“Oberstes Ziel ist es, die Auslandsangebote zu etablieren” – Interview mit Matthias Siedler, Michael Reinicke, Stefan Weber von mitfahrgelegenheit.de

Über Mikini Media (www.mikinimedia.de), das Unternehmen hinter mitfahrgelegenheit.de (www.mitfahrgelegenheit.de), gab es in den vergangenen Jahren sehr wenig zu lesen, dabei bearbeiten die Gründer Matthias Siedler, Michael Reinicke, Stefan Weber (Foto: v.l.n.r.) mit ihrer […]
“Oberstes Ziel ist es, die Auslandsangebote zu etablieren” – Interview mit Matthias Siedler, Michael Reinicke, Stefan Weber von mitfahrgelegenheit.de

Über Mikini Media (www.mikinimedia.de), das Unternehmen hinter mitfahrgelegenheit.de (www.mitfahrgelegenheit.de), gab es in den vergangenen Jahren sehr wenig zu lesen, dabei bearbeiten die Gründer Matthias Siedler, Michael Reinicke, Stefan Weber (Foto: v.l.n.r.) mit ihrer Mitfahrzentrale einen spannenden Markt, sind Marktführer in Deutschland, zudem in acht weiteren Ländern aktiv und haben mit Earlybird einen namhaften Investor an Bord. Im Interview mit deutsche-startups.de sprechen die Gründer erstmals ausführlich über Pionierarbeit, ungenutzes Potenzial und die Einführung einer globalen Dachmarke.

Seit Anfang Dezember gehört mitfahrzentrale.de zu Mikini Media. Wie geht es nun weiter, integrieren Sie mitfahrzentrale.de in ihr eigenes Angebot mitfahrgelegenheit.de?
Michael Reinicke: Die Portale laufen erst einmal parallel weiter, da unterschiedliche Businessmodelle auf den beiden Plattformen integriert sind. Langfristig werden wir die Portale aber zusammenführen.

Inwiefern unterscheiden sich die beiden Geschäftsmodelle?
Matthias Siedler: Das Angebot von mitfahrzentrale.de ist bereits seit 2006 kostenpflichtig. Für die Anzeige der Telefonnummer des Fahrers muss der Mitfahrer eine kleine Gebühr bezahlen. mitfahrgelegenheit.de hingegen finanziert sich aktuell zum Großteil durch Werbeeinnahmen und Kooperationen. Kostenpflichtige Dienste wie ein Premium-Service oder das mitfahrgelegenheit.de Buchungssystem existieren ebenfalls, sind derzeit aber optional.

Wie sieht denn nach der Übernahme von mitfahrzentrale.de die Marktsituation in Deutschland aus, sehen Sie hierzulande noch nennenswerte Wettbewerber?
Stefan Weber: Wie bei jedem Marktplatz ist eine erfolgreiche Vermittlung nur bei ausreichend großer Liquidität möglich. Also dann, wenn genug Angebot und Nachfrage vorhanden sind. Mit nun insgesamt 4,1 Millionen Visits sind wir der mit großem Abstand reichweitenstärkste Anbieter im deutschsprachigen Raum. Mitfahrgelegenheit.de alleine gehörte mit 3,7 Mio. IVW-Visits bereits zu den 150 größten Webseiten in Deutschland. Mitfahrzentrale.de war mit 0,4 Mio. Visits die Nummer 2 im deutschen Markt. Es gibt daneben eine große Anzahl kleinerer Portale. Diese verfügen aber nicht über die notwendige kritische Masse um erfolgreich Fahrten zu vermitteln.

Seit dem Einstieg von Earlybird 2009 ist Mikini Media stark expandiert. Inzwischen existieren Ableger in Österreich, der Schweiz, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Polen, Italien und Griechenland. Setzen Sie dieses Expansionstempo 2011 fort?
Matthias Siedler: Oberstes Ziel in diesem Jahr ist es, die neuen Auslandsangebote zu etablieren und die Reichweite zu erhöhen. Vor allem in Frankreich, Polen und Österreich wachsen wir in rasantem Tempo. Das Thema Mitfahrgelegenheiten ist aber nicht in allen Ländern so bekannt wie in Deutschland und es existieren kulturelle Unterschiede. In einigen Ländern wie Griechenland leisten wir sozusagen Pionierarbeit und müssen den Markt von Null aufbauen. Der steigende Benzinpreis und die anhaltende Klimadiskussion verhelfen uns aber zu einer großen Aufmerksamkeit und die Idee wird überall mit großer Begeisterung aufgenommen.

Wie sieht die Marktsituation in den Ländern aus, in denen Sie schon vertreten sind: Gibt es dort starke Konkurrenten?
Stefan Weber: Der neben Deutschland am weitesten entwickelte Markt ist Frankreich. Dort wird das Thema Mitfahrgelegenheiten staatlich gefördert und vor allem Unternehmen, Städte und Kommunen bieten Mitfahrlösungen für ihre Mitarbeiter oder Bürger an. Es gibt es eine Vielzahl an etablierten Mitbewerbern, ähnlich wie in Deutschland. Aber auch dort haben nur wenige Anbieter die notwendige kritische Größe um erfolgreich Fahrten zu vermitteln. Wir sind mit unserem französischen Portal www.envoiture.fr bereits sechs Monate nach dem Launch der viertgrößte Anbieter und wachsen in hohem Tempo weiter. In einigen Ländern existieren zudem „mitfahrgelegenheit.de-Klone“, die bis auf Farbe und Logo eine nahezu 1:1 Kopie unserer Webseite sind.

