Roy Dittmann im Interview “Als Solopreneur fehlen einem verschiedene Sichtweisen”

"Alleine produziert man schneller mal einen 'Schuss in den Ofen' als mit einem guten Team. Und natürlich lastet alle Arbeit auf den eigenen Schultern, wodurch wichtige Dinge wie Netzwerken, Vertrauen aufbauen, eine gute Öffentlichkeitsarbeit oder die Einsammlung von Budgets viel zu kurz kommen", sagt Roy Dittmann.
“Als Solopreneur fehlen einem verschiedene Sichtweisen”

In unserem Themenschwerpunkt Sologründer beschäftigen wir uns ausführlich mit Einzelgründern, also Gründern die als Einzelperson ein Start-up hochziehen. Im Sologründer-Interview mit deutsche-startups.de spricht Roy Dittmann, Gründer von Märkte Digital, einen Infodienst zum Auslandsgeschäft im Internet, über Belastungen, Sichtweisen und das Finanzamt.

Was ist die größte Herausforderung, der sich Sologründer stellen müssen?
Das ist glaube ich eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Je nachdem für welchen Weg man sich entscheidet, dürfte eine Hauptfrage lauten ob man entweder bereit ist, das Risiko einzugehen den gesicherten Job hinzuschmeißen für eine “fixe Idee” oder ob man sich der Belastung des Balanceaktes zwischen regulärem Job und Start-up Job gewachsen fühlt.

Blicken wir einmal auf die positive Seite: Was ist der größte Vorteil, den Sologründer haben?
Entscheidungsprozesse bedürfen keiner weiteren Abstimmung, wodurch sich Vorhaben viel schneller umsetzen lassen als beispielsweise in einem mittelständischem Betrieb mit Abteilungen, Hierarchien oder starrem Regelwerk.

Jetzt ein Blick auf die negative Seite: Was ist der größte Nachteil, den Sologründer haben?
Im Prinzip ist der von mir zuvor genannte Vorteil zugleich der größte Nachteil, da einem als Solopreneur Feedback und verschiedene Sichtweisen fehlen. Alleine produziert man schneller mal einen „Schuss in den Ofen“ als mit einem guten Team. Und natürlich lastet alle Arbeit auf den eigenen Schultern, wodurch wichtige Dinge wie Netzwerken, Vertrauen aufbauen, eine gute Öffentlichkeitsarbeit oder die Einsammlung von Budgets viel zu kurz kommen.

Sind Ihnen Fehler unterlaufen, die bei einer Teamgründung vermutlich nicht passiert wären?
Oh, da gibt es einige. Als eine große Belastung empfinde ich die hohen Vorauszahlungen an das Finanzamt. Das hatte ich nicht auf dem Schirm. Vermutlich weil ich zu viel Zeit vertrödelt habe mit der Frage, ob ich mir das zutraue. Oder positiv umformuliert: Ich habe mir sehr viel Zeit genommen alles gut vorzubereiten oder zumindest das gute Gefühl zu haben, das es so sei. Letztlich haben mich jedoch Freunde und Geschäftspartner in dem Vorhaben bestärkt, es zu versuchen, da ich nur so herausfinden kann, ob ich damit Erfolg habe oder scheitere. Am Ende stolpert man dann über solche Offensichtlichkeiten wie Steuern.

Gibt es Tools und Services, die Ihnen die Arbeit erleichtern?
Da gibt es so viele, das ich gar nicht wüsste, welches ich zuerst nennen sollte. Das ist auch immer abhängig vom konkreten Vorhaben. Nicht jedes Tool und nicht jeder Service ist für jedes Start-up gleichermaßen geeignet. Ein für mich essentielles Tool ist WordPress. Hierzulande immer noch vielfach unterschätzt, hat sich diese einst simple Blogsoftware mittlerweile zum Boilerplate für jedwede Form von Browseranwendung gemausert mit einer weltweit riesigen Community und schier unendlichen Erweiterungsmöglichkeiten. Aber fragen Sie mich doch mal lieber was mir die Arbeit erschwert.

Was wäre das?
Wenn ich mir etwa den verschärften EU-Entwurf zum Leistungsschutzrecht ansehe, möchte ich ganz heftig mit dem Kopf schütteln. So würde nur noch die bloße Verlinkung erlaubt, jeder weitere Inhalt müsste also folglich stets paraphrasiert werden. Bisher gelten rein zitierte Snippets als Presseschau und sind lizenzpflichtig. Es zeigt aber auch, wie weit die Vertreter eines Leistungsschutzrecht Ihrer Zeit hinterher hinken, denn mit “Tensor Flow” oder “WordAI” wird es künftig möglich sein genau diese Verschärfungen zu umgehen.

Würden Sie wieder ein Unternehmen alleine gründen?
Wenn ich „Luft habe“ und von der Geschäftsidee überzeugt bin – warum nicht? Aktuell bin ich auf der Suche nach guten Schreibern, die regelmäßig Fachbeiträge zum Exportgeschäft verfassen würden, zu einem bestimmten Thema, einer Branche oder Region. Ziel ist die Schaffung eines digitalen Fachmediums zur Außenwirtschaft, welches sich vornehmlich an Firmen mit bestehendem oder beabsichtigtem Engagement im Ausland richtet.

Welchen Tipp geben Sie anderen Sologründern mit auf den Weg?
Einen guten Steuerberater! Nein, im Ernst, man muss sich glaube ich daran gewöhnen, das viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Dem permanenten Gefühl nachzugeben, sollte man nicht nachgeben. Das muss man einfach ignorieren sonst wird man unglaubwürdig.

Aus unserem Themenschwerpunkt Sologründer: “So finden Solopreneure das passende Geschäftsmodell“, “Einzelgründer sind keine schlechten Teamplayer” und “Einzelgründer müssen nicht immer kleine Brötchen backen“.

ds-soloBuchtipp für Sologründer: Ausführliche Informationen über das große Thema Solopreneurship (in all seinen Facetten) bietet das gelungene und lehrreiche Buch Solopreneur: Alleine schneller am Ziel von Brigitte und Ehrenfried Conta Gromberg, das als Buch und EBook zur Verfüfung steht. Hier ein Auszug: “Lieber solo gründen? Drei Mythen rund um Teams“.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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