#EXKLUSIV Bitter und tragisch: DaWanda schließt seine Tore

Zwölf Jahre nach dem Start wird DaWanda abgewickelt. Das Aus zum jetzigen Zeitpunkt kommt überraschend: Vor gerade einmal fünf Monaten verkündete DaWanda vollmundig und ausschweifend den Sprung in die schwarzen Zahlen.
Bitter und tragisch: DaWanda schließt seine Tore

Das 2006 gegründete Berliner Grownup DaWanda, ein Online-Marktplatz für Unikate und Selbstgemachtes, steht nach Informationen von deutsche-startups.de vor dem Aus. Das Unternehmen, das von Claudia Helming und Michael Pütz gegründet wurde, wird in den kommenden Monaten komplett abgewickelt – so zumindest der Berliner VC-Flurfunk. In der kommenden Woche sollen Details zum Ableben bekanntgegeben werden. Vom Unternehmen bekamen wir keine Stellungnahme. Das Aus zum jetzigen Zeitpunkt kommt überraschend: Vor gerade einmal fünf Monaten verkündete DaWanda vollmundig und ausschweifend den Sprung in die schwarzen Zahlen. Nicht im gesamten vergangenen Jahr, aber zumindest im vierten Quartal arbeitete DaWanda nach eigenen Angaben kostendeckend.

Im vergangenen Jahr lag der Umsatz der Plattform bei 16,4 Millionen Euro. Was immerhin ein Wachstum von 21,4 % bedeutete. “Der operative Verlust (EBITDA) lag 2017 bei knapp 1 Million Euro, im Vorjahr war es noch ein Minus von 4 Millionen Euro”, teilte das Unternehmen im Februar mit. “In den vergangenen Jahren haben wir DaWanda in Deutschland und in Europa groß gemacht. Wir investierten dabei vor allem in die stetig steigende Bekanntheit und in den Ausbau unserer Marktführerschaft – das funktioniert nicht ohne hohe Marketing- und Personalkosten. An den Errungenschaften der letzten Jahre werden wir weiter festhalten, künftig jedoch die anhaltende bzw. steigende Profitabilität nicht aus dem Blick verlieren, denn diese unterstreicht den Erfolg unserer langfristigen Geschäftsstrategie”, sagte Mitgründerin Helming Anfang dieses Jahres. Im Grunde waren die schwarzen Zahlen im vierten Quartal aber auch nur ein halber Erfolg. Ursprünglich peilte das DaWanda-Team auch für das dritte Quartal schwarze Zahlen an. “2018 soll die Vollprofitabilität erreicht werden”, teilte Dawanda im Sommer 2017 per Mail mit.

Ein Blick zurück: 2017 passte DaWanda – nach enormen Verlusten in den Vorjahren – unter anderem sein Gebührenmodell massiv an. Zudem entließ das Grownup massiv Mitarbeiter. 150 Mitarbeiter arbeiten laut Unternehmen derzeit bei DaWanda (wobei die Zahl nicht brandaktuell ist). Im Sommer zuvor waren es noch 200. Wobei damals auch die Zahl 320 im Raum stand. Jahrelang steckte DaWanda in der Dauerkrise. Mitte oder Ende 2017 wäre es nicht überraschend gewesen, wenn die Jungfirma doch noch gescheitert wäre. Immerhin produzierten die Hauptstädter jahrelang vornehmlich schlechte Nachrichten. Insgesamt verbrannte die DIY-Firma dabei bis Ende 2015 rund 19 Millionen Euro. Nach den weiteren Millionenverlusten in den vergangenen beiden Jahren war zuletzt offenbar einfach kein Geld mehr in der Kasse (Kapitalrücklage Ende 2015: 21,9 Millionen Euro). Zumindest müssen die DaWanda-Zahlen im ersten Halbjahr dieses Jahres eine Katastrophe gewesen sein. Sonst würden die Anteilseigner jetzt nicht kurzerhand gleich komplett den Stecker ziehen.

Seit Ende 2015 ist Dawanda fest in der Hand von Insight Venture Partners. Der bekannte Geldgeber hält rund 50 % am Unternehmen. Der Berliner Internet-Investor Rocket Internet bestimmte aber kürzlich immer wieder die Schlagzeilen unter den Dawanda-Gesellschaftern. Rocket hielt zuletzt 8,4 % der DaWanda-Anteile. Diesen Anteil bewertete der prominente Geldgeber Ende 2015 noch mit 6 Millionen Euro. Ende 2016 waren es nur noch 2,9 Millionen. Die Gesamtbewertung von Dawanda fiel somit innerhalb von 12 Monaten von rund 72,2 Millionen Euro auf 34,6 Millionen Euro. Damit war die Bewertung sogar niedriger als 2014 (3,8 Millionen bzw. 45,2 Millionen). “Klar haben wir Baustellen, und ­anhand derer könnte man aus Investorensicht davon ausgehen, dass sich der Firmenwert vermutlich nicht verdoppelt hat. Aber für eine Herabstufung gibt es einfach keinen Grund”, erklärte Helming damals zur Bewertung. Vielleicht war Rocket Internet aber auch in Bezug auf die Entwicklung von DaWanda einfach nur sehr vorsichtig und skeptisch.

Offen bleibt nun, was aus den DaWanda-Assets wird, nachdem die Investoren ganz offensichtlich die Geduld mit dem verlustreichen Unternehmen verloren haben. Ohne viel Hirnschmalz könnte man den amerikanischen Wettbewerber Etsy, seit 2010 auf dem deutschen Markt aktiv ist, als potenziellen Käufer anführen. Wobei die New Yorker in Deutschland ohnehin schon recht stark sind und sicherlich viele Käufer und Verkäufer auf beiden Plattformen unterwegs sind. Zum Vergleich: Etsy erwirtschaftete im ersten Quartal 2018 weltweit 120,9 Millionen US-Dollar Umsatz. Bliebe noch eBay oder amazon. Vermutlich ist DaWanda aber einfach zu klein für die genannten Firmen. Das Ende von DaWanda schmerzt, gerade weil das Unternehmen eines der sympatischsten Startups überhaupt war. Mit DaWanda stirbt ein kleines Stück Berliner Startup-Geschichte.

Update (30. Juni, 15:00 Uhr): Inzwischen ist das Aus für DaWanda offiziell. “Die Entscheidung fiel uns nicht leicht, in DaWanda steckt viel Herzblut”, sagt Gründerin Helming. “Gemeinsam mit unserer Community haben wir Do-it-yourself in den vergangenen 12 Jahren in Europa salonfähig gemacht und handgemachte Produkte als neue Kategorie im E-Commerce etabliert. Auf diese Leistung können wir stolz sein! Dennoch mussten wir uns in den letzten Jahren zunehmend eingestehen, dass es uns alleine nicht gelingen wird, das Wachstum weiter voran zu treiben. Darum müssen wir jetzt handeln – um unseren Verkäufern auch langfristig das Bestehen ihrer Unternehmen, ihre Einkommen und weiteres Wachstum zu sichern.” DaWanda empfiehlt seinen Nutzern nun den Umzug zu Etsy. Ende August wird DaWanda abgeschaltet. Etsy übernimmt dabei aber weder “Vermögen, Verbindlichkeiten und Mitarbeiter” von DaWanda. “Die Mitarbeiter von DaWanda wurden bereits über die Schließung der Firma informiert, die sich aus der Beendigung des Geschäftsbetriebes ergibt. Sie erhalten ein Abfindungspaket, der Großteil ist bereits freigestellt”, teilt das Unternehmen zum Schluss noch mit.

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Foto (oben): DaWanda

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.