und nicht die Hürden. Denn es gibt IMMER eine Lösung. Ausnahmslos.

Oliver: Hör’ nicht auf die Neinsager, sondern bau’ das Feedback in deine weitere Planung ein. Lasse nicht dein Umfeld dein Ziel verändern, eventuell können Sie deinen Plan ändern. Um die Frage mit einem Beispiel abzuschließen: Wenn Du ein Nein von einer Bank bekommst, dann sagst du, es war noch nicht gut genug oder dies und jenes hat noch gefehlt. Dein Ziel soll das gleiche bleiben, aber ändere dabei den Weg dahin ein Stück ab.

Podcast

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Foto (oben): Karriere Tutor