Von Elke Fleing
Montag, 6. April 2015

Crowdinvesting – Alternative für Start-ups und Gründer?

Crowdinvesting ist in aller Munde trotz des bisher im Vergleich zu anderen Finanzierungsformen relativ geringen jährlichen Investitionsvolumens. Der Trend kennt aktuell nur eine Richtung - und zwar steil nach oben. Doch wie schätzen Gründer und innovative Start-ups dieses Phänomen ein?

Mittlerweile ist das Thema Crowdinvesting auch zum Politikum geworden, denn im aktuellen Koalitionsrahmen wird eine stärkere Fokussierung auf Crowdinvesting und eine Regulierung diskutiert. Erstmalig zeigen Zahlen aus Gründersicht die Nutzungsbereitschaft, die Bekanntheit und vor allem den Reiz des Crowdinvesting.

“Wir würden Crowdinvesting wieder nutzen, denn für unser Produkt war es die richtige Entscheidung.” – Protonet GmbH.

Das Zitat zeigt die positive Einschätzung eines Start-ups, doch wie sieht es für die breite Masse aus? Immer mehr Gründer setzen auf diese neuen Formen der Finanzierung, die ihnen schnell und flexibel Zugang zu Risikokapital – auch wenn meist in kleinen Summen – bietet. Vor einigen Jahren war das noch anders. Seinerzeit war es Standard, ein Gründungsvorhaben über den klassischen Hausbankkredit unter möglicher Hinzunahme öffentlicher Fördermittel zu finanzieren.

Im Zeitverlauf erweiterte sich das Spektrum durch den Private Equity-Bereich, in dem Privatinvestoren wie z.B. Business Angels und Venture Capital-Gesellschaften/-Fonds (VC) auf den Plan traten.

Die Diversifizierung schreitet rasant voran und der nächste Meilenstein scheint erreicht – die Netzwerkökonomie macht es möglich. Vernetzte Finanzierungen gibt es jetzt in allen erdenklichen Formen – Crowdfunding, Crowdlending und Crowdinvesting. Das Prinzip dahinter ist keine Neuerfindung, sondern lediglich die Weiterentwicklung des Gedankens, den Kapitalzugang zu demokratisieren.

Denn die Crowd entscheidet, welche Gründungsvorhaben sie für finanzierungswürdig erachtet. Dieser Trend beschäftigt neben der Politik zunehmend auch die Banken, die eine Veränderung ihrer klassischen Geschäftsgrundlage im Kreditbereich – wenn auch bisher nur in kleinem Stil – wahrnehmen.

Jedoch können Banken von dem Trend auch profitieren, indem der bewusste Abbau von Informationsasymmetrien genutzt wird, sofern diese das denn wollen. Wie sich die Banken in Zukunft positionieren, bleibt abzuwarten. Aktuell sind die meisten lediglich Beobachter und stehen abgesehen von ein paar Ausnahmen außen vor.

Der Crowdinvesting Monitor weist für das erste Halbjahr 2014 ein Finanzierungsvolumen von 8,3 Mio. Euro aus; dies entspricht einem Anstieg um fast 60 % zum Vorjahr.

Insgesamt konnten somit bis dato rund 28 Mio. Euro von der Crowd eingeworben werden. Dies ist eine beachtliche Summe, die das Vertrauen der Anleger in die deutsche Start-up-Landschaft zeigt. In Relation zum jährlichen Gesamtfinanzierungsbedarf von Start-ups und Gründungen ist dieser Wert jedoch noch marginal.

Doch was genau macht den Reiz dieser Entwicklung aus? Prof. Peter Wippermann bringt es auf den Punkt: Es ist ein Wertewandel im Gang – weg von einem institutionellen hin zu einem persönlichen und vertrauensvollen Verhältnis zwischen Investor und Gründungsunternehmen.

Solche Beziehungen gab es zwar schon immer, z.B. zwischen Business Angel und Gründungsteam, jedoch ermöglicht die Netzwerkökonomie diese nun auch mit einer großen Masse – der Crowd. Die Schwarmintelligenz wird damit für Gründungsfinanzierungen zielgerichtet nutzbar. Die Produktökonomie in der Gründungsfinanzierung wird somit zu einer Beziehungsökonomie.

