Von Yvonne Ortmann
Dienstag, 4. Oktober 2011

Copycats – wie wichtig sind Klone fürs Start-up-Ökosystem?

Auf sehr wenigen Konferenzen geht es so speziell um die Belange von Start-ups wie auf der Advance, die in Köln Ende September zum ersten Mal stattfand. Start-ups pitchten, diskutierten, tauschten Erfahrungen aus und lernten Investoren kennen. Zwei der Themen, die auf der gelungenen zweitägigen Konferenz behandelt wurden, möchten wir an dieser Stelle ebenfalls zur Diskussion stellen. Das erste: Was macht Start-ups eigentlich erfolgreich? Das zweite: Wie wichtig sind Copycats, also dreiste Kopien von Geschäftsmodellen, für das gesamte Start-up-Ökosystem (siehe Video unten)?

Was macht Start-ups erfolgreich?

Welche Faktoren Start-ups zum (auch wirtschaftlichen) Erfolg verhilft, dürfte jeden gründeraffinen Menschen interessieren – genauso wie Investoren. Auch die Macher von blackbox, einem Inkubator im Silicon Valley, stellten sich diese Frage und gaben daraufhin den „Startup Genome Report“ in Auftrag. Über 3200 “grown up” Start-ups wurden für die Studie wissenschaftlich untersucht.

In Zahlen ausgedrückt lauten zwei wichtige Erkenntnisse aus der Studie so: 90 % der Start-ups im Silicon Valley schaffen den Durchbruch nicht. Über 70 % davon deshalb, weil sie zu früh skalieren. TechCrunch interpretierte dies so: “Self-destruction and not competition is the bane of most startups, it seems.” Gründer stehen sich auf dem Weg nach oben also oftmals selbst im Weg, meist aus Unwissenheit. Der Zeitpunkt der Skalierung ist beispielsweise ein entscheidender Erfolgsfaktor und hängt wesentlich davon ab, um was für eine Art von Tech-Startup es sich handelt. Deshalb entwickelte das Team eine Typenlehre, die sämtliche Start-up-Arten klassifiziert.

Zu den Grundtypen zählen „the Automator“ (Unterform: „the Social Transformer“), „the Integrator“ und „the Challenger“. Die verschiedenen Gruppen haben unterschiedliche Anforderungen in Bezug auf Kundenbindung/-gewinnung, Zeitmanagement, Marktrisiko und Teamzusammenstellung, müssen also jeweils spezielle Produkt- und Businessentscheidungen treffen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten skalieren. Deshalb veröffentlichte blackbox den „Startup Genome Compass“, eine Webanwendung für Start-ups. Mit dem Compass können Gründer regelmäßig ermitteln, auf welcher Stufe sie aktuell stehen und wann der beste Skalierungszeitpunkt ist. Einfach mal ausprobieren!

„Pivot“ – aber nicht zu oft!

Doch nun zu den Erfolgsfaktoren. Einige von ihnen sind wenig spektakulär („Gründe nicht alleine“, „Habe einen technisch basierten Co-Gründer mit im Team“), andere äußerst interessant. Zum Beispiel dass ein Start-up vor allem dann erfolgreich ist, wenn man es von Anfang an Vollzeit betreibt und nicht Teilzeit daran bastelt. Risikobereitschaft heißt die Devise! Dies dürfte viele Gründer, die aus Zeit- und Sicherheitsgründen ihren Job erst einmal behalten, vor den Kopf stoßen. Doch damit sind wir gleich beim nächsten Punkt: „Pivot“. Laut Mike Butcher von TechCrunch Europe eine nette Umschreibung für „We fucked it up“. Dies meint nicht unbedingt ein vollkommenes Scheitern der ursprünglichen Idee sondern eher ein komplettes Ummodellieren der bisherigen Pläne: „A pivot is when a startup decides to change a major part of its business“, heißt es im Report.

“Pivot” bringt Gründer weiter, sie sollten es damit aber nicht übertreiben: „Startups that pivot once or twice raise 2.5x more money, have 3.6x better user growth, and are 52 percent less likely to scale prematurely than startups that pivot more than two times or not at all.“ Hier sieht Bishara einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Deutschland und den USA: „Das Einzigartige im Silicon Valley ist, dass man scheitern darf – sofern man daraus lernt. Hierzulande durchdenkt man im Vorfeld alles bis ins Kleinste, um Versagen auf jeden Fall zu vermeiden.“ Das Ergebnis daraus: Viele fangen zu spät – oder gar nicht erst – an. Schade! Im Silicon Valley gebe es den Ausdruck “to fail forward”, erklärte Mike Butcher an anderer Stelle. Ein Satz, den sich nicht nur Gründer zu Herzen nehmen sollten sondern auch all jene, die gerne ein “das war ja klar” oder “hab ich von Anfang an gewusst” unter entsprechende Meldungen setzen und damit jegliche Veränderungen im Umgang mit diesem Thema im Keim ersticken.

