Warum Deutschland bei Physical AI noch gewinnen kann
Von Team
Donnerstag, 27. August 2026

#Gastbeitrag

Warum Deutschland bei Physical AI noch gewinnen kann

Europa wird OpenAI wohl nicht mehr einholen. Doch die nächste KI-Welle könnte in Fabriken, Lagerhallen und Robotern entschieden werden. Warum Deutschland dabei gute Chancen hat, erklärt Roland Graser (The Residency) in diesem Gastbeitrag.

Das Rennen um die besten Chatbots haben Deutschland und Europa längst verloren. Bei der neuen Welle der physischen KI ist es noch nicht zu spät. Aber wir müssen umdenken.

Vor wenigen Monaten saß ich mit einer Gruppe von AI-Foundern im Auto auf dem Weg von Wien über München nach Zürich.

Wir besuchten Labore, Universitäten, Hackerhäuser und Startup-Communities. Einer der Gründer arbeitete an einer neuen Art von neuronalen Netzwerken, inspiriert vom menschlichen Gehirn. Ein anderer beschäftigte sich mit neuen Computerarchitekturen, die klassische GPUs langfristig ergänzen oder ablösen könnten. Es war ein Moment, der mich nachdenklich machte.

Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit in San Francisco und führe für einen AI-Accelerator Gespräche mit hunderten Gründern aus aller Welt. Über 500 Founder-Interviews später ist eine Erkenntnis für mich klar geworden: Europa hat das Rennen um die großen Sprachmodelle verloren.

Die Unternehmen, die die aktuelle AI-Revolution dominieren, entstanden nicht in Berlin, München oder Paris. Sie entstanden in San Francisco. Dort befinden sich das Kapital, die größten Compute-Cluster, die aggressivsten Gründer und ein einzigartiges Netzwerk aus Forschern, Investoren und Unternehmern. Europa wird OpenAI nicht mehr einholen.

Aber vielleicht ist das auch die falsche Frage. Die nächste Phase der künstlichen Intelligenz wird nicht nur darum gehen, bessere Chatbots zu bauen. AI verlässt gerade den Bildschirm und beginnt, die physische Welt zu verstehen und zu verändern.

In unseren Bewerbungen sehen wir mittlerweile regelmäßig Unternehmen, die Datensätze für Robotermodelle erstellen, neue Sensorik entwickeln oder daran arbeiten, Robotern beizubringen, reale Aufgaben auszuführen.

Dabei entsteht ein interessantes Paradox. Die erste AI-Welle wurde von Daten aus dem Internet angetrieben. Milliarden Webseiten, Bilder und Texte waren frei verfügbar. Die nächste AI-Welle braucht etwas ganz anderes: Fabriken, Lagerhäuser, Maschinen und Millionen Stunden menschlicher Interaktion mit der realen Welt.

Und genau dort besitzt Europa Stärken. Deutschland ist nicht nur ein Softwarestandort. Es ist eine der größten Industrienationen der Welt. Europa verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Maschinenbau, in der Automatisierung, in der Robotik und in hochspezialisierter Fertigung.

Allerdings passt die Art, wie wir denken, nicht zu einer stark verbundenen und beschleunigten Welt. Der größte Unterschied zwischen Silicon Valley und Europa ist nicht Intelligenz. Es ist auch nicht Talent. Der größte Unterschied ist die Geschwindigkeit und der Grad an Ambition.

In San Francisco trifft man regelmäßig 18-Jährige, die daran arbeiten, eine Milliardenindustrie neu zu erfinden. Man trifft Forscher, die Unternehmen gründen, bevor ihre Technologie überhaupt vollständig entwickelt ist. Man trifft Gründer, die nicht fragen: „Kann ich ein erfolgreiches Startup aufbauen?“, sondern: „Welches der wichtigsten Probleme der Menschheit kann ich lösen?“

Diese Denkweise muss Europa stärker übernehmen. Denn die nächste Generation großer AI-Unternehmen wird möglicherweise nicht aus einem besseren Sprachmodell entstehen. Sie könnte aus einem Roboter kommen, der in einer deutschen Fabrik trainiert wurde.

Europa hat die erste große AI-Welle verpasst. Die Geschichte der künstlichen Intelligenz ist aber noch nicht zu Ende geschrieben. Die nächste Welle beginnt gerade erst.

Über den Autor
Roland Graser ist Unternehmer und arbeitet im Founding-Team von The Residency, einem KI-Accelerator in San Francisco. Dort verantwortet er die Auswahl internationaler Gründerteams und hat in den vergangenen Monaten mehrere hundert KI-Startups aus Europa und den USA interviewt. Zuvor gründete er selbst Unternehmen im Bereich KI und Longevity. Sein Fokus liegt auf den Entwicklungen an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Robotik, Biotechnologie und Deep Tech.

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Foto (oben): KI