Exit – und dann? Was Gründer:innen nach dem großen Verkauf wissen sollten
Von Team
Mittwoch, 26. August 2026

#Gastbeitrag

Exit – und dann? Was Gründer:innen nach dem großen Verkauf wissen sollten

Thomas Haberl, der sein erstes Unternehmen für einen annähernd dreistelligen Millionenbetrag verkaufte, ordnet die Phase nach dem Deal ein: vom Umgang mit dem Verkaufserlös und der Steuerfrage bis zur Entscheidung, ob man das Kapital investiert oder noch einmal gründet.

Wie man ein Unternehmen gründet, finanziert und skaliert, dazu gibt es viele gute Quellen. Was nach dem Verkauf kommt, wird seltener besprochen – dabei entscheidet sich gerade hier, wie viel vom Erlös am Ende übrig bleibt und was man mit der neuen Freiheit anfängt. Einiges davon muss man festlegen, lange bevor der Verkauf überhaupt ansteht.

Ich habe DRACOON, einen Regensburger Cloud-Dienst, 2008 zusammen mit einem Freund gegründet und 2023 an das US-Unternehmen Kiteworks ins Silicon Valley verkauft. Zu unseren Kunden zählten die Deutsche Bundesbank, Porsche und rund 650 der 700 deutschen Volks- und Raiffeisenbanken. Statt danach als Investor kürzerzutreten, habe ich direkt wieder gegründet: OHANA Invest, über das Privatanleger heute in Photovoltaik-Freiflächenanlagen und Batteriespeicher investieren.

Vom Realschüler zum Silicon-Valley-Exit

Mein Weg ist kein Lehrbuch-Werdegang. Aufgewachsen in einem Arbeiterumfeld in der Oberpfalz, kam ich zwar mit Fachabitur, aber ohne Studium in die IT – über Realschule, Fachoberschule und Wehrdienst. DRACOON habe ich bewusst auf die schwierigsten Kunden ausgerichtet: Behörden, Kliniken, Banken, Versicherungen; also auf Branchen mit den höchsten Anforderungen an Verschlüsselung, Datenschutz und Zertifizierung. Über 17 Jahre wurde daraus einer der am besten zertifizierten File-Cloud-Anbieter im deutschsprachigen Raum, mit rund 600.000 Nutzern und einer Abwanderungsquote (engl. „Churn“) von unter zwei Prozent. Dann habe ich mich für den Exit entschieden. 

Der Millionenbetrag steht auf dem Konto – und jetzt?

Was viele unterschätzen: Wie viel vom Verkaufserlös am Ende tatsächlich ankommt, entscheidet sich zu einem großen Teil, lange bevor überhaupt ein Käufer am Tisch sitzt – nämlich in der Beteiligungsstruktur.

Der Unterschied ist erheblich. Wer die Anteile am eigenen Unternehmen privat hält, versteuert beim Verkauf im Regelfall rund 60 Prozent des Gewinns zum persönlichen Einkommensteuersatz (Teileinkünfteverfahren); effektiv liegt die Belastung grob bei einem Viertel bis knapp 30 Prozent. Liegen die Anteile dagegen in einer zwischengeschalteten Holding-GmbH, bleiben rund 95 Prozent des Gewinns steuerfrei – auf Holding-Ebene bleibt dann nur eine Belastung von etwa anderthalb Prozent. Der Haken: Dieser Vorteil greift nur, solange das Geld in der Holding bleibt und dort reinvestiert wird. Wird es privat entnommen, fällt eine „zweite“ Steuer an.

Entscheidend ist der Zeitpunkt. Eine Holding entfaltet ihre volle Wirkung nur, wenn sie früh steht. Wer die Anteile erst kurz vor dem Verkauf einbringt, muss eine siebenjährige Sperrfrist beachten, in der der Vorteil nur anteilig gewährt wird. Die steuerlich wichtigste Exit-Entscheidung fällt damit faktisch schon bei der Gründung. Wer erst reagiert, wenn der Deal auf dem Tisch liegt, hat diese Weiche in der Regel verpasst.

