„Wir haben sehr früh entschieden, nah am Kunden zu bleiben“
Von Alexander
Dienstag, 4. August 2026

„Wir haben sehr früh entschieden, nah am Kunden zu bleiben“

BLP Digital zählt zu den aufstrebenden KI-Unternehmen aus der Schweiz. Mehr als 500 Unternehmen setzen die Software der Firma bereits ein. Im Interview spricht Gründer Tim Beck über Wachstum, die jüngste Finanzierungsrunde und die Expansion.

Das Unternehmen BLP Digital aus Zürich, 2019 von Tim Beck, Sven Beck, Sabrina Schenardi und Thore Harmuth gegründet, entwickelt „KI-basierte Technologien, die Organisationen dabei unterstützen, ERP-Prozesse effizienter, transparenter und zuverlässiger zu gestalten“.

„Heute arbeiten mehr als 500 Unternehmen in über 40 Ländern mit BLP. In relevanten Workflows sehen Kunden typischerweise Produktivitätssteigerungen im Bereich des fünf- bis zehnfachen. Auch unser Team wächst stark. Aktuell sind wir 170 Mitarbeitende und planen, bis Ende des Jahres auf rund 260 Mitarbeitende zu wachsen“, sagt Gründer Beck.

Goldman Sachs Alternatives investierte im Rahmen einer Secondary Transaction zuletzt 50 Millionen US-Dollar in das Unternehmen.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht BLP Digital-Gründer Tim Beck einmal ausführlich über den Stand der Dinge bei BLP Digital.

Wie würdest Du Deiner Großmutter BLP Digital erklären?
Ich würde ihr sagen: Viele Unternehmen bekommen jeden Tag tausende Dokumente von Kunden, Lieferanten oder Partnern. Rechnungen, Bestellungen, Auftragsbestätigungen, Lieferscheine. Solange alles genau so aussieht und passt, wie es soll, können Computer-Systeme vieles automatisch verarbeiten. Schwierig wird es, wenn etwas von der Norm abweicht. Ein Lieferdatum ändert sich, eine Menge stimmt nicht, ein Preis passt nicht oder eine Information fehlt. Dann bleibt der automatische Prozess hängen und Menschen müssen prüfen, was zu tun ist. BLP Digital baut KI-Agenten, die genau das verhindern sollen. Sie lesen die Dokumente, vergleichen sie mit den Daten im ERP-System und helfen, den nächsten richtigen Schritt auszuführen. So kommen Prozesse schneller weiter, ohne dass Mitarbeitende jeden einzelnen Sonderfall selbst klären müssen.

War dies von Anfang an Euer Konzept?
Der Grundgedanke war von Anfang an derselbe: Wir wollten ERP-nahe Prozesse automatisieren, bei denen Unternehmen sehr unnötige operative Arbeit einsetzen müssen. Gestartet sind wir konkret. Der erste Prozess war die Prüfung von Auftragsbestätigungen im Einkauf. Danach kamen Lieferscheine in der Logistik, Rechnungen in Finance und später auch Sales-Prozesse wie eingehende Bestellungen oder Angebotsgenerierung dazu. Es war also kein klassischer Pivot, sondern eher eine Erweiterung aus der jeweiligen Problemstellung heraus. Je mehr wir mit Kunden gearbeitet haben, desto klarer wurde: Es geht nicht um einen einzelnen Dokumenttyp. Es geht darum, dass Unternehmen in vielen Bereichen dieselbe Art von Problem haben. Daten müssen verstanden, mit ERP-Informationen abgeglichen und bei Abweichungen weiterbearbeitet werden. Daraus ist Schritt für Schritt eine Plattform entstanden.

Wie hat sich BLP Digital seit der Gründung entwickelt?
BLP Digital hat sich von einem Schweizer B2B-Software-Startup zu einer international eingesetzten Enterprise-Plattform entwickelt. Heute arbeiten mehr als 500 Unternehmen in über 40 Ländern mit BLP. In relevanten Workflows sehen Kunden typischerweise Produktivitätssteigerungen im Bereich des fünf- bis zehnfachen. Auch unser Team wächst stark. Aktuell sind wir 170 Mitarbeitende und planen, bis Ende des Jahres auf rund 260 Mitarbeitende zu wachsen. Gleichzeitig bauen wir unsere internationale Präsenz weiter aus, vor allem in Europa und perspektivisch darüber hinaus.