Betrachtet man die Anzahl der bisher über Crowdinvesting in Deutschland finanzierten Gründungen in der ersten Hälfte 2014 finden sich 30 Finanzierungen. Das ist eine steigende Entwicklung, aber bei weitem noch kein Massenphänomen.

“Auf jeden Fall würden wir Crowdinvesting nutzen. Wir sind uns sicher, dass wir mit dem Crowdinvesting … den richtigen Weg eingeschlagen haben.” – BiteBox GmbH.

Daher bleibt die Frage: Sieht die breite Masse der Gründungspersonen Crowdinvesting als mögliche Finanzierungsalternative? Welches Potential schreiben sie dem Crowdinvesting zu und welche Rolle spielen dabei die Banken?

Im Rahmen einer Bachelor-Thesis konnte mit einer aktuellen Datenerhebung das Crowdinvesting-Potential bei Hamburger Gründungsunternehmen des Jahrgangs 2013 (Stichprobe von 177 Unternehmen/Gründern) analysiert werden. Die Basis bilden die Gründungen bzw. Gründerpersonen des Vorjahres, die von der Handelskammer Hamburg für die Erhebung bereitgestellt wurden.

Durch die zum Teil mit dem Bundesdurchschnitt vergleichbare Branchenverteilung in der Stichprobe lassen sich aus den Daten durchaus Rückschlüsse auf die Einschätzung zu Crowdinvesting der Gründer in Deutschland schließen.

“Unsere innovative Produktpositionierung entsprach keinem normalen Finanzierungs-Case. Wir waren begeistert, wie gut die Idee von der Community angenommen wurde.” – Protonet GmbH.

Crowdinvesting hat bereits eine hohe Bekanntheit unter den (Hamburger) Start-ups.

Fast jede zweite befragte Gründerperson in Hamburg (48 %) kennt bereits Crowdinvesting, während der Oberbegriff Crowdfunding sogar vier von fünf befragten Gründern geläufig war. Lediglich drei Unternehmen aus den über 170 Antwortwilligen haben diese Finanzierungsform faktisch bereits genutzt.

Crowdinvesting wird von einem Teil der Gründerpersonen als mögliche Finanzierungsoption in Erwägung gezogen.

47 % der Befragten ziehen Crowdinvesting als mögliche Finanzierungsform in Erwägung. Dabei steht vorrangig die Finanzierung der Produktentwicklung, des Markteintritts oder der Marktdurchdringung im Fokus.

Die Unternehmen versprechen sich in erster Linie den Zugang zu Beteiligungskapital (66 %), bewerten als zusätzlichen Mehrwert aber auch die Erhöhung ihres Bekanntheitsgrads durch die Öffentlichkeitswirkung (45 %) sowie eine Überprüfung der Geschäftsidee (35 %) durch das nachfrageseitige Feedback der Crowd. Die meisten Unternehmen gaben mehrere Motive an, um wechselseitige Synergien zu nutzen (Mehrfachantworten möglich, daher ergeben die Antworten kumuliert > 100 %).

Start-ups und Gründer sehen Crowdinvesting sowohl als komplementäre als auch substituierende Finanzierungsform zur klassischen Bankfinanzierung

“Crowdinvesting ist eine Alternative, die nicht in die typischen Strukturen gegossen ist.” – Anonymisiertes Interview mit einem Hamburger Start-up, das bereits Crowdinvesting genutzt hat.

Als weitere Frage stellt sich, wie die Gründer Crowdinvesting im Spektrum der Gründungsfinanzierungen einordnen. Allerdings zeigt sich hier kein eindeutiges Bild: Während 46 % der Befragten Crowdinvesting als ergänzende Finanzierungsform zur klassischen Bankfinanzierung sehen, erachten 29 % dieses sogar als Substitut. 30 % der Gründer erkennen im Crowdinvesting keine Alternative zur Bankfinanzierung.

Ein Teil der befragten Gründerpersonen schreibt dem Crowdinvesting sowohl Ergänzungs- als auch Substitutionspotential zu (gemessen durch die Zustimmungsabfrage von Einzelaussagen, daher ergeben die Werte hier kumuliert > 100 %).

