Steuervergünstigungen für Business Angels sollen fallen: Die Gründerszene läuft Sturm

Schlechte Nachrichten für deutsche Business Angels: Der Bundesrat hat kürzlich einen Änderungsvorschlag zum Gesetzesentwurf der Bundesregierung für das Jahressteuergesetz 2013 aufgenommen, der die Steuervergünstigungen für Holding-Gesellschaften einschränken soll. Bei einer Umsetzung wurde sich die Steuerlast von Wirtschaftsengeln deutlich erhöhen. Die geplante Änderung führte in der deutschen Gründer- und Business-Angel-Szene zu erheblicher Verunsicherung. deutsche-startups.de hörte sich in der Szene um, was die Menschen, die die Änderung betrifft, von dem Vorschlag halten. Der Tenor ist eindeutig: Dieses Gesetz darf so nicht in Kraft treten, wenn Schaden von Gründern, Investoren und der gesamten deutschen Gründerszene abgewendet werden soll!

Hintergrund für die Änderung ist eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EUGH), wonach es gegen EU–Recht verstößt, wenn ausländische Kapitalgesellschaften nur dann in den Genuss einer Steuervergünstigung kommen, wenn sie mit mindestens zu 10 % an einer deutschen Kapitalgesellschaft beteiligt sind. Erhalten nun weiter deutsche Kapitalgesellschaften ohne jegliche Mindestbeteiligungsgrenze steuerliche Vergünstigungen, stellt dies eine Diskriminierung für EU-Ausländer dar. “Das Urteil des EUGH wäre eine Chance, um auch ausländischen Gründern, Business Angels und Investoren einen höheren Anreiz zu geben, in deutsche Unternehmen zu investieren: Wenn man die 10%-Grenze für sie abschafft, anstatt sie für die Deutschen einzuführen”, sagt Robert Maier, Gründer von Ladenzeile und Business Angel. Nachfolgend einige Statements von bekannten Gründern und Start-up-Unterstützern.

“Start-up-Szene in Deutschland gefährdet”

“In Deutschland ist in den letzten Jahren eine sehr aktive Business Angel-Szene entstanden; unter anderem aufgrund der Möglichkeit, Erlöse bei dem Verkauf von Anteilen ohne größere Steuerlast direkt wieder in neue Firmen investieren zu können. So sind erfolgreiche Gründer zu Business Angels geworden und haben wiederum neuen Gründern den Erfolg ermöglicht. Auch dadurch ist Berlin zu dem Standort der Internet-Industrie in Europa geworden. Business Angels sind in Deutschland so wichtig, weil wir vergleichsweise wenig Risikokapitalgeber-Firmen in Deutschland haben. Die neue mögliche Gesetzgebung macht Business Angel-Investments relevant unattraktiver und gefährdet damit die Start-up-Szene in Deutschland. Auch erscheint mir die 10-%-Hürde komplett willkürlich – wenn überhaupt sollte man kleine Anteilseigner bevorteilen und nicht große. Die mögliche Gesetzgebung würde meines Erachtens zudem die Bemühungen des HTGF oder der European Angel Fund-Initiative konterkarieren.”
Sven Schmidt, Geschäftsführer, ICS Internet Consumer Services

“Regelung wird Deutschland zurückwerfen”

“Seit der Übernahme von DailyDeal durch Google im Herbst 2011 haben mein Bruder Fabian und ich bereits mehr als sieben Start-ups aus Berlin mit Kapital und know-how unterstützt. Bei keiner unserer Beteiligungen halten wir als Seed Investor mehr als 10 %, wodurch die neue Regelung uns maßgeblich betreffen würde. Die deutsche Start-up-Szene ist in den letzten Jahren stark gewachsen, nicht zuletzt weil die Erlöse von erfolgreichen Gründungen problemlos wieder in das Start-up-Ökosystem reinvestiert werden konnten. Die neue Regelung wird einen relevanten Anteil dieser Investments verhindern und somit die deutsche Start-up-Szene stark beeinträchtigen und Deutschland als Land der Innovation zurückwerfen.”
Ferry Heilemann, Gründer von DailyDeal und Business Angel

“Business-Angel-Szene wird geschwächt”

“Zahlreiche Business Angels und ehemalige Gründer unterstützen Unternehmer und Gründer der Internetszene, die weder Bankkredite noch andere Finanzierungen erhalten würden. Dadurch ist eine lebhafte Start-up-Branche entstanden, die internationale Anziehungskraft hat und für Deutschland ein wichtiger Treiber für Innovation und Zukunftsfähigkeit ist. Dieser Aufschwung wird nun durch eine Gesetzesänderung bedroht, welche die lebhafte Business-Angel-Szene schwächt, die großen Investoren stärkt und am Ende nur dazu führt, das viel Zeit und Geld von Gründern und Business Angels in die Optimierung und Umstrukturierung gesellschaftsrechtlicher Konstruktionen fließt, statt diese Zeit und dieses Geld dem Auf- und Ausbau ihrer Startups zu widmen, welche für Deutschland so wichtig sind.”
Verena Delius, Geschäftsführerin goodbeans