Alle ihre Auslandsableger in nicht-deutschen Ländern, firmieren unter verschiedenen Namen, wäre ein einheitlicher Name nicht sinnvoller?
Michael Reinicke: Bei der Einführung eines neuen Portals im Ausland spielen ein guter, lokaler Domainname und die gleichzeitige Relevanz für Suchmaschinen eine große Rolle. Vor allem bei kleinem Marketingbudget. Daher sind wir in den meisten Ländern aktuell mit einem eigenen Domainnamen am Markt. Langfristig planen wir aber die Einführung einer einheitlichen, globalen Dachmarke.

Wann soll dies geschehen, noch in diesem Jahr?
Stefan Weber: Nein, in diesem Jahr sicher noch nicht. Wir fokussieren uns in 2011 auf den Aufbau der Auslandsmärkte unter den existierenden Domains und den Ausbau unseres Geschäftsmodells. Die Einführung einer globalen Dachmarke wird frühestens 2012 erfolgen.

Wie steuern Sie die Auslandsaktivitäten: Mit einem Team vor Ort oder von Deutschland aus?
Matthias Siedler: Alle Auslandsaktivitäten führen wir von unserem Münchener Büro aus. Unsere Country Manager sind ausschließlich Muttersprachler mit exzellenten Kenntnissen der lokalen Märkte. Sie lokalisieren die Seiten, kümmern sich um Presse- und Marketingarbeit, Customer Care und strategische Kooperationen. Aktuell beschäftigen wir 20 Mitarbeiter, den Großteil im Customer Care und in der Softwareentwicklung.

Ein anderes wichtiges Thema für Mikini Media scheint Facebook zu sein, Sie sind dort sogar mit einer eigenen Anwendung vertreten. Was ist die Idee dahinter?
Stefan Weber: Die Idee hinter unseren Facebook-Aktivitäten ist schnell erklärt: Wenn ich beispielsweise eine Mitfahrgelegenheit anbiete, kann ich über unsere Facebook-App oder durch die Funktion Publish to Facebook auf mitfahrgelegenheit.de mein Freundesnetzwerk über meine Fahrt informieren. Vielleicht will der alte Schulfreund ja ebenfalls am Wochenende auf einen Besuch in die Heimat. Facebook bietet uns wie kein anderes Medium die Möglichkeit neue Mitglieder zu gewinnen und die Vermittlungschance für Fahrten weiter zu erhöhen.

Ihre Plattform mitfahrgelegenheit.de besteht schon seit 2001. Wie ist der Service entstanden und wann wurde mitfahrgelegenheit.de zum richtigen Geschäft?
Matthias Siedler: Wir haben mitfahrgelegenheit.de während unseres Studiums im Jahr 2000 konzeptioniert und im April 2001 online gestellt. Während alle drei Gründer nach dem Examen feste Jobs angenommen haben, lief der Betrieb nebenberuflich weiter. Die Weiterentwicklung der Plattform erfolgte in der Freizeit. Die Zugriffe stiegen von Jahr zu Jahr kontinuierlich und ab Ende 2006 waren die Vermarktungseinnahmen dann hoch genug, um einen der Gründer, Michael Reinicke, Vollzeit zu beschäftigen. Es war aufgrund der steigenden Arbeitsbelastung auch gar nicht mehr möglich, das Portal nebenberuflich zu betreiben. Wir standen damals also vor der Entscheidung ‚ganz oder gar nicht‘. Ende 2006 wurde dann die Mikini Media GmbH gegründet und Stefan folgte kurze Zeit später in die Selbständigkeit. Seit Ende 2009 und dem Einstieg von Earlybird sind alle drei Gründer bei der Mikini Media Vollzeit beschäftigt.

Wo steht mitfahrgelegenheit.de bzw. Mikini Media heute?
Stefan Weber: Die Mikini Media betreibt heute die zwei größten deutschen Mitfahrportale mit zusammen knapp acht Millionen vermittelten Personen pro Jahr und ist in neun europäischen Ländern aktiv. Wir haben vor wenigen Monaten erfolgreich ein neuartiges Buchungssystem eingeführt, welches die Abwicklung des Vermittlungsprozesses über unsere Plattform ermöglicht und durch ein gekoppeltes Bezahl- und Bewertungssystem mehr Sicherheit und Transparenz bietet.

