Fünfzehn Fragen an Julia Soergel von mite

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein? Dinge endlich auf die Art anpacken zu können, wie ich sie persönlich auch für sinnvoll und vertretbar halte. Ohne Rücksicht auf »Das haben wir […]

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Dinge endlich auf die Art anpacken zu können, wie ich sie persönlich auch für sinnvoll und vertretbar halte. Ohne Rücksicht auf »Das haben wir aber schon immer so gemacht!« und in Hinblick auf einen angenehmen, herausfordernden Arbeitsalltag, in dem ich es auch mehr als einige Wochen mit Begeisterung aushalten kann.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Sebastian Munz, die zweite Hälfte von mite, und ich steckten mitten in unserer Diplomarbeit »Agile Produktentwicklung im Neuen Web«. Ein theoretisches Modell zur Entwicklung und Markteinführung einer einfachen Webanwendung mit beschränkten Ressourcen hatten wir entworfen, das jedoch in einem zweiten Schritt auch auf seine Praxistauglichkeit hin getestet werden musste. Uns für diesen Test den Bereich Zeiterfassung vorzuknöpfen schien uns zwar thematisch wenig neu und aufregend, aber nichtsdestotrotz prädestiniert: 2006 wimmelte der Markt von hochkomplexer, unübersichtlicher Desktopsoftware, die gefühlt im letzten Jahrhundert von grummeligen Buchhaltern entwickelt worden war. Eine einfach bedienbare, ansprechend gestaltete Webanwendung konnten wir jedoch nicht ausfindig machen. Dabei sahen wir genau dort Bedarf bei Freelancern und kleineren, beweglicheren Teams: Wer möchte sich in diesem sowieso schon leidigen – wenn auch notwendigen – Bereich auch noch mit doofen Tabellenwüsten herumärgern, und das tagtäglich?

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Yolk ist zu 100% eigenfinanziert. Die Startinvestitionen waren so gering, dass wir mit eigenem Ersparten starten konnten: 15.000 Euro.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Die Auswahl geeigneter Payment-Providern samt technischer Umsetzung aller Abrechnungsprozesse habe ich am Schlimmsten in Erinnerung. Aus Datenschutzgründen konnten wir nur deutsche Angebote in Anspruch nehmen. Hier fielen wiederum viele von vorneherein heraus, da sie unsere technischen Anforderungen nicht erfüllen könnten. Die schlussendlich Übrigbleibenden… nunja, ich möchte es einmal so formulieren: die Branche ist ein Graus. Unbeweglich, angestaubt und mit gelinde gesagt bescheidenem Service. Liebe Start-Ups dort draußen, die ihr das noch vor euch habt: plant genug Zeit ein, und behaltet bloß eure gute Laune!

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Viele Kleinigkeiten, doch nichts Grundsätzliches. Schnelle kleine Schritte in der Entwicklung, kontinuierliche Gespräche mit realen Anwendern und nicht zuletzt Tipps Erfahrenerer auf Blogs et al. helfen unserer bisherigen Erfahrung nach, die schlimmsten Fallen zu umgehen.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Ein sehr gutes Produkt samt engagiertem, ehrlichen Service sind unserer Meinung nach das beste Marketing.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Sebastian Munz.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Seid fair zu euren Nutzern und schafft das für sie – nicht für euren Businessplan – hilfreichste Tool. Sie werden es euch danken.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Gesunden Menschenverstand, eine einfachere Steuerpolitik ohne Klientelschmusereien und kostenfreies, flächendeckendes W-LAN in Ballungsräume.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Danke, das möchte ich mir nicht einmal vorstellen.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Da würde es mich doch deutlich stärker nach Übersee ziehen: Evernote würde ich dort einmal gerne näher kennenlernen wollen, Twitter natürlich, GitHub und die 37signals.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
Die Neugier setzt sich hier klar durch: In die Zukunft würde ich gerne reisen, etwa 50 Jahre – gesetzt den Fall, dass ich an dieser Zukunft nach Zurückkehr ins Heute denn auch etwas ändern könnte.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
So cheesy das klingen mag: einen Großteil würde ich tatsächlich spenden und Freunden damit aushelfen, die es nicht so glücklich erwischt haben. Davon ab würde ich im Großen und Ganzen so weitermachen – ich mag mein Leben.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Im Park, mit guten Freunden, gutem Kuchen und gutem Prosecco.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Mit Woody Allen.

Zur Person
Julia Soergel ist Mitgründerin des Berliner Unternehmes Yolk, welches jüngst von der Financial Times Deutschland bei enable2start ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit dem Hamburger Sebastian Munz entwickelt und betreibt sie seit 2006 die webbasierte Zeiterfassung mite (www.mite.yo.lk). Davor arbeitete die Diplom-Ingenieurin als Bloggerin, Webdesignerin und Fotodesignerin.

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.