“Der begonnene Aufschwung wird bedroht”

“Investitionen in junge und innovative Start-ups werden durch die im Jahressteuergesetz 2013 vorgesehene Gesetzesänderung deutlich unattraktiver. Als Business Angel unterstütze ich junge Gründer, die weder Bankkredite noch andere Finanzierungen erhalten. Dabei liegen die Beteiligungen fast ausnahmslos unter 10 %. Die Start-up-Branche erlebt gerade in Berlin, aber auch in vielen anderen Regionen Deutschlands einen Aufschwung, der nun durch dieses Gesetz bedroht wird. Im internationalen Vergleich hat die Gründer- und Risikokapitalbranche in Deutschland viel Nachholbedarf. Der begonnene Aufschwung wird nun bedroht. Das Gesetz soll faktisch rückwirkend gelten: So habe ich selber im Dezember 2011 Anteile, über eine Holding gehalten, an einer Gesellschaft auf 9,5 % reduziert. Das hätte ich natürlich nie gemacht, wenn damals das Gesetz bekannt gewesen wäre. Und ich bin kein Einzelfall. Große Kapitalgesellschaften werden deutlich besser gestellt als die Kleingesellschafter. Aber gerade die Kleingesellschafter – die eigentlichen Unternehmer – sind häufig diejenigen, die das operative Geschäft leiten. Genau die würden durch das Gesetz aber massiv benachteiligt.”
Robert Maier, Gründer von Ladenzeile und Business Angel

“Gesetzesentwurf wirft uns Jahrzehnte zurück”

“Die bisherige Regelung wurde damals extra eingeführt, damit Exiterlöse reinvestiert werden und somit wieder im Wirtschaftskreislauf landen. Nur dort ist Geld produktiv. Die neue Regelung würde dafür sorgen, dass Exiterlöse auf den Privatkonten der Investoren landen und dort versauern. Nach vielen Jahren ist in Deutschland endlich eine Art Business Angel-Community aus ehemaligen Gründern entstanden, die ihre Gewinne unter hohem Risiko in junge Nachwuchsgründer reinvestieren. Alle reden davon, wie man in Deutschland mehr Innovation und mehr Gründungen fördern kann. Dieser Gesetzesentwurf wirft uns um Jahrzehnte zurück. Der neue Gesetzesentwurf ist de facto rückwirkend und würde einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten. Warum nicht andersrum denken? Anstatt die Situation für deutsche Investoren zu verschlechtern lieber Anreize für ausländische Investoren setzen, in Deutschland zu investieren!”
Christian Vollmann, Gründer von eDarling und Business Angel

“10-%-Hürde ist komplett zusammengewürfelt”

“Die Willkür mit welcher der deutsche Fiskus versucht die Steuereinnahmen irgendwo in die Nähe der Ausgaben zu hieven sucht seines gleichen. Nicht nur, dass im Vorstoß des Bundesrates eine faktische Rückwirkung für 2012 vorgesehen ist, auch die 10-%-Hürde ist komplett zusammengewürfelt. Die Re-Investitionsfreundichkeit von erfolgreichen Unternehmern nach einem Exit in neue und innovative Modelle, sowie die Schaffung von gut bezahlten Arbeitsplätzen würde mit solch einem Gesetz komplett torpediert. Für mich persönlich stellt sich die Frage ob Deutschland noch ein Land ist, in welchem man mit einer gewissen Rechtssicherheit seinen Aktivitäten – das Gründen von und Investieren in neue Firmen und Arbeitsplätze – langfristig nachkommen kann, oder ob es nicht bessere Optionen dafür gibt, beispielsweise in der Schweiz, auf Zypern oder Malta. Weder ich noch einer meiner befreundeten Investoren haben Probleme ihren Beitrag zu unserer Gemeinschaft zu leisten: Ich lebe gerne in Deutschland und zahlen hier auch alle meine Steuern. Jedoch muss es eine gewisse Planungssicherheit und Sicherheit vor Willkür des deutschen Fiskus geben.”
Maximilian Thyssen, Founding Partner Family’s Venture Capital

“Ein Schlag ins Gesicht von Gründern”

“Die geplante Gesetzesänderung ist ein Schlag ins Gesicht von Gründern und privaten Frühphaseninvestoren. Die beiden Gruppen tragen die größten Risiken und reinvestieren Erlöse aus Beteiligungsverkäufen meist direkt wieder in neue Start-ups. Privatentnahmen müssen sie auch jetzt schon mit ihrem persönlichen Steuersatz versteuern. Das mit der Änderung zu erzielende zusätzliche Steueraufkommen ist minimal. Der Gesetzesentwurf ist eher als Maßnahme zur Verteidigung in der typisch deutschen Neiddebatte zu sehen. Unsere Politiker ziehen es vor, alte Industrien künstlich am Leben zu halten, statt dort die richtigen Anreize zu schaffen, wo die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen – beschämend.”
Gerald Schönbucher, Gründer von Hitmeister und Business Angel

“Ein falsches Signal!”

