Schweizer Crowdinvesting-Plattform Investiere macht Bergfürst Konkurrenz

Mit den Konzepten Crowdfunding und Crowdinvesting soll mehr Demokratisierung in den Finanzierungsmarkt kommen, indem die Menge der Nutzer selbst darüber entscheidet, was finanzierungswürdig ist, und jeder sich mit einem geringen Betrag beteiligen kann. […]
Schweizer Crowdinvesting-Plattform Investiere macht Bergfürst Konkurrenz

Mit den Konzepten Crowdfunding und Crowdinvesting soll mehr Demokratisierung in den Finanzierungsmarkt kommen, indem die Menge der Nutzer selbst darüber entscheidet, was finanzierungswürdig ist, und jeder sich mit einem geringen Betrag beteiligen kann. Doch manche Plattformen wie Bergfürst (www.bergfuerst.com) in Deutschland und Investiere (www.investiere.ch) in der Schweiz gehen bereits einen anderen Weg.

“Crowdinvesting funktioniert auf Dauer nur, wenn die Qualität der Investoren sowie der vorgestellten Unternehmen sehr hoch ist”, glaubt Steffen Wagner von Investiere. Und weil es „gute“ Investoren nur gegen echte Anteile gibt, erhalten Privatinvestoren bei Investiere keine stillen Beteiligungen sondern Aktien. Ist dies das Crowdinvesting-Konzept der Zukunft?

Die Nachhaltigkeit crowd-finanzierter Start-ups ist meist gering

Aus PR-Gründen vermeidet Steffen Wagner es meist, von seiner Plattform Investiere als Crowdfunding-Plattform zu sprechen: Dies schrecke potentielle Investoren eher ab, glaubt er. Denn unter Branchenexperten sei längst klar, dass die Nachhaltigkeit von Crowd-finanzierten Unternehmen unter dem Marktdurchschnitt liege. Auf Investiere sollen deshalb auch nicht junge Start-ups mit einer neuen, interessanten Idee finanziert werden, sondern Unternehmen, die schon länger unterwegs sind und bereits gewisse Erfolge und eine Erstfinanzierung vorweisen können. Bei Investiere können sie auf eine Folgefinanzierung hoffen, die sich zwischen einigen Hunderttausend Euro und ca. 1,5 Millionen Euro abspielt. Auch auf Seiten der Privatinvestoren läuft es anderes als bei Seedmatch und Co., denn wer sich beteiligen will, muss mindestens 10.000 CHF (ca. 8.000 Euro) auf den Tisch legen. Dafür gibt es dann aber keine stille Beteiligung, sondern echte Unternehmensanteile in Form von Aktien mitsamt aller Mitspracherechte.

Investiere ist in der Schweiz schon seit drei Jahren unterwegs und hat dort 20 Finanzierungsrunden in die Wege geleitet. Jetzt will das Unternehmen den gesamten DACH-Raum in Angriff nehmen und hat die ersten Start-ups aus Deutschland und Österreich in der Prüfungs-Pipeline. Mit Investiere will Wagner mehr Qualität in den Crowdinvesting-Markt bringen. Das gelinge, indem man sowohl auf Seiten der vorgestellten Unternehmen wie auch auf Seiten der Investoren hohe Standards habe. Beides ist seiner Meinung nach im Seed-Finanzierungsbereich kaum möglich. Denn für professionelle (Privat-)Investoren seien Investments erst ab einer bestimmten Höhe interessant, ansonsten stünden die Kosten für Transaktion, Qualitätsprüfung, Anwälte etc. in keinem Verhältnis zur Investitionssumme. Wagner versucht, auf der Plattform eine gute Mischung aus Business Angels, Serial Entrepreneurs, VC Funds und VC-Gesellschaften herzustellen. Die Experten schlagen nicht nur vor, welche Unternehmen finanziert werden sollen, sondern sollen mit ihrem breiten Experten-Spektrum und den unterschiedlichen Netzwerken auch zum Erfolg der Start-ups beitragen.

Demokratisierung des Finanzierungsmarktes?

Doch kann man bei einem solch starken Fokus auf Experten überhaupt noch von Crowdinvesting und einer Demokratisierung des Finanzierungsmarktes sprechen? Wagner findet schon. Privatinvestoren hätten nun endlich die Chance, in Anlageklassen zu investieren, die ihnen vorher verwehrt blieben. Letztendlich müsse auch nicht jeder Experte sein, der investiert, sondern könne der Expertise des Netzwerkes vertrauen – auf der Website gibt es einen Community-Bereich, in dem sich die privaten und institutionellen Investoren austauschen können und Fragen stellen bzw. beantworten. Dass alle Investoren Mitspracherecht haben, sieht Wagner für die Start-ups nicht als Nachteil an, sondern als Vorteil: Es sei doch für Start-ups ein enormer Erfahrungs- und Expertise-Schatz. „Außerdem beteiligen sich bei uns ja nicht Hunderte von Aktionären, sondern meist nur 15 bis 30 – da kann man noch gut zusammenarbeiten.“

Das Konzept, alle Investoren zu Aktionären zu machen, gibt es im deutschsprachigen Raum bisher nur bei Bergfürst, das mit Urbanara bald seine erste Millionen-Finanzierung stemmt. Obwohl Bergfürst und Investiere in der Grundausrichtung gleich aufgestellt sind, gibt es Unterschiede: Während Bergfürst auch den Sekundärmarkt bedient, Anteilseigner also ihre Anteile auch wieder an der Börse verkaufen und damit handeln können, bedient Investiere nur den Primärmarkt. Das soll auch so bleiben. Auch sieht sich Investiere vom Investitionsvolumen her zwischen Bergfürst, wo es auch mal um zwei bis drei Millionen geht, und den Early-Stage-Investitionsplattformen.

Zwei Konzepte, zwei Einsatzmodelle

Mittlerweile kann man im Bereich Crowdinvesting also von zwei unterschiedlichen Herangehensweisen sprechen: Einmal Plattformen wie Seedmatch und Innovestment, bei denen sich Privatinvestoren mit geringem Einsatz beteiligen können und stille Beteiligungen oder partiarische Nachrangdarlehen erhalten. Je nach Konzept entscheidet entweder die Crowd darüber, welche Start-ups finanziert werden, oder die Plattformbetreiber. Privatinvestoren können nach einigen Jahren wieder aussteigen. Auf der anderen Seite Plattformen wie Bergfürst und Investiere, die neben wohlhabenden Privatinvestoren auch auf VCs und VC-Gesellschaften setzen und echte Anteile in Form von Aktien vergeben (zwischen diesen Polen gibt es natürlich viele Start-ups im Graubereich).

Im besten Fall werden zukünftig beide Modelle nebeneinander laufen: Das eine für Frühphasen-Finanzierung, das andere für Series A- und B-Runden. Während bei dem einen Konzept junge und noch nicht erfolgreiche Unternehmen die Chance bekommen, einen finanziellen Anschub zu bekommen und sich bekannt zu machen, geht es bei dem anderen Modell darum, vielversprechende Unternehmen mit einer kräftigen Folgefinanzierung auszustatten, was in Deutschland bekanntlich nicht immer einfach zu bekommen ist.

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Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.