Zehn Fragen an Markus Witte von babbel.com

Können Sie sich eine Welt ohne Internet vorstellen? Ohne weiteres. Als Kulturwissenschaftler habe ich mich intensiv mit anderen Gesellschaften und Epochen auseinandergesetzt. Dadurch habe ich eine lebendige Phantasie für exotische Lebenswelten. Allerdings hätte […]
  • Von Christina Cassala
    Freitag, 3. Oktober 2008
  • 3 Kommentare

Können Sie sich eine Welt ohne Internet vorstellen?
Ohne weiteres. Als Kulturwissenschaftler habe ich mich intensiv mit anderen Gesellschaften und Epochen auseinandergesetzt. Dadurch habe ich eine lebendige Phantasie für exotische Lebenswelten. Allerdings hätte ich wenig Lust in einer solchen Welt zu arbeiten – höchstens in einem Elfenbeinturm abseits der Kontore und Manufakturen.

Wann waren Sie zum ersten Mal im Internet?
Ganz ehrlich: ich weiß es nicht mehr. Tatsächlich gehöre ich ja nicht zur “Generation Y”, die mit dem Web schon aufgewachsen ist. Als ich mit 14 angefangen habe, an Rechnern zu sitzen, hatte ich es noch mit Kühlschrankgroßen Monstern von Olivetti zu tun, auf denen BASIC-Programme von 9/14\’\’-Disketten gestartet wurden. Da war schon die Verbindung von einem Arbeitsplatz um anderen ein Wunder. Irgendwann während des Studiums wurden dann Altavista und die Online-Bibliothekskataloge zu ein wichtigen Anlaufstellen. Das kam so nach und nach und ohne ein großes Initiationserlebnis.

Auf welche Website können Sie nicht verzichten?
Leider bin ich derzeit ziemlich stark von Google abhängig, da ich ziemlich viele G-Dienste wie E-Mail und Kalender nutze. Eigentlich gehöre ich zu denen, die einem solchen Konzern lieber nicht vertrauen, aber bevor ich mir einen eigenen Mailserver aufsetze oder meine Dokumente wieder auf der lokalen Festplatte verwalten muss, lasse ich mich darauf ein. Für gute, einfache und nachhaltige Alternativ-Vorschläge ware ich dankbar.

Worauf können Sie im Internet verzichten?
Verzichten könnte ich vermutlich auf mehr als 99% der Online-Angebote und Dienste. Ich schätze die unüberschaubare Vielfalt des Netzes aber sehr und wäre von einem einfachen, beherrschbaren und verständlich geordenten Internet gelangweilt bis abgeschreckt. Deswegen bin ich froh über jede Skurilität und Abwegigkeit, die es im Web gibt.

Was war bisher Ihr größter Erfolg?
Da ich eher ein Team-Player bin als ein Einzelkämpfer, sind meine individuellen Erfolge eher persönlicher Art. Dennoch ist mein größter Stolz der Erfolg von Babbel. Dahinter steht ein Team von anfangs vier und inzwischen mehr als zwanzig Leuten, wenn man die Freiberufler mitzählt. Teil dieses Teams zu sein und mit diesen Leuten zusammenarbeiten zu können, ist eine Riesen-Sache.

Was Ihr größter Flop?
Leider hatte ich noch nicht genügend Mittel in der Hand um einen richtig großen Flop zu landen. Dazu kommt eine recht große Portion Glück, sodass mir dazu eher kleine aber peinliche Fehler einfallen. Das größte Projekt, das gänzlich ohne jeden Erfolg geblieben ist, war bisher meine Dissertation, die ich eingefroren habe, als ich bei Native Instruments angefangen habe. Mehr als ein Personenjahr meiner Arbeitszeit steckt jetzt in einem unvollendeten und wohl auch nicht mehr zu beendenden Buch über Räumlichkeit unterschiedlicher Speichermedien. Nicht mal die bestehenden Kapitel über Speichersysteme assyrische Tontafeln werde ich wohl je zu irgend etwas verwenden können.

Worüber können Sie lachen?
Über platte Witze und dumme Sprüche. Manchmal auch über Horst Evers, aber nur wenn er seine Texte nicht selber liest. Am liebsten lache ich über meine eigenen Ungeschicklichkeiten – zumindest, wenn ich zuerst lache und wenn nicht allzu viel kaputt gegangen ist.

Was bringt Sie zum Weinen?
Das Weinen ist für mich eine ziemlich private Angelegenheit.In der Öffentlichkeit zu weinen kann ich in aller Regel vermeiden, auch wenn mir manchmal danach zumute wäre.

Mit wem würden Sie gerne mal tauschen?
Es gibt sehr viele Perspektiven, die ich gern mal für begrenzte Zeit einnehmen würde. Zum Teil aus Neugier, zum Teil für den Genuss.

Was sollte unbedingt mal jemand erfinden?
All die praktischen Dinge, die mir alltäglich fehlen, wie ein echter PDA mit vernünftiger Daten-Integration, 21\’\’-Monitor und richtiger Tastatur, kommen vermutlich ohnehin demnächst auf den Markt. Wenn ich mir also schon mal was wünschen darf, dann hätte ich lieber leistungsfähigere Community-Konzepte. Ein soziales Netzwerk für alle, mit dem man sich voll identifizieren kann, in dem faire, gleichberechtigte Kooperation gefördert und antisoziale Impulse von einzelnen und Gruppen ausgebremst werden wäre eine großartige Erfindung. Da aber solche Ideen recht oft ganz furchtbar nach hinten losgehen, würde ich dann vermutlich doch lieber die neue Mensch-Maschine-Schnittstelle nehmen, die auch für kleine Geräte eine gute Benutzung ermöglicht – und das nach Möglichkeit ohne einen gruseligen Direktzugang zum Nervensystem!

Zur Person:
Markus Witte, Jahrgang 1970, ist Mitgründer und Geschäftsführer von Lesson Nine, der Firma hinter der Sprachlern-Plattform Babbel.com. Witte studierte Kommunikations- und Kulturwissenschaft in Essen, Bremen und Berlin. Danach kam ein kurzes akademisches Zwischenspiel an der New York University, gefolgt von einer fast zweijährigen Arbeit als Wissenschalftlicher Mitarbieter am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität. Seit Mai 2007 betreibt er zusammen mit Lorenz Heine, Thomas Holl und Toine Diepstraten den Aufbau des Sprachportals Babbel.com (www.babbel.com).

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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