Wie verdienen Sie Geld?
Stefan Weber: Neben den Erlösen durch Bannerwerbung verdienen wir Geld durch den Verkauf von White Label-Lösungen an Unternehmen, Städte und Kommunen sowie durch Kooperationen im Mobilitätsbereich wie z.B. dem ADAC, der Deutschen Bahn, Berlin Linienbus oder AirBerlin. Auf unserer Plattform befinden sich jeden Monat knapp 1 Millionen Unique User, die auf der Suche nach günstigen Reisemöglichkeiten von A nach B sind. Wir können somit ganz hervorragend preiswerte Restkontingente in anderen Verkehrsträgern verkaufen. Durch die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Liberalisierung des Fernbuslinienverkehrs im nächsten Jahr und die Ausweitung unserer Kooperation mit der Deutschen Bahn wird sich in den nächsten Monaten sehr viel auf unserer Plattform tun. Zudem verdienen wir Geld mit unserem Premium Service und dem neu eingeführten Buchungssystem. Während der Premium Service die vollumfängliche und werbefreie Nutzung aller Funktionen auf mitfahrgelegenheit.de erlaubt, ermöglicht das Buchungssystem eine Abbildung des gesamten Buchungsprozesses auf unserer Seite. Mitfahrer können eine Fahrt verbindlich buchen, direkt online über unser System bezahlen und erhalten danach ein Fahrtticket mit allen Daten des Fahrers. Bei der Buchung über das Buchungssystem fällt eine Gebühr von 2 Euro an.

Wirtschaften Sie profitabel?
Aufgrund der umfangreichen Investitionen sind wir derzeit nicht profitabel. Die Erreichung des Break-Even ist aber für dieses Jahr geplant.

Was sind Ihre Pläne für die kommenden Monate?
Matthias Siedler: Wir werden in den kommenden Monaten eine XML-Schnittstelle der Deutschen Bahn auf unseren Seiten integrieren und uns so noch mehr als ‚Low Cost Travel-Portal‘ etablieren. Unsere Nutzer profitieren von preiswerten Reiseangeboten der Bahn und können damit auch ohne Mitfahrgelegenheit preiswert von A nach B gelangen. Zudem geht im Februar endlich unsere iPhone-App in allen 9 europäischen Ländern online. Diese war seit langem gewünscht und ist längst überfällig.

Ihre Kooperation mit der Deutschen Bahn ist ein interessanter Aspekt. Auf andere Transportvermittler wie deinbus.de, die per Netz Busreisen organisieren, ist die Bahn nicht gut zu sprechen. Können Sie die Aufregung verstehen?
Stefan Weber: Die Bahn hat ein gesetzlich verankertes Monopol auf Bus- bzw. Linienverbindungen in Deutschland. Die einzige Ausnahme bildeten einige Strecken von und nach Berlin während der deutschen Teilung. Vor diesem Hintergrund will die Bahn lediglich ihr lang gehegtes Monopol verteidigen. Das und immer wieder juristisch verteidigte Monopol der Bahn beginnt jedoch mit der beschlossenen Liberalisierung des Busverkehrs zu bröckeln, so dass wir uns an neue Player bei Busreisen gewöhnen werden.

Was ist die langfristige Perspektive von Mikini Media – ein Verkauf an Sixt oder ein anderes Unternehmen aus dem Segment Mobilität?
Michael Reinicke: Durch die steigenden Kosten für Mobilität, die anhaltenden Umweltprobleme und eine Veränderung der Bedeutung des Automobils agieren wir in einem sehr spannenden Umfeld mit schier unbegrenzten Möglichkeiten. Viele Unternehmen aus dem Automobil-, Transport- oder Mobilitätsbereich können von unseren Lösungen profitieren. Selbst Daimler ist mit einer eigenen Mitfahrzentrale car2gether seit einigen Monaten aktiv. Wir sind sicher, dass das Thema Mitfahrgelegenheiten in der Zukunft einen deutlich größeren Anteil am Mobilitätsmix einnehmen wird und sich gesellschaftlich weiter etabliert. Die Zeiten in denen Mitfahrgelegenheiten nur von Studenten mit schmalem Geldbeutel genutzt werden sind längst vorbei. Über einen Verkauf denken wir derzeit aber noch nicht nach. Dafür ist zu viel Potential noch gar nicht genutzt.

Wo steht Mikini Media in einem Jahr?
Stefan Weber: Unser Ziel ist es, die Marktführerschaft in Deutschland weiter auszubauen und in einem Jahr in Frankreich zur Nummer zwei aufzusteigen. Zudem wollen wir die Monetarisierung der Plattform über unser Buchungssystem weiter entwickeln und unser Low-Cost-Angebot ausweiten. Oberstes Ziel ist aber die Erreichung des Break-Even. Wenn alles gut läuft, müssen wir uns im Laufe des Jahres neue Büroräumlichkeiten suchen.

Zu den Personen
Michael Reinicke, Stefan Weber und Matthias Siedler entwickelten mitfahrgelegenheit.de während ihres Studiums. Aus dem Nebenbei-Projekt, das 2001 ins Netz ging, wurde 2006 die Mikini Media GmbH und somit ein ordentliches Unternehmen. 2009 stieg Earlybird beim Start-up ein. Inzwischen existieren Ableger in Österreich, der Schweiz, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Polen, Italien und Griechenland.

Artikel zum Thema
* Übernahme: Mikini Media kauft Mitfahrzentrale.de
* Earlybird investiert in Mikini Media

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.