Was war zuletzt das Highlight bei Euch?
Ein großes Highlight war der Einstieg von Goldman Sachs Alternatives als Investor. Für uns war das ein starkes Signal, weil es zeigt, dass der Markt Agentic AI nicht nur als Technologietrend sieht, sondern als echten Produktivitätshebel in Unternehmensprozessen. Aus diesem Meilenstein ist dann noch ein sehr besonderer Moment entstanden: BLP Digital wurde am Nasdaq Tower in New York gefeatured. Für ein Schweizer B2B-Software-Unternehmen war das natürlich eine klare Erhöhung der Sichtbarkeit, gerade mit Blick auf unsere internationale Expansion und den nächsten Wachstumsschritt.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schief gegangen?
Wir haben sicher unterschätzt, wie viel Komplexität man auflösen muss, wenn man ERP-Prozesse wirklich end-to-end automatisieren will. Am Anfang klingt es logisch: Man baut ein Modell, das Dokumente versteht, und damit ist ein großer Teil des Problems gelöst. In der Praxis reicht das aber nicht. Man muss die Daten mit dem ERP-System vergleichen, Prozesslogik abbilden, Nutzerentscheidungen unterstützen, Workflows steuern und Sonderfälle sauber behandeln. Das hat unser Produkt deutlich komplexer gemacht, als man es als Startup vielleicht idealerweise planen würde. Aber im Rückblick war es richtig. Sonst hätten wir nur einen Teil des Problems gelöst und den Rest wieder an den Kunden zurückgegeben.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Wir haben sehr früh entschieden, nah am Kunden zu bleiben und das Problem nicht künstlich kleiner zu machen. Viele hätten wahrscheinlich gesagt: Baut nur die Dokumentenerkennung und skaliert das. Für uns war aber klar, dass das nicht reicht. Wenn man ein Dokument nur ausliest, aber den Abgleich mit dem ERP-System und die Entscheidung danach nicht unterstützt, hat man dem Kunden noch nicht wirklich geholfen. Diese Konsequenz war wichtig. Wir haben viel in Technologie, Integrationen und Produktqualität investiert und weniger in Dinge, die kurzfristig mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Dadurch ist BLP Digital heute eine Lösung, die in echten Unternehmensprozessen funktioniert, nicht nur in einem Demo-Setup.

Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründer:innen mit auf den Weg?
Verliebt Euch nicht zu früh in die einfach skalierbare Version Eurer Idee. Natürlich muss ein Startup skalieren können. Aber gerade im B2B-Umfeld ist es gefährlich, das Problem so lange zu vereinfachen, bis es zwar gut auf eine Folie passt, die Lösung aber im Alltag des Kunden nicht mehr reicht. Mein Tipp wäre: Versteht das Problem wirklich tief. Sprecht mit Kunden, schaut Euch die Prozesse an und baut für produktive Nutzung, nicht nur für den perfekten Demo-Moment. Wenn Ihr ein echtes Problem löst, entsteht daraus viel mehr Substanz.

Wo steht BLP Digital in einem Jahr?
In einem Jahr wollen wir deutlich größer und internationaler sein. Wir sind heute schon bei mehr als 500 Kunden in über 40 Ländern im Einsatz, aber wir stehen in vielen Märkten erst am Anfang. Unser Ziel ist, den Umsatz weiter stark zu steigern, bestehende Kunden deutlich auszubauen und neue Enterprise-Kunden in Europa und den USA zu gewinnen. Gleichzeitig werden wir unser Team massiv vergrößern. Wir planen, bis Ende des Jahres auf rund 260 Mitarbeitende zu wachsen und bis Ende 2027 auf mehr als 500. Das ist für uns ein wichtiger Schritt, um die Nachfrage im Markt bedienen zu können und unsere internationale Expansion konsequent voranzutreiben. Inhaltlich wollen wir BLP Digital noch klarer als führende Plattform für Agentic AI in ERP-nahen Unternehmensprozessen positionieren. Der Anspruch ist nicht, ein weiteres KI-Tool im Markt zu sein. Wir wollen zeigen, dass KI in kritischen Geschäftsprozessen produktiv, messbar und skalierbar eingesetzt werden kann.

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Foto (oben): BLP Digital