Gastbeitrag von Thomas Keup Startups in Hamburg: “Deutschland hat nicht nur ein Paris”

Wenn die Berliner Startup-Szene in Teilen eine Bubble ist, wie sieht es dann in der Wirtschaftsmetropole Hamburg aus? Ein großer Unterschied: Hamburger Startups sind wesentlich “businessgetriebener”. Zugleich ist Hamburg ein präferierter Standort für erwachsene Gründer.
Startups in Hamburg: “Deutschland hat nicht nur ein Paris”

“Etwas aufzubauen ist nicht, in einem Berliner Hinterhof Kaffee zu trinken.” Die charismatische Gründerin des Berliner Kinder-App-Startups “Fox & Sheep” Verena Pausder spricht den 300 Journalisten und Medienvertretern auf der diesjährigen Medienkonferenz “Scoopcamp” im Hamburger Kehrwieder-Theater aus dem Herzen. Unter dem Titel “Put your heart into it” bringt die westfälische Unternehmertochter und Wahl-Berlinerin ungeliebte Wahrheiten auf den Punkt:

Die gehypte Berliner Gründerszene mit bis zu 3.000 Startups umschreibt sie offen und präzise als “so schnell, mit so viel Geld und so hohen Benchmarks”. Die diesjährige Preisträgerin des Hamburger “Scoop Awards” für Medien-Entrepreneure kritisiert am Berliner Tech-Ökosystem vor allem den “fehlenden Tiefgang”. “Es wird zum Hobby, zu raisen”, pointiert die Erfinderin der “Digitalwerkstatt” für Kinder die Mentalität zahlreicher “Hipsterpreneure” mit der Qualifikation Vollbart und MBA.

Hamburger Startups? businessgetrieben.

Wenn die Berliner Startup-Szene in Teilen eine Bubble ist, wie sieht es dann in der Wirtschaftsmetropole Hamburg aus? Die Auswertung des Hamburger “Startup Monitors” weist aktuell rd. 570 Startups mit ca. 5.400 Beschäftigten aus. Initiatorin Sina Gritzuhn weiß um eine große Vielfalt an der Elbe, von starkem E-Commerce über Games bis zu Fin-Tech, von Media über Fashion bis zu Deep-Tech. Ein großer Unterschied: Hamburger Startups sind wesentlich “businessgetriebener”.

“Hamburg ist ein sehr teurer Standort. Es ist teuer, hier zu leben. Mitarbeiter sind teuer und knapp”, so die Geschäftsführerin von “Hamburg Startups”. “Wer hier gründet, muss ein Geschäftsmodell haben, sonst hält er es nicht lange durch.” Zugleich ist Hamburg ein präferierter Standort für erwachsene Gründer, die hier mit ihren Familien leben wollen, weiß die Netzwerkerin. Sie haben Hamburg wegen der Lebensqualität gewählt.

Hamburg: VC-Meetings mitten aufm Kiez

Ein alljährliches Highlight der Hamburger Startup-Szene ist der von “Hamburg Startups” organisierte Pitch-Contest “Startups@Reeperbahn”. Mehr als 120 Bewerbungen aus ganz Deutschland machen den Contest mit VC-Meetings im Rotlicht-Ambiente und Blind Dates mit Mentoren zu einem bedeutenden Startup-Event – neben weiteren Formaten der privaten Initiative, wie der Hamburg Startup Monitor, der jetzt auch in Baden-Württemberg erhoben wird.

Vor gut einer Woche pitchten die 5 Finalisten bei “Startups@Reeperbahn” zum 4. Mal vor einer internationalen Jury sowie vor mehr als 300 Gründern, Investoren und Corporates um den 100.000 Euro-Mediapreis. Gewinner wurde das Cloud-Tech-Startup “Baqend” mit einer Lösung zur Beschleunigung von Webseiten und Apps. 5 Jahre forschte das 4-köpfige Gründerteam an der Universität Hamburg daran, Internetinhalte bis zu 2,5 mal schneller aufzurufen.

Schulterschluss mit der Old Economy

Mit “Baqend” hat ein für Spiele-Entwickler, E-Commerce-Anbieter, Digital-Agenturen und Software-Firmen interessantes B2B-Startup gewonnen – gegen eine 360-Grad-Drohne, eine Gitarren-Lern-App, eine Echtzeit-Pferde-Überwachung und eine Sport-Sponsoring-Agentur. Die Wahl ist eine typisch Hamburger Entscheidung, deren Startup-Szene laut Mathias Jäger – Chefredakteur der Hamburger “Gründerfreunde” – seit gut 3 Jahren stetig wächst.