“Wenn man bedenkt, dass wir im internationalen Vergleich als Standort für die Net Economy in den letzten Jahren digital abgehängt worden sind, dann sollten wir eigentlich alles dafür tun, um ein positives Umfeld für Gründer und Investoren in dieser Branche schaffen. Die aktuellen Überlegungen zur vorgesehenen Gesetzesänderung in Bezug auf Steuervergünstigungen für Holding-Gesellschaften sind daher ein falsches Signal! Es müsste vielmehr darüber nachgedacht werden, wie man positive Anreize für mehr Investitionen setzen könnte, denn mehr Investitionen bedeuten am Ende auch mehr Unternehmen und damit auch mehr Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Die Net Economy ist und bleibt eine der wichtigsten Schlüsselbranchen für die Gegenwart und Zukunft und wir wären gut beraten endlich einmal darüber nachzudenken, wie wir die Investitionen in diesem Bereich sinnvoll steigern und nicht regulativ reduzieren können.”
Univ.-Prof. Dr. Tobias Kollmann (Duisburg-Essen), Geschäftsführer netStart Venture

“Konsequenzen sind wohl nicht klar”

“Ich mache mir Sorgen um die Signalwirkung solcher Entscheidungen. Die Konsequenzen sind den Entscheidern wohl nicht klar. Es ist bemerkenswert, wie viel Innovation und Unternehmertum inzwischen in der Start-up-Szene vorhanden ist. Nur sind die Gründer am Anfang auf Risikokapitalgeber angewiesen und es gibt eine erfreulich aktive Business Angels-Szene in Deutschland. Ein Investor denkt aber immer auch über Alternativen nach und vergleicht Immobilien, Aktien und Start-up-Investments miteinander. Wenn man durch ein Steuergesetz besonders die Beteiligungen unter 10 % schlechter stellt, sind die Start-ups durchaus einer der unattraktiveren Investmentziele. Wenn diese kleinen Frühphaseninvestoren künftig die Lust in Start-ups zu investieren verlieren, verlieren alle – auch die Finanzämter.”
Samuli Sirén, Manager Business Development and Investments von K – New Media

“Regelung wird sich negativ auswirken”

“Deutschland hat die Chance, in den kommenden Jahren das nächste Facebook, Google oder eBay hervorzubringen. Seed-Finanzierungen sind eine wichtige Grundlage für die Gründung und spätere Wachstumsphasen von Internetunternehmen. Gerade in frühen Firmenphasen sind Investments allerdings mit sehr hohen Risiko verbunden. Die finanzpolitischen Rahmenbedingungen müssen entsprechendes Unternehmertum fördern und unterstützen. Die vorgeschlagene Regelung wirkt dem völlig konträr und wird sich Regelung auf die Investitionskultur und damit das Wachstum von jungen Internetunternehmen in Deutschland auswirken. Die erfolgreichen ersten Schritte der vergangenen Jahre dürfen nicht zunichte gemacht werden!
Felix Haas, Gründer von amiando und Business Angel

“Neue Ideen brauchen nun einmal auch Geld”

“Das ist absoluter Schmarr’n, wie wir hier in ‘Silicon Isar’ sagen würden. Deutschland hat lange warten müssen, bis wir endlich etwas haben, was die USA schon lange vor uns hatte, nämlich erfolgreiche Gründer, die als Angels tätig werden und Geld aus Exits wieder reinvestieren. Klar, know-how ist etwas sehr wichtiges, was diese Gründer weitergeben können, aber neue Ideen brauchen nun einmal auch Geld. Gerade in dieser ersten Zeit, wo einen viele noch für verrückt halten, da braucht es Entrepreneur-Angels, die einfach ein gutes Bauchgefühl haben und einsteigen. Wenn diesen aber die Grundlage genommen wird, genau das zu machen, dann machen wir etwas kaputt was über Jahre gewachsen ist, um das uns viele andere Länder schon beneiden, und was jetzt erst anfängt, so richtig zu rocken.”
Henning Kosmack, Gründer von MegaZebra

“Ich zahle gerne mehr”

“Aussagen wie „Schlag ins Gesicht von Gründern“, „Gesetzesentwurf wirft uns Jahrzehnte zurück“ (was war die Internetszene damals eigentlich: Die Fax-Szene?), „Exiterlöse auf den Privatkonten der Investoren landen und dort versauern“ sind blanker Zynismus” – Ein offener Brief von Ehssan Dariani zum Anti-Angel-Gesetz

Was sagen Sie zur geplanten Änderung? Meinungen bitte in den Kommentaren hinterlassen.