Was in jedem Fall gilt: Die steuerliche Planung gehört vor die Unterschrift, nicht danach. Ist der Kaufvertrag einmal beurkundet, steht der Netto-Erlös praktisch fest. Und wer einen Earn-out vereinbart – also einen an künftige Ziele geknüpften, zeitversetzt fließenden Kaufpreisanteil –, sollte Liquidität und Steuerlast über mehrere Jahre denken und kein Geld verplanen, das noch gar nicht geflossen ist.

Ich selbst habe entschieden, mein Kapital in reale Sachwerte zu lenken, konkret in erneuerbare Energien, die sich unter bestimmten Voraussetzungen über den Investitionsabzugsbetrag steuerlich nutzen lassen. Diese Überlegung wurde gleichzeitig zum Ausgangspunkt meines nächsten Unternehmens: OHANA Invest ermöglicht heute genau diesen direkten Zugang zu Photovoltaik- und Speicherprojekten. 

Welche Struktur im Einzelfall sinnvoll ist, hängt allerdings stark von der persönlichen Situation ab und gehört in fachkundige Hände.

Investieren oder noch einmal gründen?

Damit steht man nach dem Exit vor derselben Gabelung: das Kapital arbeiten lassen oder noch einmal selbst bauen. Diese Entscheidung ist zum Teil eine Struktur- und Steuerfrage, zum Teil eine sehr persönliche.

Zur Struktur: Wer den Erlös in einer Holding gebündelt hat, investiert von dort aus in der Regel weiter – in andere Unternehmen, Fonds oder Sachwerte –, weil das Kapital so im begünstigten Rahmen bleibt. Eine private Entnahme, um dasselbe Geld privat anzulegen, würde erneut Steuer auslösen. „Investieren“ heißt für viele von uns Ex-Gründer:innen deshalb: aus der eigenen Beteiligungsgesellschaft heraus.

Wer als Business Angel in junge Unternehmen investieren will, kann zusätzlich den staatlichen INVEST-Zuschuss nutzen: Business Angels bekommen aktuell 15 Prozent ihrer Investition steuerfrei erstattet (Mindestbeteiligung 10.000 Euro, Mindesthaltedauer drei Jahre), bei einem späteren gewinnbringenden Verkauf kommt ein pauschaler Exitzuschuss hinzu. Das senkt das Risiko einzelner Frühphasen-Wetten, ersetzt aber nicht den Grundsatz, breit zu streuen. Und wer noch einmal selbst gründet, kann von Instrumenten wie dem Investitionsabzugsbetrag profitieren, der geplante Investitionen vorab teilweise abziehbar macht.

Jenseits der Zahlen bleibt es eine persönliche Entscheidung. Für mich haben sich dabei drei Fragen als brauchbares Raster erwiesen:

  • Erstens die Energie. Wer nach vielen Jahren Vollgas ehrlich in sich hineinhört, sollte den Reiz des Neuanfangs vom Bedürfnis nach Ruhe unterscheiden. Ich habe mir einige Monate Pause gegönnt, bevor ich weitergemacht habe.
  • Zweitens die Kontrolle. Meine wichtigste Lehre aus der DRACOON-Zeit: Investorengeld ist kein Geschenk, sondern ein Deal. Wer es nimmt, gibt fast immer auch ein Stück Kontrolle über die eigene Firma ab. OHANA Invest baue ich deshalb bewusst ohne externe Investoren auf.
  • Drittens der Sinn. Für mich war der Hebel in die Energiewende ein eigenständiges Motiv – privates Kapital, das einen messbaren Beitrag leistet, statt nur eine Rendite zu suchen.

Wer diese drei Fragen – Energie, Kontrolle, Sinn – für sich beantwortet, hat eine belastbarere Grundlage als jede Rendite-Tabelle.

Über den Autor
Thomas Haberl ist Unternehmer, Investor und Business Angel. Nach dem erfolgreichen Exit beim FileCloud-Anbieter DRACOON treibt er heute mit der Ohana Invest GmbH durch nachhaltige Investitionslösungen in den Bereichen Solar und Speichertechnologie die Energiewende voran. Über die beclever holding GmbH unterstützt er zudem als Mentor und Business Angel junge Unternehmen, die in Deutschland wachsen.

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Foto (oben): KI