Und ewig ruft die Copycat…

Eine zweite schöne Diskussion: Die Frage nach der Legitimität und dem Nutzen von Copycats. Genauer gesagt die Frage, ob Europa ein Kontinent der Copycats sei. Moderator Mike Butcher (TechCrunch Europe) stellte gleich zu Anfang klar, dass es diese Diskussion in den USA so nicht gäbe: “Wir würden nicht von ‘Clones’ sprechen sondern von ‘Wettbewerbern’.” Selbst Pownce, ein offensichtlicher Twitter-Copycat, werde als Mitbewerber betrachtet und nicht als Klon.

Butcher warf eine spannende Frage in die Runde, die das Thema mal von einer anderen Seite beleuchtet: Hat das Klonen erfolgreicher Geschäftsideen nicht allein darin seinen Nutzen, dass es anderen Gründern ermöglicht, innovative Start-ups zu gründen? Anders gefragt: Sind es nicht erfolgreich adaptierte Klone, die das Geld ins Startup-Ökosystem bringen, mit dem dann auch wieder kleine, innovative Gründungen finanziert werden können?

Die Antwort lautet “Ja”. Copycats haben durchaus ihre Berechtigung und ihren Nutzen für die gesamte Start-up-Landschaft. Klone geben Investoren und Inkubatoren die wirtschaftliche Sicherheit, ohne die kein Geld in andere Projekte fließen kann. Und für manch einen Gründer ist das Adaptieren einer bestehenden Idee der Eintritt ins Gründertum. Die nächste Idee ist dann vielleicht was eigenes.

Natürlich gibt es noch eine andere Hälfte der Wahrheit. Diese formulierte Isaac Wolkersdorfer (6wunderkinder) mit seiner Anfrage, ob man denn hierzulande ausschließlich kopieren könne. Dem konnte auch Lars Hinrichs (HackFwd) nur zustimmen: „Europäische Investoren investieren ausschließlich in funktionierende Klone.“ Nicht das Klonen an sich ist also das Problem, sondern das ausschließlich! Erfolgsversprechende Klone gehören durchaus ins Startup-Ökosystem. Nur mit der wünschenswerten Folge, dass daraus resultierende Gelder und Erfahrungen auf der anderen Seite jungen, innovativen und nicht zu 100 % erfolgsversprechenden Projekten zugute kommen, hapert es leider. Weil europäische Investoren zu risikoscheu sind? Weil europäische Start-ups nicht innovativ genug sind?

Markus Fuhrmann (Team Europe) brachte die Sprache auf Business Angels. Sie seien es, die investieren könnten, in was ihnen gefällt – auch wenn es ökonomisch betrachtet keinen Sinn mache. Haben wir in unserer ganzen Diskussion um Investoren/Inkubatoren und ihre Copycats diese Gruppe ganz vergessen? Müsste nicht vielmehr das Businessangeltum wieder mehr an Fahrt gewinnen, um etwas zu füllen, was Investoren hierzulande – aus welchen Gründen auch immer, an dieser Stelle könnte man nun wieder Ping-Pong spielen – nicht leisten können: risikoreiche „Herzens-Investments“? Aber was für VCs gilt, gilt leider auch für Business Angels: Es gibt hierzulande vergleichsweise sehr viel weniger davon als in den USA. Insgesamt eine Problematik, für die es aktuell keine Lösung zu geben scheint – oder doch? Diskutiert gerne mit!

Fotogalerie: Advance Conference

Ende September fand in Köln erstmals die Advance Conference statt. Zur gelungenen zweitägigen Konferenz kamen unzählige junge Gründer aus Deutschland und dem benachbarten Ausland in die Rheinmetropole. Einige Eindrücke in unserer Fotogalerie.

Foto (Star Wars): pasukaru76/flickr (Lizenz:CC BY 2.0)
Foto ( Fadi Bishara von blackbox): Advance
Foto (Mike Butcher, Markus Fuhrmann, Lars Hinrichs, Patrick Meisberger, Isaac Wolkerstorfer): Advance