Anders ausgedrückt: Deutlich wird, dass Crowdinvesting aktuell für einige wenige Unternehmen bereits ergänzend zur Bankfinanzierung wirkt. Für Unternehmen, die sich durch ein besonders skalierbares, attraktives und nicht zu komplexes Geschäftsmodell auszeichnen, wird Crowdinvesting auch in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen, insbesondere wenn auch Crowdfunding-Projekte, die sich durch das so genannte Pre-Selling von Produkten auszeichnen, hinzugerechnet werden.

Denn hier erwerben die Investoren über Ihre eingebrachten Mittel i.d.R. keine Unternehmensanteile, sondern sichern sich das Produkt im Vorwege noch vor dessen Fertigstellung. Der Anreiz ist, einer der ersten Käufer und somit Nutzer zu sein, auch wenn es einem Kauf mit verspäteter Lieferung entspricht.

Vor allem für besonders innovative Hightech-Start-ups ist Crowdinvesting eine wichtige Option, denn häufig sind die Unternehmen aufgrund der in der Seedphase anfallenden Kosten für Forschung und Entwicklung sowie die Prototypenerstellung aufgrund der bilanziellen ‘Überschuldung’ für Banken nicht finanzierbar.

Trotz aller Vorteile schreiben Kritiker dem Crowdinvesting lediglich Nischenpotential zu, denn nicht für jede Firmenneugründung sind Mezzanine Beteiligungen durch private Investoren das richtige Finanzierungsinstrument.

Aus diesem Grund wird auch in Zukunft situativ für viele bereits markterprobte, traditionelle Gründungen nach wie vor der klassische Weg über Eigenmittel und eine Kreditfinanzierung die beste Finanzierungsvariante darstellen. Lediglich 21 % aller Gründer nutzen externe Finanzmittel wie Bankdarlehen oder Zuschüsse (Quelle: KfW-Chancnmagazin), während Crowdinvesting für innovative Hightech-Start-Ups neue Möglichkeiten für rasantes Wachstum bietet. Nichtsdestotrotz zeigen die vielen Erfolgsgeschichten, dass gute Ideen und der entsprechende Mut belohnt werden.

Zukunft des Crowdinvesting für Start-ups und Gründer?

Die Beziehungsökonomie ist auch in der Finanzierung von Start-ups und Gründungen angekommen – und zwar in den Köpfen der Gründer. Crowdfunding und -investing sind einem großen Teil der Gründerpersonen bekannt. Gleichzeitig stehen sie einer potentiellen Nutzung positiv gegenüber und sehen die Mehrwerte, die eine Crowdfinanzierung neben dem monetärem Aspekt bietet.

Crowdinvesting erweitert das Spektrum zur Gründungsfinanzierung und konnte einigen Unternehmen bereits helfen, den gefürchteten ‘early-stage-financing-gap’ zu überwinden und so ihren Traum, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, weiterzuverfolgen.

Damit stellt es für einige Unternehmen eine echte Alternative zu anderen Finanzierungsmedien dar, zum anderen bleibt dennoch großer Raum für Banken, sich im Bereich der Gründungsfinanzierungen zu platzieren.

Jedoch ist zentral, die Herausforderung auch seitens der Banken anzunehmen, sich stets am Zahn der Zeit zu bewegen, Veränderungsbereitschaft zu zeigen und auch zu leben. Und zwar so, wie es erfolgreiche Gründer auch stets am Markt tun (müssen).

Quelle: Gerwanski, Jannik (2014): Analyse des Crowdinvesting als innovative Finanzierungsform für Unternehmensgründungen, Bachelor-Thesis an der Hamburg School of Business Administration, 2014.

Autoren:

Dr. Mirko Bendig (l.) ist Gründer und Geschäftsführer von Phantominds. Gegründet im Frühjahr 2014 bietet Phantominds Unternehmen an, ‘User Generated Innovations’ über ihre Community mittels Crowdsourcing und einem virtuellen Innovationsprozess zu entwickeln.

Jannik Gerwanski, B.A. Business Administration, (r.) forschte an der Hamburg School of Business Administration im Rahmen seiner Bachelor-Thesis mit dem Titel ‘Analyse des Crowdinvesting als innovative Finanzierungsform für Unternehmensgründungen’.

Bild oben: Shutterstock, Crowdinvesting