“Baqend” ist mit dem B2B-Fokus ein gutes Beispiel für Hamburg. Verena Pausder rät der Szene explizit den “Schulterschluss mit der Old Economy”. Mit Asklepios, Comdirect, der Hamburger Sparkasse, Lufthansa Technik, dem Universitätsklinikum Eppendorf sowie neuen Food-Inkubatoren sind eine Reihe großer Tanker bereits auf Kurs. Doch die Programme sind nicht allein erfolgversprechend, weiß Mathias Jäger. Sina Gritzuhn ergänzt, dass “noch zur Debatte steht, ob alles so gut ist”.

Tor zur Welt – aber noch ein bisschen zu

May-Lena Bork – Leiterin des vom Senat und dem Verein “Hamburg@Work” getragenen Medienclusters “Next Media” und der Gründerinitiative “Start Hub” – sieht eine Reihe von Branchen bereits gut aufgestellt, z. B. die Medien, die Luftfahrt-, Hafen- und Logistikbranche sowie den E-Commerce. Besonders aktiv sind die von der Digitalisierung betroffenen Verlage in der Mediencity. Mit dem “Next Media Accelerator” von Dpa und Partnern sowie dem “Greenhouse Innovation Lab” von Gruner + Jahr gibt es gleich 2 Medien-Hubs.

Einen interessanten Ansatz hat der Verein “12min.me” entwickelt: Zusammen mit Partnern veranstaltet die vom Entrepreneur Oliver Rößling initiierte Reihe Fokus-Treffen zu Fin-Tech, IoT, Law, Life Sciene, Mobility, Touristik, Internationalisierung und einen Startup-Slam mit bis zu 500 Besuchern. 10.000 Mitglieder zählt die – mit 13 Themen in 8 Städten aktive Initiative – in ihren Meetup-Gruppen, 3.300 allein in Hamburg. Trotz des Erfolgs sieht der 34-jährige Unternehmer noch einiges zu tun: “Hamburg ist das Tor der Welt – aber leider noch ein bisschen zu.”

An Facebook oder Google verkaufen

Zu den größten Hindernissen für Hamburger Startups zählt die Finanzierung. An der Elbe fehlen sowohl engagierte Angels als auch Seed-VCs. Für Karsten Schwaiger – im Medien-Amt der Hamburger Senatskanzlei zuständig für die Entwicklung der Tech-Szene – ist es nicht ganz leicht, Fonds für die Hansestadt zu interessieren. Auch die heimische Kaufmannschaft hat die Chancen noch nicht allumfassend erkannt, bestätigt Nadja Zimmermann von der Handelskammer, obwohl viel Geld in der Stadt ist.

Beim “Scoopcamp” pitchten 3 junge Teams um den Sieg des 48-Stunden-Hackathons. Im Mittelpunkt der – von Klaus Weinmeier, Co-Founder von derStandart.at und Meinolf Ellers, Chief Digital Officer der Dpa – begleiteten Ideen: Künstliche Intelligenz für Medien-Bots – als mobile Suche und Argumentationshilfe. Lennart Kurzner, Student an der Hamburg Media School, brachte die Finanzierungsthematik auf den Punkt. Als Monitarisierungsmöglichkeiten sieht er vor allem “Stiftungs-Journalismus, an Facebook oder Google verkaufen.”

Noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten

Sina Gritzuhn wird in Sachen Unterstützung noch deutlicher: “Da muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.” Dabei helfen Events, wie “Startups@Reeperbahn” oder “12min.me”. Zugleich gibt es viele Anknüpfungspunkte, mit der Wirtschaft zu kooperieren, z. B. bei der 1. Fintech-Week des Finletters im Hamburger Betahaus – inkl. des für Hamburg bedeutenden Schwerpunkts Insure-Tech. Nicht zu vergessen: in Hamburg sitzen 10 der umsatzstärksten Firmen Deutschlands, wie Airbus, Beiersdorf, Edeka, Otto oder Tchibo.

Fazit nach zwei Wochen intensiver Recherche vor Ort, zwei erstklassigen Digital-Events und Gesprächen mit allen namhaften Startup-Promotoren in Hamburg: Die Hansestadt hat vor allem eine Chance bei der Digitalisierung ihrer starken Wirtschaft – wenn diese bereit ist, zu investieren und in guter Kaufmannstradition neuem Geschäft eine Chance gibt. Für Hamburger Startups gibt es eine Chance, meint auch Kennerin Verena Pausder, denn: “Deutschland hat nicht nur ein Paris.”

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Foto (oben): Shutterstock

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